«Lassen Sie sich von Ihrem Kind erziehen»

Ihr Erziehungsbuch sorgt für Furore: Bestseller-Autorin Shefali Tsabary. (PD)

Ihr vieldiskutiertes Erziehungsbuch erklimmt die Bestsellerlisten: Autorin Shefali Tsabary. (PD)

Sie ist Psychologin, Mutter eines Kindes und Bestsellerautorin. Der Dalai Lama verfasste das Vorwort ihres Elternratgebers «The Conscious Parent» (Bewusste Eltern), und sie selbst gilt in Kanada, den USA und Indien als Shootingstar: Shefali Tsabary. Die gebürtige Inderin wohnt in New York, vereint östliche Philosophie mit westlicher Psychologie und trifft mit ihren Aussagen über Erziehung, Elternsein und Achtsamkeit offensichtlich den Nerv der Zeit.

In den USA gibt es ihr viel diskutiertes Elternbuch schon seit vier Jahren, in Grossbritannien hat es letzte Woche ein englischer Verlag publiziert – und klettert nun auch dort munter die Bestellerliste hoch. In Deutsch ist das Buch noch nicht erhältlich.

Was aber ist so besonders am gefühlt zehntausendsten Erziehungsratgeber? Was meint Talkshowmoderatorin Oprah Winfrey, wenn sie sagt, das Buch sei das fundierteste Buch, das sie jemals übers Elternsein gelesen habe? Und weshalb warnt die Gründerin von «Netmums», Siobhan Freegard, von der grössten Elternwebsite Englands, gleichzeitig vor ebendiesem Buch?

Erstens: Tsabarys Aussagen sind interessant, auch inspirierend, doch ist das Buch in Bezug auf konkrete Erziehungsfragen nicht besonders erhellend. Vieles ist einem als Mutter und Vater hoffentlich schon von Anfang an klar. Etwa, dass einer der Gründe für eine enge Beziehung zwischen Eltern und Kindern «die natürliche Freundlichkeit» zueinander ist (Dalai Lama). Oder man als Eltern auf die Persönlichkeit und die Bedürfnisse der Kinder eingehen solle (Tsabary).

Folgende zehn Aussagen macht die Psychologin weiter im Buch:

  • Befreien Sie sich von den Lasten Ihrer eigenen Kindheit.
  • Ignorieren Sie die Ratschläge der Grosseltern.
  • Betrachten Sie Elternsein als eine erfüllende Aufgabe, gar als spirituellen Weg. «Ihr Kind soll Sie dabei führen.»
  • Seien Sie authentisch. Niemand ist perfekt, doch man kann anhand von Fehlern wachsen.
  • Es ist wichtig für unsere Kinder, dass wir ihre Hand halten – doch ohne sie dabei hinter uns herzuziehen.
  • Kinder kommen mehr oder weniger komplett auf die Welt, und wir Eltern müssen ihnen lediglich beim Aufwachsen helfen. Eltern und Kinder begegnen sich auf derselben Augenhöhe. Eltern sollen nicht bestrafen – was jedoch nicht bedeutet, dass Kinder alles dürfen.
  • «Wenn wir unsere Kinder dazu drängen, unseren Erwartungen gerecht zu werden, verweigern wir uns ihnen, so wie sie sind. Das ist der Keim einer Funktionsstörung.»
  • Eltern sollen genau hinsehen und sich in das Kind hineinfühlen, was für das betreffende Kind aktuell das Richtige ist. Wir Eltern sollen ein Kind darin bestärken, sich selbst zu sein.
  • Die verdrängten Eigenschaften würden uns oft aus der Fassung bringen. Diese bezeichnet Tsabary als unsere «Schatten». Je intensiver und liebevoller wir uns mit ihnen auseinandersetzen, desto besser würden wir als Eltern.
  • «Schmerz wird von Generation zu Generation weitergegeben. Diesen Kreislauf zu durchbrechen, ist einer der wichtigsten Faktoren bewussten Elternseins.»

Das klingt weise, spirituell – zuweilen aber auch diffus und abgehoben. Und genau deswegen warnt Siobhan Freegard von «Netmums» vor dem Buch: Sie fürchtet, es löse bei den vielen gestressten Eltern Schuldgefühle aus. Lese man über all die sogenannt wichtigen Dinge, welche die Autorin schreibe – und die man als Eltern nicht gemacht habe –, könne man deprimiert und noch gestresster werden. Heutige Eltern setzten sich bei der Erziehung ihrer Kinder enorm unter Druck und hätten das Gefühl, nicht zu genügen, sagt sie gegenüber dem englischen Newsportal «Telegraph».

Dasselbe zeigen auch die aktuellen Ergebnisse einer Umfrage der Zeitschrift «Eltern». Die meisten der 1000 befragten Eltern gaben an, unter selbst gemachtem Druck zu leiden: Die Gründe dafür liegen dabei weniger im Spagat zwischen Arbeit und Familie, schreibt die Zeitschrift, sondern vor allem an den hohen Ansprüchen an sich selbst.

Was halten Sie von Shefali Tsabarys Aussagen? Und wie sehr setzen Sie sich selbst unter Druck? Diskutieren Sie mit.

Shefali Tsabary in einem Vortrag zu «The Conscious Parent». (Quelle: Youtube)