Scheidungskrieg mit Kinderaugen

Ein Gastbeitrag von Meike Büttner*

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Für ein Kind ist es unverständlich, weshalb sich die Erwachsenen plötzlich vor dem Richter treffen. Szene aus dem Scheidungsfilm «Das Glück der grossen Dinge» mit Julianne Moore und Alexander Skarsgård. Foto: PD, Red Crown Productions

Anna ist fünf Jahre alt und lebt in Zürich. Heute ist sie mit ihrem Vater im Zoo unterwegs. Sie sind nicht allein. Frau Egli begleitet die beiden auf Schritt und Tritt. Sie spricht aber kaum mit Anna oder ihrem Vater. Sie ist einfach da. «Wie ein Schatten», sagt Papa. «Wie ein Spion», denkt Anna. Papa möchte offenbar nicht so gerne, dass Frau Egli dabei ist. Trotzdem ist sie jedes Mal da, wenn Anna und ihr Papa sich treffen. Anna verunsichert das. Frau Egli ist sicher keine Freundin von Papa. Wieso bringt er sie trotzdem immer mit, wenn er sie abholt?

Sie beobachten gemeinsam die Elefanten in ihrem weitläufigen Gehege. Anna liebt Elefanten. Ihre ulkigen Geräusche bringen sie zum Lachen, ihre Ohren erinnern Anna an Herzen. «Elefanten sind sehr treue Familientiere», sagt ihr Vater mit Wehmut in der Stimme. Und Frau Egli sieht auf die Uhr: «Wir müssen Anna jetzt wieder zu ihrer Mutter bringen.» Papa sieht Anna an und schürzt die Lippen. «Schade», sagt er. «Die Zeit ging so schnell rum.» Er sieht ganz traurig aus. Anna fühlt sich schuldig.

Von Papa muss sie sich schon am Ausgang verabschieden. Frau Egli fährt Anna in ihrem Auto nach Hause zu Mama. Anna sieht dabei die ganze Zeit aus dem Fenster, um nicht so sehr zu merken, dass sie mit einer fremden Frau in deren Auto sitzt.

Mama ist erleichtert, als Anna zurückkehrt. Aber auch sehr angespannt. Sie will dann immer mit Frau Egli reden, und Anna soll nicht zuhören. Sie sitzt in der Zwischenzeit in ihrem Zimmer und tut so, als würde sie spielen. Die Geschichte mit Frau Egli ist komisch. Anna ist überzeugt, dass sie eine Spionin ist. Aber sie versteht nicht, wieso ihre Mutter sie engagiert hat.

Als Frau Egli gegangen ist, essen Anna und ihre Mutter Znacht. Mama will wissen, ob es schön war im Zoo, und fragt lauter Sachen über Papa. Ob er von seiner Arbeit erzählt habe, erkundigt sie sich. Oder ob er etwas über sie gesagt habe. Lauter Fragen, die Anna nicht beantworten kann. Sie versucht, ihren Kopf auszuschalten. So wie wenn sie bei Frau Egli aus dem Autofenster sieht. Einfach nicht da sein, wo man gerade ist. Anna weiss, dass das geht. Sie übt es nun schon seit einem halben Jahr.

Die Mutter bringt Anna zu Bett und liest ihr eine Geschichte vor. Anna kann sich gar nicht darauf konzentrieren. Sie hat Angst davor, dass ihre Mutter gleich aus dem Zimmer geht. Dass es Nacht ist und Anna ganz allein. Sie weiss nicht genau, was ihr passieren könnte, aber sie fühlt Panik in ihrem kleinen Körper. «Wir müssen jetzt schlafen», sagt Mama und küsst ihre Stirn. «Morgen habe ich wieder einen Gerichtstermin.» Anna nickt. Sie muss ihren Eltern helfen, denkt sie. Sie haben ein riesiges Problem und müssen ständig vor Gericht. Anna muss sich um ihre Eltern kümmern.

Als ihre Mutter das vierte Mal ins Zimmer kommen muss, weil Anna nicht einschlafen kann, wird sie sauer. «Anna, ich habe einen harten Tag vor mir. Ich brauche meinen Schlaf!», sagt sie, und Anna schämt sich. So sehr, dass sie zu weinen beginnt. Mama nimmt sie mit in ihr eigenes Bett. Da kann Anna endlich einschlafen. Sie träumt, dass ihre Eltern im Gefängnis sitzen. Anna sucht den Schlüssel zu ihren Zellen, um sie zu befreien, aber Frau Egli rennt damit davon, und ein Uniformierter stellt sich Anna in den Weg. Sie weint im Schlaf.

Am nächsten Morgen muss alles ganz schnell gehen. Mama ist so gestresst, dass sie die meisten Sachen zu laut sagt: «Zieh dich endlich an, Anna!» oder «Wieso hast du dir immer noch nicht die Haare gekämmt?» und «Iss bitte schneller. Wir kommen zu spät!». Arme Mama, denkt Anna. Hoffentlich muss sie nicht ins Gefängnis!

Im Kindergarten ist sie die Erste. «Siehst du, Mama. Wir sind gar nicht zu spät», versucht sie Mama zu beruhigen. Mama lächelt. Aber sie sieht immer noch traurig aus. Anna muss schneller werden, nimmt sie sich vor. Mama darf nicht mehr ihretwegen so traurig sein. Als Mama weg ist, setzt Anna sich an ein Fenster und schaut in den Garten. Sie kann jetzt nicht ans Spielen denken. Ihre Eltern müssen heute schon wieder vor das Gericht, und Anna hat keine Ahnung, wer von beiden der Verbrecher ist. Vielleicht Papa – und deswegen hat Mama diese Spionin engagiert? Aber vielleicht auch Mama. Anna hat beide immer für Helden gehalten. Keiner von ihnen ist ein Verbrecher, findet sie, aber sie fragt ja niemand. «Hast du am Wochenende deinen Papa gesehen?», reisst ein Erzieher sie aus ihren Gedanken, und Anna nickt zur Antwort. Ist der Erzieher Tobias vielleicht auch ein Spion?

Obwohl Anna als Erste gekommen ist, wird sie als Letzte abgeholt. Mama muss ganz viel arbeiten und erledigen, seitdem Papa nicht mehr bei ihnen wohnt. Ihre Mutter sieht noch unglücklicher aus als am Morgen. Anna versucht, sie aufzuheitern, und sagt so viele witzige Sachen, wie ihr nur einfallen. «In Zukunft kannst du den Papa ohne Frau Egli treffen», sagt sie im Auto, und Anna freut sich riesig. Bis sie bemerkt, dass Mama das offenbar gar nicht so gut findet. «Der Richter hat das beschlossen», schiebt sie hinterher. «Heisst das, der Papa hat gewonnen und du hast verloren?», fragt Anna vorsichtig. «So ungefähr.» «Bist du dann die Verbrecherin?», platzt es aus ihr heraus. «Verbrecherin?», wiederholt ihre Mutter erstaunt. «Niemand ist hier ein Verbrecher, Anna.»

Anna nickt, obwohl sie es nicht versteht. Sie versteht nur, dass die Eltern sich streiten und dass es in ihrem Streit um Anna geht und dass fremde Leute bestimmen, wer von ihren Eltern ein Gewinner und wer der Verlierer ist. Das Gericht sorgt für Gerechtigkeit, haben Annas Eltern ihr immer erklärt. Anna fände es gerecht, wenn sie selbst entscheiden dürfte, wer einen Streit über sie gewinnt. Anna würde sagen, dass beide Eltern gewonnen haben. Anna würde nie einen von ihnen verlieren lassen, wenn sie bestimmen dürfte. Den Richter findet Anna deswegen doof. Er hat ihre Mama ganz traurig gemacht, und nun wird Anna sich um sie kümmern müssen. Anna ist völlig überfordert, aber das wird sie erst in 30 Jahren wissen.

Anna gibt es nicht. Ich habe sie mir ausgedacht. Ihre Gefühle sind aber alle echt und spiegeln das, was aus der psychologischen Arbeit mit Scheidungskindern bekannt ist.

buettner_150x150*Meike Büttner lebt und arbeitet in Berlin. Sie ist Autorin, Referentin, Musikerin und Mutter einer Tochter. Sie war lange Zeit alleinerziehend und lebt heute in einer kleinen, ausbaufähigen Patchworkfamilie. Im Juli hat sie den Smart Hero Award für ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten für Alleinerziehende erhalten.