Die Wurzel aller Übel?

Ein Gastbeitrag von Monika Zech*

Kind Grimasse640

Antiautoritär erzogene Kinder werden nicht zu Monstern, sondern zu selbstständigen – und selbstständig denkenden – Menschen. Foto: Emmanuel Szép (Flickr)

Die Mär, die antiautoritäre Erziehung mache aus Kindern kleine Monster, hält sich bis heute. Monster, die Erwachsene malträtieren. In schöner Regelmässigkeit finden schauderhaft witzige Geschichten mit einem derart «verzogenen» Kind in der Hauptrolle den Weg in die Öffentlichkeit. Interessanterweise spielen sie sich, wie das unlängst im Mamablog publizierte Joghurt-Filmchen, stets in der Schlange vor der Supermarktkasse ab. Man stösst beim Googeln immer wieder auf dieselben Schilderungen (etwa hier), in Nuancen dem jeweiligen Publikum angepasst.

Seit Jahrzehnten wird daran gearbeitet, die antiautoritäre Erziehung als die schlimmste aller Erziehungsformen darzustellen. Der Begriff ist heute das Synonym für alle Missstände in Schule und Elternhaus, ja, für den Wertezerfall in der ganzen Gesellschaft. Wieso eigentlich? Was ist falsch daran, einem Kind das Recht einzuräumen, um seiner selbst willen geachtet und geliebt zu werden und sich nach seinen Fähigkeiten und Interessen entwickeln zu dürfen, statt ihm etwas aufzuzwingen, was ihm überhaupt nicht entspricht? Aber: «Wenn eine junge Mutter meint, ihr Kind müsse die Haustüre mit roter Tinte bemalen, damit es sich frei ausdrücken kann, hat sie die Bedeutung von Selbstbestimmung nicht begriffen.»

Dieser Satz stammt aus dem Buch «Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung» von Alexander Sutherland Neill, dem Gründer der Summerhill-Schule und Verfechter einer gewaltfreien Erziehung. Das Buch, 1960 erschienen, galt damals vielen als Evangelium und Neill als so etwas wie der Messias der antiautoritären Erziehung. Was ihm, wie es heisst, überhaupt nicht gefiel. Denn schliesslich wollte er mit der Erziehung zur Freiheit vor allem der blinden Autoritätsgläubigkeit der Masse entgegenwirken, die für ihn die Wurzel aller Übel auf der Welt war: Krieg, Verbrechen, Hass.

Und Neill schrieb schon damals: «Es ist erstaunlich, wie viele Eltern, die von der Idee begeistert sind, sie missverstehen.» Immer wieder betonte er, dass es nicht darum gehe, Kinder zu verwöhnen und ihre Rechte über diejenigen der Erwachsenen zu stellen. «In einem Heim, in dem Disziplin herrscht, haben die Kinder keine Rechte. In einem Heim, in dem sie verwöhnt werden, haben sie alle Rechte. In einem guten Heim haben Kinder und Eltern jedoch gleiche Rechte.» Ständig versuchte er, den Unterschied zwischen Freiheit und Zügellosigkeit zu erklären. Offensichtlich vergeblich, wenn alles, was es dazu bis heute zu berichten gibt, klischierte Kind-macht-Terror-im-Supermarkt-Storys sind.

Demzufolge müssen Steuerbetrüger und Sozialschmarotzer, Vergewaltiger und Schläger, Rassisten und Kriegstreiber – alle, die so falsch herausgekommen sind – Früchtchen der antiautoritären Erziehung sein. Wer das glaubt, sollte dieses Buch endlich einmal lesen und dann darüber nachdenken, welche Erziehungsmethoden wir heute noch hätten, wenn Neill und andere Reformpädagogen nicht gegen das verbreitete Schlagen und Strafen von Kindern angetreten wären.

Statt über die antiautoritäre Erziehung zu schimpfen, sollte man sich vielmehr darüber ärgern, dass ihr Einfluss nicht nachhaltiger und umfassender war: Dass immer noch Menschen wie Schafe (Ver-)Führern hinterher blöken und sich von ihnen für dumm verkaufen lassen. Dass Doppelmoral und Heuchelei immer noch verbreitet sind. Dass Religion immer noch Mittel zur Unterdrückung und Anlass für Kriege ist. Die Liste lässt sich, wie man täglich erfahren kann, beliebig verlängern.

Robert Misik: «Eine Verteidigung der antiautoritären Erziehung»Quelle: DerStandard.at, Youtube

Interview mit Alexander Sutherland Neill (in Englisch)Quelle: Education Options TV, Youtube

Promo-Film der Summerhill-Schule heuteQuelle: Youtube

Monika*Monika Zech war von 2005 bis 2010 Chefredaktorin bei «Wir Eltern». Heute arbeitet sie als freie Journalistin sowie als Redaktorin bei der «Tierwelt». Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern, Grossmutter von drei Enkelkindern und aufgewachsen mit neun Geschwistern.