Schulfrei wegen der WM?

Erziehungsfragen spielen mit: Die sechsjährige Shakira Gabarri schaut im Haus ihrer Grosseltern in Madrid die Begegnung Kroatien - Spanien an der Europameisterschaft 2012. (Foto: Susana Vera/Reuters)

Erziehungsfragen spielen mit: Die 6-jährige Shakira Gabarri schaut im Haus ihrer Grosseltern in Madrid die Begegnung Kroatien – Spanien an der Europameisterschaft 2012. (Foto: Susana Vera/Reuters)

Ich gehöre zu den strengsten Eltern der Schweiz. Da kicken also einmal alle vier Jahre die allerbesten Fussballer um die bedeutungsvollste Trophäe der Welt – und mein Zwölfjähriger muss heute Abend auf das Eröffnungsspiel verzichten. Skandal, grobes Foul, rote Karte – findet er.

Doch WM-Begeisterung hin, jugendlicher Gruppendruck her, mein Nein dazu hat einen guten Grund: Das Spiel Brasilien gegen Kroatien beginnt um 22 Uhr und wird kurz vor Mitternacht abgepfiffen sein. Das heisst, das Kind schläft erst gegen halb eins. Steht es um sieben Uhr auf, weil es in die Schule muss, hat es bloss sechseinhalb Stunden geschlafen. Das ist sogar für einen Erwachsenen eher wenig. Für ein Kind, das in diesem Alter zwischen neun und zehn Stunden Schlaf braucht und einen langen Schultag vor sich hat, ist das viel zu wenig.

Das Argument der «Ausnahme» zieht in diesem Fall nicht und in den Deal, wenigstens die erste Halbzeit schauen zu dürfen, willige ich nicht ein. Die TV-Übertragung eines Fussballspiels zwischen – sorry – irgendwelchen Mannschaften, ist ein übermüdeter Schultag nicht wert.

Denn erstens werden fussballbegeisterte Kinder die kommenden vier Wochen sowieso auf ihre Rechnung kommen: Das Spiel um den Ball wird sie (und uns) rund um die Uhr begleiten, von frühmorgens bis spätabends. Zweitens geht das Leben während dieser Zeit weiter. Wir arbeiten und die Kinder gehen zur Schule. Und irgendwann ist Schlafenszeit.

Unverständlich die Forderungen einiger deutscher Politiker, die Schüler nach Spielen der Nationalelf ausschlafen zu lassen – oder die Schule an den Tagen danach ganz zu streichen. Was als Goodwill für die Schüler (und PR-Aktion in eigener Sache) gedacht ist, ist ein falsches Signal. Kinder und Jugendliche müssen lernen, dass sie auch bei einem solchen Grossereignis weiterhin funktionieren und ihre Kräfte einteilen. Sie können nicht überall dabei sein; auch wenn sie die grössten Fussballfans der Welt sind und alle Namen der Spieler und Strategien der Trainier auswendig kennen. Ihnen das zu vermitteln – und ihnen das Schauen gewisser Spiele schlicht zu verbieten – ist Sache der Eltern. Das gehört zur Erziehung.

Die Forderung des Lehrerpräsidenten Beat W. Zemp dagegen ist sympathisch: Er plädiert dafür, die Lehrerinnen und Lehrer mögen während den kommenden Wochen auf müde Schüler etwas Rücksicht nehmen. Sie sollten direkt nach einem Spiel der Schweizer Nationalmannschaft keine Prüfungen durchführen.

Auf eine solche Haltung der Lehrerinnen und Lehrer hoffen auch wir. Denn obschon ich zu den «strengsten Eltern der Schweiz» gehöre, werde ich Ausnahmen machen. Beim dritten Spiel der Schweizer Nationalmannschaft beispielsweise, wenn sie am übernächsten Mittwoch um 22 Uhr gegen Honduras antritt. Das wird dann etwas ganz besonderes sein. Ist der Sohn am nächsten Tag hundemüde, nehme ich das in Kauf.

Was ist Ihre Meinung? Wann sollen Kinder an der WM ins Bett? Braucht die Schule auf müde Kinder Rücksicht zu nehmen?