Oktoberfest in Zürich-Nord

Ein Papablog von Maurice Thiriet.

Prost: Besucherinnen des Originals in München. (Foto: Keystone)

Nächstes Jahr werde ich mit meinen beiden Söhnen ans Oktoberfest gehen.

Als ich mit meinen Jungs am diesjährigen Oktoberfest vorbeikam, da wollte ich es zuerst ignorieren. Es war etwa vier Uhr an einem Freitagnachmittag im Coop Center Eleven in Oerlikon und an den mit weiss-blau karierten Tischtüchern dekorierten Festbankgarnituren sassen vereinzelt oder in Zweiergrüppchen eine Handvoll IV- und sonstige Rentner. Zwei Seniorinnen, beide mit diesem rätselhaften Violett-Stich in den Haaren, mussten sich gegenseitig beim Heben der Masskrüge helfen, sonst wären sie gar nicht zum Trinken gekommen und ein dicker Mann mit oben Glatze und hinten langen weissen Haaren prostete mit seinem Bierkrug besoffen aber stolz den Passanten zu.

In der Kapelle, die zur Hauptsache aus einem alten Sinalco-Sonnenschirm bestand, spielten ein Alleinunterhalter südostasiatischer Herkunft und ein Gitarrenspieler aus den bolivianischen Anden «Sweet Caroline» von Neil Diamond in der Version von Elvis Presley. Beide trugen Lederhosen, Karohemden und Trachtenwesten. Am anderen Ende des Oktoberfestes stand ein Inder hinter einem Gasgrill. Er erinnerte stark an Alfred Biolek und briet in Selbstgespräche vertieft «Hendl», die er garniert mit Gurkensalat und weissem Plastikbesteck den Rentnern servierte.

Es sah einfach alles nicht ganz richtig aus.

Wir waren schon fast vorbei, als mich eine ausladend gebaute Frau in einem zwei Nummern zu kleinen Dirndl am Arm fasste und fragte, ob wir nicht beim Bierkrug-Curling mitmachen wollten. Dazu hätten wir einen Bierkrug über ein langes geöltes Holzbrett zielgenau in ein kleines Holz-Häuslein schupfen sollen. Obwohl meine Söhne unverhohlen Interesse zeigten, lehnte ich ab, denn es gab eine Schlange vor dem Bierkrug-Curling und man musste zur Teilnahme seine Daten samt Name und Adresse zuhanden eines nicht mehr eigenständigen Schweizer Brauerei-Konzerns auf einen Talon schreiben. Ich glaubte ausserdem, dass die Vespa, die als Hauptgewinn winkte, gar nicht existierte.

Wenig später in der Gemüse-Abteilung realisierte ich, dass der kleine Sohn, in unserem Einkaufsauto stehend, strahlend zu «Sweet Caroline» von Neil Diamond in der Version von Elvis Presley tanzte. Der grössere Sohn liess den Arm zum Fenster des Einkaufsautos raushängen und winkte gelegentlich dem besoffenen Proster zurück.

Als ich den Kleinen so tanzen und den Grossen so winken sah, wurde mir schlagartig bewusst, was für ein stierer Langweiler ich letzthin geworden bin. Noch vor fünf Jahren hätte ich an einem Freitagnachmittag um vier Uhr keine Sekunde gezögert, mich am Oktoberfest des Oerlikoner Coop Center Eleven zu «Sweet Caroline» mit den Altersresidenz-Schönheiten von Zürich-Nord vollaufen zu lassen und gegen IV-Rentner im Bierkrug-Curling um eine nichtexistente Vespa anzutreten.

Dieses Jahr hatten wir wirklich noch viel zu erledigen. Aber nächstes Jahr machen wir das.

mauriceMaurice Thiriet ist seit 2008 Inlandredaktor beim «Tages-Anzeiger». 2011 wurde er mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

80 Kommentare zu «Oktoberfest in Zürich-Nord»

  • Petter sagt:

    Hoffentlich aber dann wirklich nächstes Jahr. Man sagt es einfach zu oft und tut es dann doch nicht… und plötzlich ist man 60ig, stier und unflexibel… Viel Glück!

  • Davide Cortese sagt:

    richtig, das wollt ich schon immer wissen! was genau ist dieser violett-stich? und wieso machen die das? das muss doch einen grund haben!

    • gabi sagt:

      Haartönungsmittel, von dem die Industrie den Weisshaarigen aus irgend einem Grund weis machen konnte, es sähe schicker aus mit einem Violettstich.

      Wirklich noch nie gesehen?

      • Davide Cortese sagt:

        schon tausendmal gspesehen und sie taten mir immer so leid, diese alten, netten damen! meine theorie war immer die, eines misslungenen versuches einer ach zu kreativen frisöse (jetzt bringen wir etwas pepp rein, frau müller).

        danke für die aufklärung. ändert nichts am mitleid, aber trotzdem!

    • gabri sagt:

      Weisse Haare werden in einem leichten blaustich getönt, damit sie weisser und nicht gelblich aussehen. Wenn da dann was schief läuft oder selber gemacht wird, gibt es halt einen violet stich.

    • Carolina sagt:

      In England nennt man die älteren Ladies mit diesem Blaustich im Haar ‚blue rinse brigade‘. Mittlerweile abwertend, aber es gab mal eine Zeit, da hofften vorwiegend konservative, ältere Damen auf ein jüngeres Aussehen. Und nein, es war kein Coiffeusenfehler, sondern Absicht!

  • Claude sagt:

    Also ich fand das Oktoberfest im Marriott sehr nett. Die Kellnerinnen hatten so tiefe Ausschnitte, dass sie sich nicht bücken wollten, die Kellner fesche Lederhosen und das Bier war eigentlich auch sehr gut. Irregeleitete Rentner und Frauen mit violetten Haaren hab ich irgendwie nicht richtig wahrgenommen. UNd das Wetter war auch schön und ich habe es einige Nachmittage und Abende lang genossen, ein echtes Weizen zu trinken und die PAssanten Passanten sein zu lassen. Also ich geh wieder hin und spar mir den Besuch im ständig überfüllten Supercoop Center Elecven gegenüber:)

  • Hugo Moser sagt:

    FInd ich gut. Gewöhnen Sie Ihre Kinder früh genug ans Kampfsaufen und Grabschen. So haben Sie es nachher am weltgrössten Bottelon in München nicht mehr so schwer, sind in die Reihe der Besoffenen und Alkoholkranken einzugliederm. Prost!

  • Auguste sagt:

    hmm…, einfache freuden – zürich ist voll davon. zwischen januar und märz ins schützenhaus pilgern, auf rutschigen ledersohlen – aber gestiefelt – den kleinen, frostigen abhang vom parking zur pforte in den temporären hillbilly-heaven hinauf balancieren, mit einer glänzenden gürtelschnalle, deren grösse alle fragen beantwortet, an der bar lehnen, kaltes miller genuine draft drinken und dunkelbraunes rauchzeug aus einem dreiermüsterli vom promotionsstand rauchen – wenigstens damals noch, als der da auftrat. chnopfstieres vergnügen, aber soo schön.

    youtube: ken mellons – jukebox junkie

  • Karl Knapp sagt:

    Ich war Anfangs September (!) in Zug per Zufall vor dem neuen Eisstadion, ein blauweisses Bierzelt mit Tiroler Buam, die englisch sprachen und Servierpersonal mit Migrationshintergründen in allen möglichen Farben, in Lederhosen und Diandl. Gerne hätte ich trotzdem ein Bier getrunken, die Tiroler Schunkelmusik war immerhin laut genug. Der Türsteher belehrte mich aber, heute sei alles für eine ganze Reisegruppe aus China reserviert. Globalisierung halt.

    • Pippi Langstrumpf sagt:

      Na und, ist halt alles international. Als ich kürzlich in Venedig war, spielte die rumänische Kapelle auf dem Markusplatz die chinesische Nationalhymne, weil direkt in front of them eine grosse Gruppe Chinesen sassen. Überhaupt hatte es sehr viele Chinesen in Venedig, endlich dürfen die auch reisen.

      • Karl Knapp sagt:

        Super ! Wenn dann auch noch das erste blauweiss gewürfelte Bierzelt auf dem Markusplatz steht, geh‘ ich sofort hin, auch wenn das Bier 15 Euro kostet, was ja in Venedig noch günstig ist.

    • Philipp Rittermann sagt:

      *wieher* plastisch dargestellt, kompliment herr knapp. na ja, die chinesen bringen wenigstens kohle ins land. und bei „in 14 tagen um die welt“ sind wir sie dann glücklicherweise auch schnell wieder los. 🙂

    • Auguste sagt:

      hmm…, saupreissn, die chinesischen.

  • Matthias Albrecht sagt:

    Bei dieser Kolumne musste ich laut rauslachen, das schafft nicht jede… Super lustig! Gratulation und Danke.

  • Pippi Langstrumpf sagt:

    Ich dachte schon, was dieser Text wieder soll, dann kam der letzte Abschnitt und ich wusste es: LOL 😉

  • pascal sutter sagt:

    Schöne Geschichte! Tatsächlich wird man heimlich bünzlig und es ist schön, wenn einem solche Erlebnisse wieder den wahren weg weisen! — http://goo.gl/8Rwe6

  • plop sagt:

    Na dann geniessen Sie das denn, nächstes Jahr! Aber ärgern Sie sich dann nicht, wenn diese „Handvoll IV- und sonstige Rentner“ sich kopfschüttelnd darüber unterhalten dass man früher nie solches mit Kindern unternommen hätte (was ja gar nicht möglich gewesen wäre, sind ja solche adaptionen Kinder unserer Zeit), wenn wir bei den klischees bleiben wollen.
    Vielleicht doch eher eine Cervelat im Wald?

  • Walter Boshalter sagt:

    Die diesjährige Oktoberfest-Inflation in Zürich hat einen unheilvollen Höhepunkt erreicht. Der Bedarf mag ja inzwischen quantitativ abgedeckt sein (seid das Bauschänzli in Sachen Zultritt dem münchner Original in nichts nachsteht…), aber qualitativ eiern die Teile zwischen Kommerz und Klischee. Zudem: Wer einmal München erlebt hat muss das nicht wieder haben oder geht ins münchner Umland, wo man im Bierzelt noch auf Einheimische treffen kann (sehr zu empfehlen: das Dachauer Volksfest).

    • Pippi Langstrumpf sagt:

      Wer will in Dachau ein Fest feiern? Das ist vielleicht in 100 Jahren möglich…….

      • Thomas Hobbes sagt:

        @Langstrumpf: Sie haben keine Ahnung. Gehen Sie mal nach Dachau, es gibt dort neben einer historischen Hypothek sehr viel historisches Kapital, einer spannende Gegenwart und besonders viel Zukunft.

      • zeche sagt:

        Ich hoffe nicht mal in 100 Jahren…

      • Walter Boshalter sagt:

        Das ist in der Tat – mit ein paar Unterbrüchen – seit 100 Jahren möglich, werte Pippi. Und ja, die Dachauer teilen das mühsame Schicksal der Bewohner geschichtsträchtiger Orte, weil auch sie von Klischee-Mainstream-Fragenden stets und zuallererst mit ihrer tragischen Vergangenheit in Verbindung gebracht werden („Dachau? da gabs doch ein KZ…“).

      • Mitleser sagt:

        Kein echter Müncher geht noch ans Oktoberfest. Wurde mir von verschiedenen Münchner zumindest so gesagt. Der Anlass sei nur noch für Touristen.
        Ist wie das „Zürifescht“ das ist auch blos eine Fete für die Aglos.

      • alien sagt:

        Naja, beim letzten Zürifest habe ich 15 Minuten gebraucht, um mich vom Seeufer beim Bellevue zum Odeon (auch beim Bellevue) durch zu kämpfen. Das können nicht alles Agglos gewesen sein auf der Strasse.

      • Pippi Langstrumpf sagt:

        Ja ja Hobbes, homo homini lupus. Ich halte es eher mit John Locke.

    • tigercat sagt:

      Ach Frau Langstrumpf, wir sind uns ja einiges gewohnt von Ihnen, aber dass Sie jetzt den Dachauern auch noch das Recht auf Dorffeste absprechen wollen, geht nun wirklich zu weit. Sollen denn die heutigen Einwohner, die nun schon gerade mal gar nicht für das örtliche KZ verantwortlich gemacht werden können, auf alle Zeiten mit gebeugtem Haupt und Trauerkleidung durchs Leben gehen? Also liebe Frau Langstrumpf – wie immer zuerst Hirn einschalten, wenn Sie etwas kommentieren wollen und nicht einfach auf Reizwörter irgendwie reagieren

      • Pippi Langstrumpf sagt:

        Ich verbiete niemandem etwas, ich fragte, wer in Dachau feiern will. Ich nicht, sie offenbar schon. Bitte, viel Vergnügen!

      • Pippi Langstrumpf sagt:

        Und das niemand nichts von gar nichts wusste, ist auch klar. Die Schornsteine rauchten und die Geruchsemissionen waren eindeutig, aber niemand wusste etwas. Schon klar.

        Dass die heutigen Bewohner von Dachau nichts dafür können, leuchtet ein. Die Assoziationen sind trotzdem eindeutig, wenn man den Namen des Ortes kennt, deshalb möchte ich dort nicht feiern.

      • Tschenclock sagt:

        War denn einer von den Befürwortern des Dachau-Dorffestes schon mal in Dachau? Ich schon. Da will man nicht feiern. Und wenn ich auch nichts davon halte, dass man dem deutschen Volk noch immer die Vergangenheit vorhält, feiern mit Hypothek ist nicht wirklich toll.

      • marie sagt:

        ähm… für uns ist es anno domini 2012 in der schweiz einfach über dachau herzuziehen…
        sorry, finde ich jetzt völlig deplatziert.

      • Tschenclock sagt:

        @ marie: Dachau ist ein guter Ort, um Geschichte zu spüren. Aber ich kann Pippi gut verstehen, dass sie dort nicht ins Bierzelt will.

      • marie sagt:

        trotzdem, es ist deplatziert. dort leben menschen denen ihre geschichte durchaus bewusst ist. was sollen sie den tun, damit sie feiern können, ohne gleich für ein fest, 360 tage im jahr wie flagellanten büssend und sich schlagend, durch die strasse zu ziehen, nur damit sich niemand mehr so deplatziert äussert? damit wird die geschichte/vergangenheit nicht bewusster.
        …ich weiss nicht.

      • Tschenclock sagt:

        Was ist denn so deplaziert? Seine Meinung zu äussern? Keiner tanzt auf Ground Zero und das ist auch gut so.

      • marie sagt:

        🙄 …m.e. ist es aber langsam zeit, dass das leben wieder anfängt, denn von „trauern“ werden die toten auch nicht wieder lebendig. das ist nämlich falschaufgefasste trauer.

      • Sportpapi sagt:

        Ich finde ja auch, man sollte aus ganz Dachau ein Museum machen. Mit 43 000 Statisten.

      • Pippi Langstrumpf sagt:

        marie, da ist für mich alles noch zu frisch. Ehemalige Opfer leben noch, Täter z.T. auch noch, ausserdem Familien, die fast alle ihre Vorfahren in Dachau verloren haben, das sind Traumata, die sich über Jahrzehnte hinziehen. Ich kann nicht mal verstehen, dass man dort noch wohnen kann. Kannst du dir vorstellen, dass du in deiner Adresse als Wohnort Dachau angeben musst, oder irgend ein anderer dieser Orte? Ich war vor einigen Jahren in Braunau, auch da hatte ich ganz schlechte Gefühle, obschon die Landschaft rundherum lieblich ist.

      • Pippi Langstrumpf sagt:

        Falsch aufgefasste Trauer, ach so. Erstens marie, gibt es keine ‚falsche oder richtige Trauer‘, weil es dafür keine Gebrauchsanweisung gibt. Zweitens geht es nicht nur um Trauer, sondern vor allem um Respekt!

      • marie sagt:

        liebe bewohner dachaus, auschwitz‘, sobibors, buchenwalds, sachsenhausens usw. lasst euch das festen und das zelebrieren des lebens nicht nehmen, weil euch einige dauernd die vergangenheit unter die nase reiben und euch damit ein schlechtes gewissen machen wollen! merkt euch einfach, wenn solche bemerkungen aus der schweiz kommen, dann könnt ihr den ch-ern unter die nase reiben, dass die ch nicht wenige zu euch zurück geschickt hat, damit sie in den kzs ermordet werden konnten.
        respekt? komische auffassung von respekt – das leben geht weiter, auch für dachau (inkl. liste oben usw…)

      • Pippi Langstrumpf sagt:

        Wenn ich deine letzten Posts lese marie, weiss ich wieder mal genau, warum der Spiegel seine Leser seit Bestehen mit der Aufarbeitung der Na3izeit ’nervt‘, fast jede Woche. Und auf Spiegel TV Filme gesendet werden, z.B. Dok-Filme, wie die Bewohner einer solchen Stadt von den Alliierten zur Verantwortung gezogen wurden, gezwungen, die verscharrten Leichen der Häftlinge auszugraben und richtig zu beerdigen. Gefilmt von einem Armeefilmer, der später eine grosse Karriere als Hollywood-Regisseur machte. Es sind eindrückliche Bilder, die man nicht mehr vergisst. Es ist eine Botschaft an uns alle.

      • Pippi Langstrumpf sagt:

        Es geht auch nicht darum, irgend jemanden zu bashen, ich mag die Deutschen genauso, wie ich die Italiener oder die Franzosen oder die Engländer mag, das ist nicht der Punkt. Es waren auch nicht nur die Deutschen, welche im 2.WW die Menschlichkeit vermissen liessen. Der Männlichkeitswahn – nichts anderes ist Krieg – griff überall um sich.

      • alien sagt:

        Ein alter Kollege von mir kommt aus Braunau. Was kann er dafür? Ist ganz nett. Darf man seinen Heimatort nicht nett finden? Und wenn es etwas zu feiern gibt, dann das auch feiern?

        Naja, ich denke, dass die Bedeutung von solchen Symbolen überschätzt wird.

        Jesus wurde in Jerusalem gekillt. Ist Jerusalem deswegen ein Horrorort? Nein.

      • maia sagt:

        Liebe Pipi. Ich empfehle ihnen dringend den Film „Prénom“ anzuschauen. Es geht darin um einen werdenden Vater der verkündet, dass er seinen Sohn Adolph(e) nennen möchte. Die Reaktionen und Argumentationen dafür und dagegen regen sehr zum Denken an.

      • alien sagt:

        Und Pippi hat eine elegante Schleife gefunden zu ihrem Lieblingsthema.

      • Tschenclock sagt:

        Eines ist klar: aus der Geschichte wird nichts gelernt. Wieso hätte es sonst zu Srebrenica kommen können? Upps, wir wollen ja das Leben feiern.

      • Pippi Langstrumpf sagt:

        Warum sollte ich dringend einen Film anschauen über jemanden, der sich avantgardistisch vorkommt, wenn er seinen Sohn nach einem der grössten Kriegsverbrecher des 20. Jh. nennen will? Darüber mag ich nicht mal nachdenken, das finde ich einfach nur daneben. Es gibt gewisse Sachen, die man/frau ganz einfach nicht tut, wer das nicht checkt, checkt es halt nicht. Es ist müssig, darüber zu philosophieren, weder bringt es uns weiter noch ist es inspirierend und tiefenpsychologisch gibt es auch nichts her, so what?

      • Pippi Langstrumpf sagt:

        Wenn das alles keine Rolle mehr spielen würde, könnten alle offen zu allem stehen. Tun sie aber nicht, sie schämen sich, auch wenn sie nichts dafür können. Ein Freund von mir ist der Sohn eines ehemaligen hohen SS-Offiziers, er hat hier in der CH Karriere gemacht, kaum jemand weiss von seinem Vater. Was solche Geschichten noch nach Generationen auslösen, kann man sich nur vorstellen, wenn man sich wirklich mit dem Thema auseinander setzt, von beiden Seiten. Wie werden es die Kinder des Mannes haben? Wie gehen sie damit um, dass ihr Opa ein SS-Offizier war, wenn sie es dann mal erfahren?

      • Blitz Blank sagt:

        Ich verstehe ja die „moralischen“ Bedenken in Dachau zu feiern. Andererseits ist aber auch billig, aber psychologisch sehr entlastend, das „Böse“ an Dachau und anderen Orten des Schreckens festzumachen – möglichst weit weg vom eigenen Schrebergarten. Das nimmt dann solche groteske Züge an, wo man selbst ein Haus in dem Hitler als Kleinkind ein paar Jahre verbrachte, entweder abreissen oder eine Gedenkstätte draus machen will. Gedenkstätten sind schön und gut für die Opfer. Zum Verstehen des Bösen helfen sie wenig. Das Böse ist vermutlich näher an der Normalität und somit näher an uns als uns lieb ist und kann überall erscheinen.
        Das Reserve-Polizei-Bataillon 101 (500 Mann) z.B. war an der Exekution von mindestens 38.000 J*den direkt beteiligt. Das waren alles ganz normale Männer mit normalen Berufen, Familie…
        http://www.3sat.de/mediathek/?display=1&mode=play&obj=33116

      • Pippi Langstrumpf sagt:

        BB, es geht nicht darum, irgendwo das Böse festzumachen, das kann sich überall ereignen, jeden Tag. Tut es auch, wenn ich sehe, wie alltäglich Gewalt in unserer Gesellschaft immer noch ist.

        Ich sagte, ich möchte nicht feiern in einem Ort, wo abertausende unter furchtbarsten Bedingungen vegetierten, verhungerten und die meisten von ihnen ihr Leben liessen, oft nach schlimmen Folterungen. Ich finde es respektlos, den Opfern und ihren Angehörigen gegenüber. Das kann man evt. anders sehen. Deswegen ausfallend werden muss man nicht. Allerdings machen mich die Ausfälligkeiten etwas nachdenklich.

      • marie sagt:

        „Ich sagte, ich möchte nicht feiern in einem Ort, wo abertausende unter furchtbarsten Bedingungen vegetierten, verhungerten und die meisten von ihnen ihr Leben liessen, oft nach schlimmen Folterungen. “ …tun gott sei dank ganz viele! vor allem familien, die dort leben, die gemeinsam feiern und den kindern und damit den nachfolgenden generationen eben leben(slust) weitergeben. denn das ist immer noch, was einem das leben lebenswert macht. das beste, um nicht zu vergessen, dass man mio von menschen durch das ermorden, genau diese(s) leben(slust) weggenommen hat.

      • gabi sagt:

        Ich finde es vollkommen daneben, ständig ein Wort zu verwenden, dass durch das dritte Reich dermassen belastet wurde, wie „ist“.

        Zahlreiche Zitate von AH, aber auch von vielen anderen hohen Funktionsträgern sind überliefert, in welchen „ist“ immer wieder in herabwürdigender Weise verwendet wurde. Oder aber für den Wahn des Übermenschen. Bsp.:

        „der Arier IST dem jidisch-bolschewistischen Untermenschen überlegen“

        oder

        „Dem Feind IST mit fanatischem Widerstand zu begegnen“

        …etc., etc….

        Ich bin schockiert derart zahlreiche Sätze mit „ist“ hier lesen zu müssen!

        Sehr vielsagend!

        :-I

      • maia sagt:

        @Pipi: Wie kommen Sie denn darauf, dass er den Sohn nach einem der grössten Kriegsverbrecher (ich gehe davon dass er nicht nur einer der grössten Kriegsverbrecher des 20Jh. war, sonder einer der grössten überhaupt) – nennen möchte?

      • gabi sagt:

        Man kann dem ollen Dolphi ja viel vorwerfen. Aber diesen Titel verdient er einfach nicht, auch wenn er in die Ränge kommt!

        Die Endlösung hat doch nicht zwingend oder kausal mit dem Krieg zu tun! Rechnen wir also diesen Anteil weg (was selbstverständlich die Verbrechen weder beschönigt noch wegschleckt… Im Gegenteil!)

        Dann sieht H. zwar auch längst nicht wie Ghandi aus, aber ans Schnauzelbärchen von weiter drüben kommt er schon in Europa nicht an.

        Und falls wer Lust hat, die ermordeten J. drin zu lassen, dann macht immer noch Mao – locker! – das Rennen.

      • gabi sagt:

        Ich bin immer ganz fasziniert davon, wie gerade die Deutschen selber (dicht gefolgt von den J.; aber verständlicher!) offenbar grössten Wert drauf legen, dass sie im Fall aber wirklich den Allerallerschlimmsten auf geschichtlichem Lager haben.

        Den Grössten!

        Also irgendwie, auf eine markabere Art und Weise, die Fortführung des Kults um den GröFaZ; den grössten Feldherrn aller Zeiten. An den hat kein Andrer ran zu kommen!

        Wenn schon nicht der grösste im messianischen Sinn, dann zumindest als Monster!

        … Wir sind auch hier – wie etwa auch bei Rechtsprechkapriolen – schon sehr deutsch in CH

    • Lora sagt:

      @Pippi Langstrumpf: get a life!

      • Marcel sagt:

        @Pippi Im Freibad Letzigrund war früher der Zürcher Galgenhügel. Noch heute liegen nur rund 30 Zentimeter unter der Spiel- und Liegewiesen noch einige der Gehängten. Soll ich nun mit den Kindern auch nicht mehr hingehen ?

      • tigercat sagt:

        @Langstrumpf: und noch der Vollständigkeit halber: Dachau war kein Vernichtungslager – es gab auch keine Verbrennungsöfen.und auch keine rauchende Schornsteine und wahrscheinlich auch keine eindeutige Geruchsemissionen. Nicht jedes KZ war Auschwiz. Auch wenn das den Toten naürlich nicht weiterhilft.

      • gabi sagt:

        …Und nicht jeder Langstrumpf hat noch alle Maschen im Gewebe.

        😉

      • Pippi Langstrumpf sagt:

        Kein Vernichtungslager? „…. 41’500 wurden ermordet.“

        http://www.kz-gedenkstaette-dachau.de/

        Auf dem Lageplan ist auch „Krematorium“ eingezeichnet. 41’500 Menschen verbrennt man nicht mal so nebenbei, das gab wohl Emissionen. Für mich ist die Diskussion hiermit beendet, sinnlos!

      • gabi sagt:

        Ändert aber nichts daran, Pippilein. Es ist bloss wieder mal Ihr Wahn, wie etwas zu sein hat oder wie sich andere Menschen gefälligst zu verhalten haben, damit Ihr Vision von politischer Korrektheit erfüllt wird.

        Als Vernichtungslager galt Dachau dennoch nicht, und wenn´s Ihnen auch die Zopfperkücke lupft:

        „Des weiteren wurden im Krematoriumsbereich, z.B. vor den Öfen des neuen Krematoriumsgebäudes und bei einer Mauer nahe dem Gebäude, Todesurteile durch Erhängen und Erschießen durchgeführt. Das Konzentrationslager Dachau war jedoch kein Vernichtungslager.“

    • Walter Boshalter sagt:

      Ich gebe mich geschlagen, die nächste Party besuche ich halt in Rom… Ach nein, geht auch nicht, schliesslich wurden im Kolosseum noch mehr Unschuldige industriell vernichtet als im KZ Dachau.

      • gabi sagt:

        Ja gut… Aber dort feiern die Leute ja auch keine Oktoberfeste!

        Die haben immerhin Sinn für eine gewisse Pieta!

  • Philipp sagt:

    Der Artikel beschriebt treffend genau eine Situation, welche wohl unzählige Male in der Schweiz vorkommt mit der richitgen Prise Humor und einer Portion Selbstironie. Konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneiffen und freue mich auf weitere Kolumnen.

  • Philipp Rittermann sagt:

    ich kann den artikel von herrn thiriet absolut nachvollziehen. vor allem den letzten abschnitt. manchmal frage ich mich wirklich auch ob ich jetzt schon total „stier“ geworden bin. (die antwort lautet ja). gut, vor 2 jahren war ich am oktoberfest am bauschänzli. wenn man da mit einer clique hingeht und das hirn abstellt ist das wirklich cool. und wenn der ganze saal zur musik schunkelt wird einem schon warm ums herz.

    • alien sagt:

      Jetzt nicht die Coolness abstreifen, Philipp. Du beschädigst grad Dein Image.

      • Philipp Rittermann sagt:

        na ja lieber reda, ich bin zwar immer noch cool – aber das fortschreitende alter ist der coolness nicht unbedingt förderlich. und wenn man bedenkt, dass ich mich seit 35 in der midlife-crisis befinde….. 😉

      • alien sagt:

        Ich bin nicht reda. Und eigentlich ist man je älter je cooler, finde ich.

  • dres sagt:

    Ich nehme Sie dann nächstes Jahr beim Wort, Herr Thiriet. Solche Gelegenheiten darf man schlicht nicht auslassen. Zudem ist es nicht das einzige Oktoberfest in Zürich Nord. 😉

  • Katharina sagt:

    „eine Handvoll IV- und sonstige Rentner. Zwei Seniorinnen, beide mit diesem rätselhaften Violett-Stich in den Haaren, mussten sich gegenseitig beim Heben der Masskrüge helfen, sonst wären sie gar nicht zum Trinken gekommen und ein dicker Mann mit oben Glatze und hinten langen weissen Haaren prostete mit seinem Bierkrug besoffen aber stolz den Passanten zu.“ – ich finde das geht etwas jenseits Ihres ‚Humors‘ und zu weit. mit dem Unsinn der kommerzialisierten Events bin ich ansonsten einverstanden.

    • sepp z. sagt:

      k, das ist doch bloss eine beschreibung, kein humor
      geht sowas bei euch drüben nicht mehr durch die zensur?

      • gabi sagt:

        Über den Bierkrug gehört ein braunes Papiersäcklein, bei dem man oben ne kleine Öffnung freihält, um rausschlürfen zu können!

        😉

        (Trinken in der Öffentlichkeit in den US)

        Ich find die Beschreibung überigens auch sehr witzig. Und selbstverständlich ist „besoffen, aber stolz“ sehr subjektiv… Aber ich kann´s mir den Eindruck auch plastisch vorstellen. Find ich gut.

    • pascal sutter sagt:

      Ist doch lustig

      • Albert Seiler sagt:

        Aber genau so sehen die Ureinwohner in Oerlikon aus. Das schleckt keine Geiss weg. Ich gehöre auch dazu. Der Artikel hat mir sehr gut gefallen.

    • Nick Schmid sagt:

      @Katharina: Spassbremse…
      @M. Thiriet: Grosses Kino!

    • Was soll ich jetzt davon halten, dass der Papa sich nächstes Jahr zusammen mit seinen kleinen Buben sich den Rentnern beim Komasaufen anschliesst? Soll das lustig sein?

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