Wo die Vögel wohnen

Mit über 1870 Vogelarten ist Kolumbien das vogelreichste Land der Welt. Von überall her kommen Touristen, um sie zu beobachten. Vogeltourismus politisch korrekt sozusagen. In der Stadt ist die Auswahl an Flatterviechern natürlich beschränkt und für den Dschungel hat es uns nicht mehr gereicht (Kohle, Zeit, Mücken …). Aber trotzdem komme ich auf meine Kosten: Allein während ich dies schreibe, sitzen in meiner unmittelbaren Nähe zwei unterschiedliche Taubenarten, eine Schwalbe und ein Rabengeier und am Himmel kreisen drei Riesenfregattvögel, weit hinten vermutlich ein Pelikan.

Anthropomorphismen (Übertragung menschlicher Eigenschaften und Verhaltensweisen auf nicht menschliche Dinge oder Wesen) sind zwar sehr verpönt in der Biologie, aber ich werde mich hier mal einfach darüber hinwegsetzen. Denn die Vögel hier scheinen so ausgeprägte Charaktere zu haben, dass ich nicht umhin komme, mir ständig irgendwelche Geschichten für sie auszudenken. Darum eine biologisch-anthropomorphische Hommage an meine beiden Lieblingsvögel von Cartagena, die für mich so gut in dieses Land passen und denen ich stundenlang, tagelang, wochenlang einfach zuschauen kann.

Mariamulatas (Quiscalus mexicanus): Diese lauten und streetwisen Vögel sind überall anzutreffen. Die Wahrzeichenvögel Cartagenas sehen aus wie leicht heruntergekommene Dohlen mit spitzem Schnabel, gelben Augen und elsterartigem Schwanz. Sie leben gern in Gruppen, mögens laut und gesellig und sind ständig auf Achse und mit irgendeinem Business beschäftigt. Oft sind sie zu Fuss unterwegs und wissen jede Gelegenheit zu nutzen, sei das ein unbeaufsichtigtes Stück Melone oder Brosamen, die von einem Tisch fallen.

Great-tailed Grackle

Das Wahrzeichen Cartagenas: Mariamulatas (Bild: South Dakota Birds and Birding).

In der Fortpflanzungszeit schnappt sich ein Mariamulata-Macho (Macho ist in Südamerika keineswegs ein abfälliges Wort) ein Revier und hält sich diverse Weibchen, die hier ihre Nester bauen. Erst wenn die fertig sind, begattet er seinen Harem und die Sache hat sich für ihn erledigt. Praktischerweise sind die Jungvögel schon einen Monat nach dem Schlüpfen selbstständig und die Mädels wieder froh und frei. Man sagt übrigens, die Weibchen seien so eifersüchtig darauf bedacht, ihre Brut zu beschützen, dass sie notfalls auf alles losgehen, was sich nähert. Das habe ich Gott sei Dank nicht selbst erlebt, das hat mir ein kolumbianischer Freund erzählt.

Übrigens: Auf Deutsch heissen die umtriebigen und lustigen Vögel gemeinerweise Dohlengrackel. Das haben sie nun wirklich nicht verdient.

Rabengeier (Coragyps atratus): Diese Vögel sind zu meinen absoluten Lieblingen geworden:  Die riesigen schwarzen Tiere (mit einer Flügelspannweite von rund 130 bis 150 Zentimetern) aus der Familie der Neuweltgeier sehen immer etwas traurig aus. Kopf und Hals sind nackt und von einer knubbeligen, faltig grauen Haut bedeckt. Eigentlich lieben sie Gruppen, aber oft sind sie als Paar unterwegs, manchmal auch zu dritt. Dann ist es spannend zu beobachten, wer neben wem wie sitzen darf. Und für wie lange.

Mein absoluter Liebling: der melancholische Rabengeier.

Mein absoluter Liebling: Der melancholische Rabengeier (Bild: zVg).

Die melancholischen Tiere sind monogam. Wie anständige und angepasste Durchschnittspaare haben sie zwei Kinder, die lange daheim bleiben und die sie gemeinsam grossziehen. Den Rest der Zeit suchen sie Futter (überfahrene Tiere sind hoch im Kurs) und sitzen miteinander auf Kirchtürmen, Dachgiebeln und Antennen. Irgendwie wirken sie immer etwas gross für diese Welt und machen den Eindruck eines alten Ehepaars, das nicht recht weiss, worüber es reden soll. So gucken sie halt ein bisschen verlegen in der Gegend herum und heben ab und zu die Flügel um sich zu kühlen.

Man möge mir verzeihen, dass mir hier ständig «Liebe in den Zeiten der Cholera» von Márquez in den Sinn kommt, (oder das Buch lesen, es ist ein kleines Wunder), aber die Geier sind für ich immer die tierische Version von Florentino Ariza. Der unglücklich Liebende, der sein Leben lang förmliches Schwarz trug und geduldig auf seine einzig wahre Liebe wartete.

Man darf mir neben der Vermenschlichung von Tieren gern auch Klischeereiterei vorwerfen. Das ist schon okay. Aber in den Vögeln von Cartagena sehe ich so viel von diesem Land, so viel Leidenschaft und Überlebensweisheit, dass sie für mich genau so dazugehören wie die Strassenhändler, die Handyzeitverkäufer, die knapp bekleideten Schönheiten, die stille Armee von Dienenden, die flirtenden Restaurantbesitzer, die tief engagierten Intellektuellen, die abgeschotteten Reichen und die wagemutigen Vorstadtchauffeure. Sie sind fliegender magischer Realismus. Ich werde sie furchtbar vermissen!

9 Kommentare zu «Wo die Vögel wohnen»

  • Pierre Eberhart sagt:

    Selbstverwirklichungsreiseblogs – warum soll mich das denn interessieren? Und dann noch so dämliche Zoten in den Kommentaren all dieser moralinübersäuerten Stammbesucher hier. Kalter Schauer nur Hilfsausdruck!

  • Oliver sagt:

    Liebe Andrea

    schön das mal jemand positives über Kolumbien schreibt. Ein wunderschönes Land, mit grossartiger Natur und Menschen. Danke

  • just me sagt:

    Frau Fischer…., geniessen Sie den Rest Ihrer Tage in der Fremde…, eine wunderbare Bereicherung in Ihrem Leben…!

  • Auguste sagt:

    hmm…, so könnt’s – so um tag fünf rum – gewesen sein…

    lg: schildkröte?…rabengeier?…schildkröte?….rabengeier?
    a: panzer sind aus, chef!
    lg: dann mach ’nen schnabel und federn dran, adam!
    a: amen! aber dann kümmern wir uns ums chick!?!

    • Brunhild Steiner sagt:


      und wie basteln Sie den a in fünften Tag rein?
      Erstaunlich auch diese Sprachverschluderung, „chick“, schon am fünften Tag der Erdenexistenz,
      dann sollten uns die heutigen Zustände ja wirklich nicht mehr wundern! 😉

    • alien sagt:

      Cool, Auguste.

  • alien sagt:

    Helft den Armen vögeln auf den Bäumen!

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