Hochzeit auf Kolumbianisch

Was ist das: Industrielle, Fahrradmechaniker, Banker und andere Männer in offwhite-farbenen Jacketts und Kummerbund tragen glitzernde Elefantenrüssel und tanzen Samba? – Genau: Eine kolumbianische Hochglanzhochzeit.

Aber eins nach dem anderen: Von langer, ja längster Hand geplant war sie, diese Vermählung meines Schwagers mit einer kolumbianischen Tochter aus gutem Haus. Am 3. August war es dann endlich soweit: In Cartagena, dem Luzern der Tropen, versammelten sich Schweizer und Kolumbianer zum Fest der Superlative.

Schon Tage vor der eigentlichen Trauung belegte die Brautfamilie samt Neffen und Nichten diverse Räume des renommiertesten Hotels Cartagenas, dem Santa Clara. Inklusive einer zweistöckigen Suite speziell für die Kinder, die von einem Kindermädchen betreut wurden. (Als wir sie später an die Feier locken wollten, musste sie nur lachen, «viel zu viele Leute» und legte sich gemütlich vor den Fernseher.)

Tagelang wurden im schattigen Innenhof inklusive hauseigenem Tukan Zeitpläne erstellt und letzte Details besprochen. Als die Braut am Tag vor der Hochzeit feststellte, dass der Brautschleier aller Planung zum Trotz beim Schneider in Barcelona liegengeblieben war, gab es die obligaten Tränen, von einem Bruder der Braut gelassen mit folgenden Worten kommentiert: «Wenn es keine Tränen gibt vor einer Hochzeit, kann man das Heiraten auch grad bleiben lassen.»

Am grossen Tag ab 14 Uhr wurden wir Schwägerinnen samt Kindern ins eine Hotel bestellt, während sich die Männer in einem weiteren Hotel bei Bier in Schale warfen. So wurde synchron gelockt, geschminkt und Einstecktücher gefaltet, was das Zeug hält. Und als die Sicherungen durchbrannten im «Salon Luna», mussten eben alle Frauen um die drei verbliebenen Steckdosen zusammenrücken.

Nach den streng choreografierten Fotos mit der Braut und den Kindern (alle in massgeschneiderten Kleidern) wurden wir endlich mit kolumbianischer Verspätung und viel Gelächter zur Kirche Santo Domingo verfrachtet, wo schon zahlreiche Touristen und andere Schaulustige auf die Kutsche mit der Braut warteten.

Mit Fächern und Waschlappen versorgt zog nun ein Defilée von Frauen in schillernden Kleidern und eierfabenen, gut beheizten Männern bei klassischer Musik in die mit rosa und blauem Licht ausgeleuchtete Barock-Kirche.

Während der Zeremonie konnte ich meinen Mangel an katholischem Basiswissen in den meisten Fällen mit Abgucken kaschieren. Nur einmal schnippte sich der Priester einen Schweisstropfen von der Nase und ich merkte erst mit Verspätung, dass das keine religiöse Geste war und nahm verstohlen die Hand von meiner eigenen Nase. Aber bei der aus europäischer Sicht unkatholisch heiteren Stimmung in der Kirche fielen solche kleine Patzer nicht weiter auf. Als der Priester dann noch versehentlich die Braut fragte, ob sie sich selber heiraten wolle, brachen auch das Brautpaar und die enge Familie in Gelächter aus.

Nach einer knappen Stunde mit Gelübden (der Pfarrer donnerte leidenschaftlich durchs Mikrophon «für immer, immer, immer!!!!!»), Ave Marias, Tränen und weissen Rosenblättern wurden wir vor dem Tor von einer Heerschar von fliegenden Strassenhändlern erwartet, die darauf hofften, auch noch einen Splitter von dem Glanz abzubekommen.

Was dann folgte, war eine Nacht wie aus einem Film. Im zwanzig Meter hohen Saal mit einer Stoffbespannung in den Farben der Hochzeitseinladung, ausgeklügelter Tischordnung, Blumengedecken und sich scheinbar von selbst auffüllenden Champagnergläsern nahmen die Gäste Platz. Einfach grösser, glimmernder und üppiger als schweizüblich, aber nicht ungewöhnlich exotisch. Bis eine halbnackte Sambatruppe Einzug hielt (keine Ahnung, wie man seine Hüften in dieser Frequenz ein- und ausklinkt). Ich gebe zu, ich als Kopfmensch mit entsprechend hölzernem Verhältnis zu hektischen Tänzen, war zuerst tüchtig überfordert damit, dass ich innert dreier Minuten fast das einzige sitzende Wesen im Saal war.  Der Rest, egal wie alt, verschmolz reflexartig zu einer ausgelassen hüpfenden Masse.

Hochzeit und Samba gehören hier zusammen. Man beachte den Herrn mit dem Rüssel im Hintergrund.

Hochzeit und Samba gehören hier zusammen. Man beachte den Herrn mit dem Rüssel im Hintergrund.

Aber weil man sich als Gast zu benehmen hat, widerfuhr mir das Undenkbare: Ich tanzte plötzlich mit. Alles, was an mir beweglich ist (dank meiner Software war das so einiges), schüttelte mit. Nicht lang, aber immerhin. Und lustig wars. Wenigstens bekamen wir Frauen nur Glitzerketten und Blumenspangen ausgehändigt.  Die Elefantenrüssel samt Ohren waren den Männern vorbehalten. Jedem seine Symbole.

Irgendwann legte ich mich mit meinem Sohn auf ein Rattansofa und döste gemeinsam mit einer Handvoll neuer Verwandter durch den Rest der Tropennacht. Als dann um fünf die letzten Takte Technodiscosamba verklangen, wirkte der Tukan auf seinem Schlafbaum im Hof ordentlich zerzaust und vielleicht sogar ein wenig erleichtert.

23 Kommentare zu «Hochzeit auf Kolumbianisch»

  • Doch noch sagt:

    Gracias! toll war s – alles – la famiglia , die blocs – Kolumbien ! Eine Schwester der Familie

  • marquito sagt:

    Super Reiseblog! Lässt mich in Erinnerungen schwelgen…nur die Meeresfrüchte-Verkäufer am Strand waren mir dann doch nicht so sympathisch:) Que viva Colombia!

  • Widerspenstige sagt:

    Huch…beinahe hätte ich es verpasst wegen Abwesenheit. Ich höre geradezu den Rhythmus des Samba, sehe die kostbaren bunten Stoffe der fürstlich gekleideten Hochzeitsgäste und wünsche Ihnen, dass sich die Erinnerungen daran lebenslang halten. Und wir im MB durften teilhaben an ganz persönlichen Eindrücken und Moments – ein Privileg, das wohl nur ziemlich narzisstisch gepolte Gemüter nicht nachvollziehen können oder wollen. Sei’s drum!

    Ich sende 24 weisse Glückstauben in Gedanken los in den Himmel für das Brautpaar auf Wolke 7! 😀

  • Der Schwager sagt:

    Liebe Schwägerin

    Ich danke dir für diese erfrischebden Worte zu unserer
    Fiesta Loca! Ich kriege gead wieder eine Gänsehaut… Aber du & die ganze Family habt zu dieser unglaublichen Mélange aus Hollywood meets Colombia meets Helvetia-Party kräftig dazu beigetragen!

    Die allerliebsten Honeymoongrüsse aus dem (@ Katarina) Latina-Upperclass-Resort Kenoa, Maceo, Brasilien. Wir geniessen es in vollen Zügen & schwelgen in Erinnerungen (und dazu gehört das Lesen des Blogs.

    • Katharina sagt:

      „Hollywood meets Colombia“ – exactly. and on top of that in the cheesy disney fashion. I know swiss expat helvetia parties ad nauseam. btw, how is the city dump next to that tourist trap ‚resort‘ for 500 USD per night and up doing?

      • Carolina sagt:

        Schwager/Hansjörg/Andrea Fischer: Lassen Sie sich bitte die Freude am Erlebten nicht von unserem ‚resident expert on misery‘ nehmen. Ich habe die Berichte genossen und es war eine schöne Abwechslung in den Ferien. Es ging hier nicht um eine Abhandlung über südamerikanische Politik, sondern um die farbenfrohe und sprachlich stimmige Beschreibung einer fröhlichen Hochzeit. Geniessen Sie Ihren Honeymoon bzw die letzten Ferientage…….

      • Katharina sagt:

        tia…. die resident expert on poison pissing shows up as well…. try to learn psychology 101 dumbass.

      • Carolina sagt:

        That’s the spirit, darling! Die heitere Gelassenheit lässt einfach noch ein wenig auf sich warten, nicht wahr? (PS: Psychology 101 = der Empathy-Gedanke = sicherheitshalber mal ganz einfach gesagt: wie fühlen Sie sich, wenn Ihnen ständig die Kompetenz abgesprochen wird, einfach so, ohne irgendein Wissen, nur aufgrund von böswilligen Annahmen?).

      • Sportpapi sagt:

        Sind wir wieder bei der Migros-Klubschule? Ach Katharina, also wirklich!

      • Carolina sagt:

        Eigentlich sollte ich mir die Entgegnungen sowieso sparen – Sie haben hier, in diesem Thread, noch weniger verloren als sonst auch und K schaufelt sich ihre Gruben sowieso ganz von selbst! Darum nur noch das: ich schliesse mich vollumfänglich dem an (für einmal), was Pippi neulich über K gesagt hat.

  • Hansjörg sagt:

    Ich bin etwas enttäuscht über die zahlreichen Kritiken an Andrea’s Berichterstattung aus Kolumbien. Ich lebe nun seit 15 Jahren in einem lateinamerikanischen Land. Ihre Berichte finde ich durchaus erfrischend und auch sozialkritsch. Dass die Traumhochzeit in einem Milieu der „oberen Zehntausend“ stattgefunden hat ist eigentlich nur die Basis dafür, dass Andrea dies auf ihre gekonnte Art auch persifliert. Hierzulande kann sich eben nicht jeder auf Kosten des Sozialamtes einen fabrikneuen BMW leisten. Andrea: mach weiter so!

  • etoilr-filante sagt:

    Hoffentlich heiratet wieder einmal jemand aus ihrer Verwandtschaft so richtig schön exotisch! Die Kolumbienberichte werden mir fehlen…

  • Katharina sagt:

    tia….. „Als der Priester dann noch versehentlich die Braut fragte, ob sie sich selber heiraten wolle, brachen auch das Brautpaar und die enge Familie in Gelächter aus.“ ist wohl das Highlight in seiner symbolischen Kraft.

    • Katharina sagt:

      Ansonsten scheint es doch so zu sein, dass „aus gutem Haus“ für Sie schampar wichtig ist und Sie doch in den ansonsten sehr guten Stimmungsbildern, die Sie uns hier vermittelt, die Chance verpassen, die Dynamik und Tragik der lateinamerikanischen Kultur und Gesellschaft etwas zu hinterleuchten.

      Dadurch verkommt das ganze etwas zum verklärten Romantizismus eines West-Östlichen Diwans, vermengt mit etwas Hermann Hesse. Well. You got a taste of upper class….

      • Franz Oettli sagt:

        Achwas, so eine Hochzeit will gefeiert und genossen sein! Hoffentlich hält das Eheglück und es gibt viele frohe Kinder. Geniessen Sie den Augenblick, er kommt nicht mehr zurück!

      • Katharina sagt:

        Nein, ich finde wirklich, dass sie eine Chance verpasst, das ansonsten medial etwas vernachlässigte Lateinamerika und sein sehr grosses Potential etwas auszublenden. Stattdessen Inszeniert sie nur sich selbst, statt die eigentlich privaten Ereignisse als Aufhänger zu einer etwas weiterführenden Betrachtung jenes Kulturkreises als Anlass zu nehmen, was das ganze eben etwas beschränkt macht. Denn: Das letzte was wir brauchen ist eine Lateinamerikanisierung des Westens, was ja in Übertragung dasjenige ist, was in Nordamerika als für jene Hemisphäre dominierende Kraft geschieht.

      • Katharina sagt:

        Und die zersetzende Kraft dieses Prozesses ist in Europa ja auch angelangt. – Im Kontrast wäre das eben guter Anlass, einige uns alle betreffenden Strömungen etwas heraus zu kristallisieren.

      • Theo sagt:

        Definieren sie „Lateinamerikanisierung“, bitte. Stopp, lassen sie mich raten: katholisch, leistungsfaul, viel Show statt Substanz?

      • Widerspenstige sagt:

        Sie hat das ja getan zB mit dem Interview mit ihrem Berufskollegen dort und mit der Beschreibung des Alltags.

        Nur etwas kommt mir viel zu kurz: das Essen! Welche Leckereien haben Sie denn verschlungen und wie heissen diese Köstlichkeiten? Falls es erwähnt wurde, bitte ich um einen Hinweis wo es denn steht. 😉

  • Mamma77 sagt:

    Herrlich erfrischend! Danke für diese Zeilen!

  • Hans Huber sagt:

    Super Artikel!

  • Theo sagt:

    Super Bild!

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