Facebook-Status: Auf dem Weg in den Kindergarten

Kinder müssen mit sozialen Medien umgehen lernen: Kleines Mädchen mit Laptop. (Bild: Keystone)

Ok, die Vorstellung ist sachte verstörend, aber nur beim ersten Hinhören: Auch Kindergärtner sollen laut dem Medienpädagogen Thomas März schon sanft an das Thema Facebook und Co herangeführt werden. Das erinnert an die Debatte über Sexualerziehung im Kindergarten, die im vergangenen Jahr im wahrsten Sinn des Wortes für erregte Gemüter gesorgt hat. Und wie damals wird die Suppe nicht so heiss gegessen, wie sie gekocht wird.

Soziale Medien und Sex sind Realität. Und zwar keine, die nur im stillen Kämmerchen stattfindet und darum locker weggeschwiegen werden kann. Plakatwände, Zeitschriften und TV sind längst so selbstverständlich voller Sex und «fuck» gehört schon fast zum gepflegten Wortschatz, dass wir unseren Kindern früher oder später Antworten geben müssen. Und zwar lieber früher als später, sonst tun es nämlich andere. Und ob uns dann passt, was die unseren Kleinen servieren, ist nicht gesagt. Also lieber selbst machen, als weggucken. Mit Facebook und Co ist es nicht anders. Buchstäblich jeder Kindergärtner weiss schon, dass es das irgendwie gibt und das es so cool ist, wie ein eigenes iPhone.

Ich bin praktisch elektronikfrei aufgewachsen. Klar, die Auswahl war in den Siebzigern auch nicht grad berauschend, aber ich kannte jahrelang nicht mal das Fernsehen: Als mir ein Kindergartenfreund eine kleine silberne Kiste mit Metallfühler zeigte und behauptete, darin könne man lebendige Menschen rumlaufen sehen und so Sachen, hielt ich ihn für total bescheuert. Später hatten wir zwar dann auch so ein Ding zu Hause, durften aber aus pädagogischen Gründen nur eine Sendung pro Woche sehen. Überflüssig zu erklären, welche magische Anziehungskraft der Fernseher auf mich und meinen Bruder hatte. Und natürlich schlich ich jeweils im Pyjama in den Flur, um mir heimlich aus der Ferne noch das Abendprogramm zu gönnen. Bei dieser Gelegenheit hörte ich in der Kriminalsendung Aktenzeichen XY zum ersten Mal davon, dass es auch in der Schweiz Kriminelle gibt. Das hatte uns noch nie jemand gesagt, die Schweiz war für mich bis dahin eine heile Welt gewesen. Ich war völlig verstört, traute mich aber nicht, meine Eltern zu fragen, ob das stimmt. Zu gross war die Sorge, damit mein gestohlenes Abendvergnügen preisgeben zu müssen.

Darum bin ich überzeugt, dass es sinnlos ist, Dinge zu verbieten oder zu meinen, nur weil man nicht darüber rede, merkten die Kinder nicht, dass es sie gibt. Klar, es gibt ernstzunehmende Studien, die besagen, dass Kids vereinsamen, weil sie nur noch virtuelle Freunde haben und solche, die belegen, dass depressive Jugendliche durch Facebook noch depressiver werden können. Auch ist Cybermobbing eine reale Bedrohung, gegen die es keine simplen Patentrezepte gibt. Aber gerade deshalb ist es sinnvoll, Facebook und Co schon früh zu einem natürlichen und darum nur mittelmässig attraktiven Bestandteil des Alltags zu machen.

Kinder müssen mit sozialen Medien umgehen lernen, wie mit heissen Herdplatten und Kletterbäumen auch. Sie früh damit bekannt zu machen, heisst ja noch lange nicht, dass sie deswegen gleich ein eigenes Account brauchen. Schliesslich meint auch keiner, dass alle, die im Kindergarten eine erste Sexualaufklärung verpasst kriegen, danach gleich selbst loslegen.