Wir Kinder der Aufklärung

MAMABLOG-SEX-MITTELALTER

In einem Jungbrunnen vergnügen sich Männer und Frauen miteinander in der Öffentlichkeit: Ausschnitt aus einem Fresko im Castello della Manta, Piemont (14. Jahrhundert).

Der Mamablog widmet dem Thema Sexualität einen Schwerpunkt. Am Montag konnten Sie im Beitrag von Michèle Binswanger lesen, wie der Terminus Sexsucht zu einer Art Modediagnose geworden ist – und was dies über unser Verhältnis zur Lust sagt. Am Dienstag hat Jeanette Kuster ausführlich über das Thema Aufklärung und die Ressourcen, die Eltern und Kindern zur Verfügung stehen, berichtet. Und gestern lasen Sie den vergnüglichen Gastbeitrag von Julia Sweeney über Frösche und Analsex.

Wir schreiben, es ist bekannt, ein Kleist-Jubiläumsjahr, und ich lese wieder einmal die Lebensgeschichte meines Lieblingsdramatikers; diesmal in Form der sehr empfehlenswerten Biografie des «Frankfurter Rundschau»-Journalisten Peter Michalzik.

Heinrich von Kleist (1777 bis 1811) war, bevor er sich zum Dichter wandelte, ein Kindersoldat: Mit 14 Jahren trat er in die Armee ein, ins preussische Garderegiment; und mit 14 schon nahm er an der Belagerung von Mainz teil, sah er das Gemetzel der preussisch-französischen Schlachten. Dabei war der kleine Kleist keineswegs der jüngste unter den preussischen Killer-Knaben: Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz etwa, der später der grosse Kriegstheoretiker («Vom Kriege») werden sollte, ging bereits mit elf Jahren zum Militär. Auch er kämpfte 1793 bei der Tausende von Toten fordernden Rückeroberung von Mainz – im offenbar nicht so zarten Alter von zwölf.

Weshalb ich das alles erzähle?

Sexualität ist zwar in der Sache nicht dasselbe wie Krieg – aber es gibt gute Gründe, davon auszugehen, dass früher der Sex genauso wie das Töten und das Sterben den Kindern viel plastischer und drastischer vor Augen geführt wurde, als es heute geschieht. Wenn in unsren Tagen, beispielsweise in der Politik, von der angeblich so verrohenden Wirkung von Brutalo-Filmen auf Jugendliche gewarnt wird, dann oft so, als wären früher Kinder und Jugendliche in einem Paradies der Friedfertigkeit herangewachsen. Und wenn, beispielsweise in der aktuellen Sexual-Pädagogik, der schädliche Einfluss einer allgegenwärtigen und stetig verfügbaren Pornografie auf Minderjährige beklagt wird, dann zuweilen in einem Ton, als hätten Kinder und Jugendliche sich einst in einem sexlosen Reservat bewegt, in einem Laufgitter der Keuschheit.

Dabei: Das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur waren bis vor ein paar Hundert Jahren Zwölfjährige alt genug, um in den Krieg zu ziehen. Im Mittelalter galt man generell als viel früher erwachsen – und somit geschlechtsreif. Mädchen waren mit 12 Jahren heiratsfähig, Jungen mit 14. Vor allem in adligen Kreisen wurde die Ehe schon in diesem Alter praktiziert – und gültig war sie erst nach vollzogenem Beischlaf. Was uns heute unvorstellbar ist, war damals normal.

Kinder waren bis ungefähr zum siebten Lebensjahr von ihren Eltern abhängig, danach wurden sie als eigenständige Mitglieder der Erwachsenengesellschaft anerkannt, schreibt der berühmte französische Sozialhistoriker Philippe Aries in seiner «Geschichte der Kindheit». Der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter begann für die Menschen im Mittelalter viel früher als heute – eben weil Kindheit nicht einfach eine biologische Phase beschreibt, sondern immer auch ein soziales Konstrukt, eine Konvention ist. Die Kindheit, wie wir sie meinen, der erste Lebensabschnitt als möglichst beschützte Entwicklungsphase, gibt es erst seit dem Zeitalter der Aufklärung; das ist bekannt.

Wenn man heute also über Pornografie diskutiert oder über die richtige und altersgemässe Aufklärung (wie wir das hier im Mamablog ja immer wieder tun), dann mag es ganz interessant sein, sich zu vergegenwärtigen, dass früher so etwas wie sexuelle Privatsphäre kaum vorkam. Bei den damaligen Wohnverhältnissen gab es keine Rückzugsmöglichkeiten, so dass Kinder ihren Eltern zwangsläufig beim Sex zuhören, wenn nicht zusehen mussten. Es ist anzunehmen, dass solche Kinder viel früher aufgeklärt waren als heutige. Und schon viel mehr Sexszenen gesehen hatten, reale, nicht solche auf dem Handy.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich wünsche mir mitnichten zwölfjährige Kindersoldaten zurück. Ich bin nicht für Ehen zwischen Teenies. Oder gleich für die Abschaffung der Kindheit und ihres gesellschaftlichen Schutzes. Was ich sagen will, ist vielmehr: Der Blick in die Vergangenheit ermöglicht manchmal etwas mehr Gelassenheit in der Gegenwart – namentlich in Erziehungsfragen.

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MICHAEL-MARTI_100Michael Marti, 44, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnetz und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.