«Best of Mamablog»: Letzte Ausfahrt Spiessertum

Den fünften Beitrag unserer Best-of-Sammlung, das von Michèle Binswanger verfasste Posting «Letzte Ausfahrt Spiessertum», haben wir ausgewählt, weil damit beweisen wird: Mit der Spiessigkeit verhält es sich ähnlich wie mit dem Mittelmass – spiessig ist vorab die Angst vor Spiessigkeit.

MAMABLOG-KOMMUNE-1.pg

Irgendwie war das auch keine Lösung: Die Versuche der 68er-Generation, mit der Spiessigkeit gleich die Familie abzuschaffen, wirken heute im besten Fall kurios. (Foto aus der zu Berühmtheit gelangten Kommune 1, am 1. Januar 1967 in Berlin gegründet, im November 1969 aufgelöst.)

Vergangenes Wochenende war es mal wieder so weit. Das Chaos suchte mich heim, in Form der ganz normalen Unglücksfälle und Katastrophen, die ein Familienleben so mit sich bringt. Zuerst liess ich mich zu einem spontanen Möbelkauf verleiten, den mein Mann aber nur bedingt toll fand, weil unser Keller jetzt schon von abgelegter Ware überquillt. Die unmittelbar anberaumte Räumung mussten wir dann aber aufschieben, weil Kinder zu Geburtstagen zu bringen waren und mein Mann sich auf den abendlichen DJ-Gig vorzubereiten hatte. Über Nacht beherbergte ich dann die Nachbarskinder bei mir, was sich zum fröhlichen Fiasko entwickelte, weil eines der Kinder von asthmatischem Husten geschüttelt wurde, das zweite sich über den Lärm beklagte und das dritte sich schliesslich am Morgen erbrechen musste, weil es zu wenig geschlafen hatte. Und als meine Tochter verlangte, doch bitte nicht den ganzen Sonntag zu Hause sitzen zu müssen, da blieb nur letzte Ausfahrt Sonntagsspaziergang – Klimax bürgerlicher Spiessigkeit. Und weil ich keine Energie mehr hatte, eine Klettertour zu planen, mir den Van Gogh anzuschauen oder sonst etwas Sinnvolles zu tun, ergab ich mich und trottete mit Mann und Kindern friedfertig inmitten anderer Familien durchs Naherholungsgebiet.

MAMABLOG-HIPPIE-FAMILY

Familie Langhans in der Kommune 1 auf Super 8.

Behaften Sie mich bitte nicht auf die Marginalität dieses Themas. Manchmal macht man sich eben auch über unwichtige Fragen Gedanken – besonders, wenn man mit seinen kinderlosen Freunden spricht. Eine dieser Fragen lautet: Warum tritt Spiessigkeit in Familien so sicher auf, wie die Korruption in Kongo? In diesem Blog wurde schon heftig darüber diskutiert, was spiessig ist. Die einen halten die Angst vor Spiessigkeit für spiessig, andere den krampfhaften Individualismus oder den Besitz von Haus, zwei Autos, einer Familie und einem Hund. Ich aber denke, Spiessigkeit ist das, was notwendigerweise eintritt, wenn man eine Familie gründet.

Spiessertum, mit anderen Worten, ist in meinen Augen nichts anderes, als die Antithese zum jugendlichen Geist. Dieser segelt meist unter der Flagge der Nonkonformität, wirft, auf der Suche nach sich selbst und seinen Möglichkeiten, möglichst viel Ballast aus seiner Kindheit ab, strebt nach einem Leben in Freiheit, ohne Wurzeln und möglichst ohne festen Wohnsitz.

Diese Mission büsst rasant an Fahrt ein, wenn erst mal Kinder da sind. Und ehe man sichs versieht, mündet man in den Hafen des Erwachsenseins, ohne vorher irgendeinen Zoll passiert zu haben, geht einer geregelten Arbeit nach, bereitet drei Mahlzeiten am Tag zu, geht früh zu Bett und macht Sonntagsspaziergänge. Und findet das nicht mal schlimm. Denn es gibt ja auch noch die andere Seite: die Erkenntnis, dass die Zeit nicht nur eine unanzweifelbare Richtung, sondern auch mehr Tiefe hat, als je gedacht. Dass Wurzeln eine gute Sache, dem ewig freien Flottieren gar vorzuziehen sind. Natürlich soll man auch mit Familie seine jugendlichen Träume nicht verleugnen. Nur hat man jetzt die Möglichkeit, sie etwas realistischer ins Auge zu fassen. Natürlich kann ich mich auch heute noch überall auf der Welt niederlassen. Nur bin ich keine einzelne Blume mehr, die eine neue Heimat in einer bunten Wiese findet. Jetzt bringe ich einen ganzen Blumenstock mit. Den kann man zwar umtopfen, aber ich bleibe in derselben Erde. Entgegen dem allgemein negativen Image der Spiessigkeit, ist das doch ein ungemein tröstlicher Gedanke.

(Erstpublikation am Mittwoch, 23. September, 2009)

39 Kommentare zu ««Best of Mamablog»: Letzte Ausfahrt Spiessertum»

  • Die Frage ob Spiesser oder nicht geht mir jetzt schon seit Tagen durch den Kopf: Wenn wir schon nicht wissen, was ein Spiesser ist, wie sähe denn der Nicht-Spiesser aus, ja genau: Was oder wer ist heute ein Nicht-Spiesser? Vieleicht finden wir auf diesem Umweg zu einer klareren Definition von Spiesser.

    Oder ist das einfach die falsche Fragestellung? Ist diese Frage einfach nicht mehr zeitgemäss?

  • Coole Menschen sind die neuen Spiesser. Denn sie versuchen ständig krampfhaft cool zu sein, wie der Spiessbürger ständig auf Sitte und Anstand verweist.

  • Auguste sagt:

    hmm…, ca. 30% – ich befürchte, von den nächsten parlamentswahlen.

    frage 1: na ja, so genau weiss ich das auch nicht, aber „zeiten des wandels“ herrschen ja zu allen zeiten. hier wurden jüngst jene legendären schweizer schwarz-weiss spielfilme von kurt früh als gutes beispiel herangezogen. folglich muss es sich wohl um etwas vergangenes handeln, dass man später dann so wunderbar verklären kann. wie man das allerdings ohne margrit rainer hinbekommen will, ist mir völlig schleierhaft.

    • hm, das klingt mir jetzt aber zu stark nach „permanent revolution“, Auguste. Unter einem Wandel verstehe ich nicht ein aufziehendes Gewitter in einer Schönwetterperiode, sondern den zur Zeit stattfindenden, tiefgreifenden Strukturwandel unserer Volkswirtschaften.

      • Auguste sagt:

        hmm…, wandel und revolution sind von natur und tempo aus ganz verschiedene dinge. wandel ist die zeitlich mehr oder weniger graduelle evolution von bestehendem. revolution ist das schlagartige ändern der verhältnisse unter zerschlagung des bestehenden. permanente revolution gibt es nicht – das wäre nicht durchzustehen. sich dem wandel zu verschliessen, überlebt man letztlich auch nicht. was war eigentlich die ubs-affäre? unnötig forcierter wandel oder revolutionärer unfall mit suizid-charakter? ich tendiere zu unglücklichem aufeinandertreffen von grössenwahn und dummheit – das übliche halt, wenn etwas so richtig in die hose geht.

    • Den Begriff „permanent revolution“ habe ich dem summer of love entliehen. Obwohl ich mit ihm eigentlich nichts anfangen kann (weder mit dem einen noch dem anderen). War mehr als Anspielung gedacht.

      Was wir aus Sicht des Tempos z. Z. erleben, ist ein Mittelding zwischen Re- und Evolution.

      Technologisch betrachtet mehr Revolution, sozial und ökonomisch hingegen mehr Evolution.

  • Cybot sagt:

    Mich erinnert das an diesen TV-Spot: „Papa, wenn ich gross bin, möchte ich auch Spiesser werden.“
    Das bringt es sehr schön auf den Punkt: Jemanden als Spiesser zu bezeichnen, ist nur der Neid auf dessen normales und geordnetes Leben.

    • „Jemanden als Spiesser zu bezeichnen, ist nur der Neid auf dessen normales und geordnetes Leben.“

      Das befürchte ich schon lange.

      • Auguste sagt:

        @ marcel zufferey

        hmm…, keine bange, so ein normales und geordnetes leben soll was ganz tolles sein – finden hierzulande etwa 30% des stimmvolks.

      • @auguste: Zweiereli Fragen:

        – Was genau versteht man unter einem „normalen und geordneten Leben“ in Zeiten des Wandels und

        – Woher stammen die 30 Prozent?

        Letztere Frage dürfte Dich in meinem Falle ja kaum überraschen 😉

      • Patrick Tigri sagt:

        Neinnein, das werden weniger als 28% hoffichdoch.

  • Was genau ist eigentlich ein Spiesser? Ich meine, heute sind ja alle vielgereist, tätowiert und gepierced, haben Drogenerfahrungen gemacht, kennen sich im einen oder anderen Berich der Künste aus, sind liberal und weltoffen, leben in einer vernetzten, globalisierten Lebenssphäre etc.

    Wie soll man Spiessertum heute bloss noch definieren?

    • Adi sagt:

      Denkst du wirklich dass man dem Spiessertum mit Tattoos, Piercings und Drogenerfahrung entkommt?

      • Pippi Langstrumpf sagt:

        Es gibt wohl kaum etwas Spiessigeres als Tatoos, in den Ferien hatte ich das Vergnügen, „Arschgeweihe“ in allen Formen und Grössen zu bewundern – ich werde es nie begreifen, es sieht einfach nur Schei….. aus.

      • Walter sagt:

        Aus der richtigen Position betrachtet sind Arschgeweihe durchaus schön anzusehen.

    • Patrick Tigri sagt:

      Nein, nicht alle. Eben nicht.

    • @Adi: Mein Kommentar war natürlich ironisch gemeint.

      Aber eine Spiesser-Definition fehlt mir dennoch.

      • Adi sagt:

        @Marcel

        Ja, das dachte ich mir. Mein Post war auch nicht als Kritik gedacht. Vielmehr wollte ich das Thema aufgreifen und schauen wie die Meinungen zum Thema hier dazu sind.

        Ich denke der Spiesser lässt sich gar nicht so genau definieren. Der klassische Spiesser der 60er Jahre ist heute eine Ausnahme und damit eigentlich schon fast kein Spiesser mehr.

        Und dennoch ist mein persönliches Bild vom Spiesser geprägt von Gartenzwergen, „Welcome“-Fussmatten im Treppenhaus, Wohnzimmerbrunnen mit Drehstein, Herzchen an der Türe mit den Namen des Pärchens das da wohnt, Standardwohnzimmer mit TV, DVD und Spielkonsole auf einem geschmacklosen Lipo Möbel, allerlei kitschigen Souveniers die als Staubfänger die Wohnung schmücken etc.

        Und vielleicht bin ich mit dieser Ansicht selber ein Spiesser, wer weiss 🙂 …nämlich genau dann wenn die Mehrheit meiner Mitmenschen eine ähnliche Definition von Spiessertum hat. Und ich damit im Mainstream bzw. Durchschnitt bin und streng genommen auch als Spiesser definiert werden muss.

    • @Marcel Zufferey

      Spiesser definieren?
      Exakt so:

      In der eigenen Vorstellungswelt von „weltoffen“ verhangen mit lauter Vorurteilen über die blöden Bauerntölpel, die noch Schweizer sein wollen.

      Kurz und bündig: SP-Wähler, grüner Ökofaschist. Das sind die Spiesser von heute.

    • …was ich natürlich auch noch vergessen habe: Die meisten waren natürlich auch schon in einem Swingerclub. Damit hat auch gleichzeitig das einst vielgehörte Motto „Wer zwei Mal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ ausgedient.

      Und ja: Arschgeweihe sind wirklich mega-out. Mittlerweile ich spreche ich nicht mehr von Tatoos, sondern von Markierungen. Ray Bradburys Buch „Der illustrierte Mann“ müsste also in neuer Übersetzung (sofern es denn je eine gibt) entsprechend angepasst werden.

      • Pippi Langstrumpf sagt:

        Swingerclub – Rudelbumsen per Absprache, gibt es was Ekligeres? Der Gipfel des Spiessertums, ohne Frage.

      • Auguste sagt:

        hmm…, wie spricht mann eigentlich eine dame im swingerclub an, mehr auf die lockere oder eher auf die steife art? kann man dort auch nur einfach ein bisschen rum- oder abhängen und darf man sich wie beim fussball darüber streiten, ober der nun drin war oder nicht?

      • Wie man eine Frau im Swingerclub anspricht? Kommt drauf an, ob man schon zusammen angestossen hat oder nicht…

        (Hoffentlich kommt der Kommentar auch wirklich -hier- hin!)

      • Cara Mia sagt:

        Also das mit dem Hängen, ob rum oder ab, das geht für Männer im Swingerclub nun schon gar nicht..

      • Patrick Tigri sagt:

        „mehr auf die lockere oder eher auf die steife art“ – und diese Frage beantwortet sich irgendwie auch selbst.

  • Tschannen Werner sagt:

    Spiesser sind all jene die meinen die Weisheit für sich gepachtet zu haben! Also alle mit falschem Ego.

  • Marco sagt:

    Ich frage mich wie sich ein DJ auf den Gig, tönt echt cool dabei heist es bei einem DJ „set“, vorbereiten muss.
    Spiessig sind doch auch die, die zu allem eine Meinung haben wie z.B. Ich!

    • Patrick Tigri sagt:

      „Spiessig sind doch auch die, die zu allem eine Meinung haben wie z.B. Ich!“ Naja, spiessig find ich solche Leute nicht, einfach unendlich mühsam und langweilig. Die Leute bringen sich ums Dazulernen, ums Umdenken. Wer, wie ich, sehr oft sagt „Keine Ahnung, weiss ich noch nicht“, wird als wischiwaschi eingestuft. Dabei bin ich einfach keiner, der vorgibt, immer zu wissen, wo der Hase durchläuft. Ich mach mir schon eine Meinung, das dauert aber im Allgemeinen lang, und zwar so lang, bis ich viele Aspekte gesehen habe. Und dann ist meine Meinung auch qualifiziert. Und wenn sie sich dann dennoch als falsch herausstellt, kann ich sie schon ändern, das braucht aber schon etwas! Nich wie bei den Meinungsrittern, die ihre felsenfeste Meinung, schnell gefasst, so rapid wechseln wie die Unterhose (oder noch rapider, wer weiss…).

      Und ja, ich bin stolz auf meinen Umgang mit Meinungen und wünsche mir, der wäre in der Gesellschaft verbreiteter oder zumindest angesehener.

      • Auguste sagt:

        hmm…, es ist keine schande zu irgendwas keine meinung zu haben, aber sich rasch eine meinung zu themen bilden zu können, setzt halt auch ein gewisses mass an wissen und kenntnissen voraus. auf sich selbst stolz zu sein, ist nahe beim gipfel der spiessigkeit oder feine ironie. ein ziemlich ordentlicher satire-versuch – meiner meinung nach – patrick tigri.

      • Marco sagt:

        Ich habe dir doch schon was beigebracht, der Unterschied zwischen einem Gig und einem Set! Reicht das nicht? Ansonstn einfach nochmals fragen was der Unterschied ist.

      • Michèle Binswanger sagt:

        Frag mal einen DJ, ob er zu seinem Gig oder zu seinem Set fährt. And keep me posted.

      • Patrick Tigri sagt:

        Das war nicht ironisch, Auguste, muss ich zugeben. Allerdings bin ich so selten stolz auf mich, hin und wieder wirst Du mir das vielleicht zugestehen….

        Und den Unterschied von gig und set… naja, ich würde mal sagen, ersteres kommt ab Stromgitarre, zweiteres ab MP3.

  • Nicht die Etikette zählt, sondern der Inhalt.

  • Katharina sagt:

    „Mit der Spiessigkeit verhält es sich ähnlich wie mit dem Mittelmass – spiessig ist vorab die Angst vor Spiessigkeit.“…dies ist aber im Grunde genommen die im Allemannischen Raum allgegenwärtige Angst davor, was andere über einen denken mögen.

    der Spiessigkeit selber fehlt wohl der Qualified Median. Qualified ist das Stichwort.

    Ich hatte damals schon gesagt:

    Es ist eine abwertende Abgrenzung eines Lebensstils von einem Anderen. Eine sinnlose Diskussion.
    Nein, ich finde der Artikel ist nicht „Best of“.

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