Archiv für die Kategorie ‘Museen & Galerien’

Aus der Realität entführt

Christian Zellweger am Freitag den 19. September 2014

Eins gleich vorweg: Für Menschen mit Vertrauensproblemen ist diese Führung durchs Kunstmuseum Bern nicht gemacht, denn auf Hören und Sehen kann man sich bei «Symphony Of A Missing Room» nicht verlassen. Alle was einen auf dem mal rasanten, mal ganz sachten Rundgang durch das Museum führt, sind ein paar unsichtbare Hände und eine luzide Stimme, die sich über die in ebendiesem Museum aufgenommenen Geräusche aus dem Kopfhörer legt.

Lundahl Seitl_c_Loulou d'Aki

Die Augen werden bald nach dem Eintritt ins Museum von einer undurchsichtigen weissen Brille verdeckt, nur noch hell und dunkel lassen sich unterscheiden. Wer den Anweisungen folgt, die Augen in den richtigen Momenten schliesst und geschlossen hält, sieht nie, wer genau hier als Guide und Helfer amtet, wer einen in schnellen Schritten und weiten Bögen durch die Räume (oder ists immer derselbe Raum?) führt, vor Wände stellt oder in den Lift geleitet – das Werk fordert buchstäblich blindes Vertrauen.

Sobald man sich darauf eingelassen hat, beginnt aber die Magie zu wirken: Evoziert durch Bewegung, Licht und Geräusche betritt man neue, nur im eigenen Kopf sichtbare Räume, Hallen, Gärten, mögliche Versionen, vergessene Varianten oder zukünftige Formen des Museumsraumes, durch den man eben noch offenen Auges spazierte. Die inneren Bilder vermischen sich mit der wort- und gestenlosen Kommunikation mit den führenden Händen – ein Realitätsverlust durch eine Augmented Reality fast ohne Technik und ganz ohne LCD-Bildschirme: wunderbar.

«Symphony Of A Missing Room» von Lundahl & Seitl, Kunstmuseum Bern, im Rahmen der Biennale. Noch heute Freitag, 11.00, 12.00, 13.00 und 15.00, 16.00 Uhr.

Hotel zur fröhlichen Stunde – Örtchen des Tages: beim stillen

Roland Fischer am Mittwoch den 17. September 2014

Für die Dauer der Biennale Bern wird das Schlachthaus von verschiedenen Künstlern des Kollektivs Bern zu einem Hotel umfunktioniert. Der Kulturblog ihres Vertrauens geht diese Woche undercover und wirft jeden Tag einen indiskreten Blick in eines der Zimmer.

Heute: Hinten rechts, bei den Toiletten, eingerichtet und verwaltet von Transform

Die Idee Hotel lässt sich als eine Form von Theater lesen, wo Leute zusammenkommen, die einerseits da arbeiten, andererseits Gäste sind. Beide Seiten spielen im Moment ihres Zusammentreffens ihre definierte Rolle (Gast/Dienstleistende). Damit das Hotel als Dienstleistungsbetrieb funktioniert, bedarf es einer vielfältigen und ausgeklügelten Arbeitskette vielteiliger Jobs. Diese Seite des Hotels aufzuzeigen und zu akzentuieren interessiert Transform. Dabei soll eine der tiefsten Ränge der gastronomischen Hierarchie in den Blickfeld kommen: Die Aufsicht der Toiletten.

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Jeden Tag der Biennale Bern wird Transform einen prominenten WC-Angestellten stellen. Dieser wird vor den Türen sitzen mit den üblichen Utensilien von Klopapier, billigen Parfüms, Hygieneartikel und natürlich einer Schale für Trinkgeld. Zu jeder Stunde macht der Angestellte eine Runde und kontrolliert/putzt gegebenenfalls die Schüssel und Spiegel. Neben dem gesamten Verein von Transform nimmt auch die eine oder andere Lokalprominenz den Platz ein – und setzt damit ein Statement für diesen Job. Der anonymen Putzkraft soll mit dieser Intervention ein Gesicht gegeben werden und der Status und die Stellung dieser Arbeitskraft zumindest beleuchtet werden.

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Hotel zur fröhlichen Stunde – Zimmer des Tages: 2

Roland Fischer am Dienstag den 16. September 2014

Für die Dauer der Biennale Bern wird das Schlachthaus von verschiedenen Künstlern des Kollektivs Bern zu einem Hotel umfunktioniert. Der Kulturblog ihres Vertrauens geht diese Woche undercover und wirft jeden Tag einen indiskreten Blick in eines der Zimmer.

Heute: Nr. 2, das Zweibettzimmer, eingerichtet von off-center, mit Arbeiten von Nicolas Delaroche, Kyra Tabea Balderer, Sylvain Baumann

Zimmer 2

«Schluss, Amen und Lichter löschen»
Das Zweibettzimmer bieten eine Unterkunft zwischen Ausstellungsraum und Hotelzimmer. Das Zimmer stellt eine besondere Situation her, zwischen Intimität und Anonymität, Innen- und Aussenraum. Dies beeinflusst wiederum die Wahrnehmung des Projekts durch die Besucher. Im Gegenzug für die Übernachtung schreiben die Gäste eine Rezension ins Gästebuch: «man wünscht diesen wackeren Kreateuren weiterhin solch präzise Schöpfungen» … «ein Wunder in Bern»… «irgendwie finde ich diese Lampe auf dem Tisch ‘wuescht’, aber irgendwie hat sie noch was.»  …. «Super surreal!»

Das Zimmer Nr. 2 ist begehrt – und leider bereits bis Ende der Biennale ausgebucht.

Zimmer 2

Hotel zur fröhlichen Stunde – Zimmer des Tages: 17

Roland Fischer am Montag den 15. September 2014

Für die Dauer der Biennale Bern wird das Schlachthaus von verschiedenen Künstlern zu einem Hotel umfunktioniert. Der Kulturblog ihres Vertrauens geht diese Woche undercover und wirft jeden Tag einen indiskreten Blick in eines der Zimmer.

Das Hotel wurde als Motiv vielfach in der Kunst gespiegelt. Es ist ein Ort der Begegnung und des temporären Aufenthalts, wo Intimität auf Anonymität trifft. Das Kollektiv Bern nimmt es sich als Metapher vor: als Konstrukt, als sozialer, ökonomischer und ideeller Dienstleistungsbetrieb, als Sehnsuchtsort und Clash unterschiedlicher Lebensrealitäten. Welcome im Hotel zur fröhlichen Stunde, where «you can check out any time you like, but you can never leave».

Ein Projekt des Kollektiv Bern mit Blond & Gilles, les Lieux, IZA – Institut für zeitgenössische Analyse, Milieu, off center, Transform und Worms.

Heute: Nr. 17, eingerichtet vom IZA

 17

Das modellhafte Zimmer vom IZA ist Spiegel ästhetischer, kultureller und technischer Dimensionen des Hotels: Viele Schriftsteller der Literaturgeschichte schrieben ihre Romane in Hotelzimmern und auch die Nr. 17 wird während der Biennale Bern zur literarischen Produktionsstätte: Emanuel Bundi ist am Pult und schreibt und schreibt und schreibt. Neben ihm laufen an ausgewählten Abenden Videos von Till Velten, die sich um Service-Personal-Schulungen und Hausdienerinnen drehen oder man kann sich durch das Hotelfilmprogramm der Künstlergruppe WORMS zappen, das über Zeitgeschehnisse und Kulturpolitik aufklärt. Irgendwo im Hotelzimmer findet sich ein originaler Meldezettel eines anonymen Gastes aus Abu Dhabi – das ist dann Konzeptkunst. Achtung, nicht verpassen: Am Mittwochabend grosser Workshop: «How to make a bed» (ab 18 Uhr) sowie Contest: «Who makes a bed the fastest». Zum Festivalschluss am Samstag zelebriert das IZA dann im Rahmen einer Gala mit Buchvernissage die frischen Texte von Emanuel Bundi.

 17 innen

Panik im Pasquart

Roland Fischer am Freitag den 27. Juni 2014

Gestern im Bieler Pasquart: Eine stattliche Menschenmenge füllt die Vorräume zur Ausstellung der Masterarbeiten der Cap-Studierenden. Manuela Imperatori beginnt mit ihrer eigentlich gar nicht brachialen Performance und unweigerlich kommt es zu hektischen Szenen – Dichtestress im Museum. Imperatori spielt mit der Heiligkeit des Kunstwerks und dem Berührungstabu, wenn sie von einer Ecke des Raums ausgehend allmählich eine weisse Papierfläche auffaltet, die durch die Eskalationslogik der Verdoppelung rasch raumgreifend wird, sprichwörtlich. So werden die Betrachter zunächst unter Rufen und Lachen aus dem Raum verdrängt (die Performerin dagegen bleibt standesgemäss stoisch und still), bevor sie sich des Werks bzw. seiner Spur nach Ende der Performance bemächtigen, mit vorsichtigen Schritten zunächst und dann immer unverhohlener. Die weisse Fläche verliert so rasch ihre (womöglich ja nur behauptete) Unschuld, die Besucher hinterlassen Spuren auf der Spur.

Manuela Imperatori

Sehr gelungen war das, und viel Freude macht die Ausstellung auch sonst. Wie üblich ist das ein grosses Durcheinander an Stilen und Haltungen, manches davon wie die subtilen Tableaus von Natalie Reusser erstaunlich ausgereift, anderes vielleicht noch nicht ganz. Insgesamt ist das leiser als auch schon, und das tut der Sache gut. Ach ja, und ansonsten:

Nicolas Delaroche

Nicolas Delaroche

Mir Wurst (unter uns gesagt)

Roland Fischer am Dienstag den 3. Juni 2014

Man mag ihn – oder man mag ihn nicht. Beni Bischof  hat das mit dem Polarisieren des Publikums ziemlich perfektioniert, vielleicht fast schon zum Sinn und Zweck seiner künstlerischen Arbeit gemacht. Zum Beispiel das mit den Hochglanzmodefotos und den daraus hervorlugenden Würsten – findet man entweder subversiv-frech oder aber ein wenig albern.

Psychobuch

Wer sich selbst ein Bild vom aufstrebenden Jungkünstler machen will, kann das nun anhand eines vom Berner Maison Standard sehr schön gestalteten und in der Edition Patrick Frey erschienen Fotobands tun. Gestern war Buchvernissage in der Milieu Galerie, die Macher schienen ziemlich erleichtert, dass der Schinken (bzw. die Wurst, es gab natürlich passende Happen vom Grill) endlich fertig ist.

Ganze drei Jahre hat es gedauert, aber wir haben es geschafft. Das «Psychobuch» ist da. Ein Versuch das künstlerische Schaffen von Beni Bischof auf 640 Seiten und über 2000 Darstellungen zu ordnen.

Hier gibt’s ein hübsches fotografisches Making-Of zum gestalterischen Hosenlupf. Und hier noch ein paar Einblicke mehr ins Buch.

Klein sein und klein bleiben

Roland Fischer am Mittwoch den 14. Mai 2014

Es walsert gerade allenthalben, im Kino Kunstmuseum – mit einer exquisiten Filmreihe – ebenso wie im Kunsthaus Aargau, wo in einer schönen Ausstellungsidee Zeitgenössisches und Historisches zum grossen Helden der ganz alltäglichen Unterwürfigkeit zusammengetragen wurde.

Wie glücklich bin ich, daß ich in mir nichts Achtens- und Sehenswertes zu erblickten vermag! Klein sein und klein bleiben. Und höbe und trüge mich eine Hand, ein Umstand, eine Weile bis hinauf, wo Nacht und Einfluß gebieten, ich würde die Verhältnisse, die mich bevorzugten, zerschlagen, und mich selber würde ich hinabwerfen ins niedrige, nichtssagende Dunkel. Ich kann nur in den untern Regionen atmen … Liebe entbehren, ja, das heißt lieben … Ich will nicht hoffen, daß ich mich sehne. Unsinn.

Das Zitat aus «Jakob von Gunten» fand ich in dieser schönen Kolumne, in der es zum Schluss heisst, wer Robert Walser erst für sich entdeckt habe, «braucht fortan nicht mehr sehr viele andere Literatur, fast möchte ich sagen: nicht mehr sehr viele andere Menschen.»

Heute abend gibt es im Kino Kunstmuseum das Institut Benjamenta zu sehen, die famos freie Interpretation der Brüder Quay von «Jakob von Gunten» aus dem Jahr 1995 – die Filmemacher sind anwesend. Und noch bis Ende August die (noch nicht gesehene) Ausstellung in Aarau.

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Die Ausstellung wie die Filmreihe sind in Zusammenarbeit mit dem Robert-Walser-Zentrum zustande gekommen, das natürlich auch immer einen Besuch lohnt. Noch bis im Oktober kann man da Walsers berühmte Mikrogramme erkunden.

Ai ai, Stinkefinger

Roland Fischer am Dienstag den 13. Mai 2014

Kleines Mitbringsel aus Berlin: Ai Weiwei gibt einen F* auf allerlei wichtige Orte der Welt. Und wir gehören dazu!

Ai Weiwei

Study of Perspective, gesehen in der grossen Weiwei-Schau im Martin Gropius Bau. Ein Publikumsmagnet, dabei ist Weiweis Kunst durchaus nicht nur simple Kost. Aber der Vorzeige-Dissident lockt wohl nicht nur ein Kunstpublikum, viele dürften sich vom Besuch ganz umittelbare China-Kritik versprechen (und den Besuch selber vielleicht sogar als kleine kritische Geste verstehen). Und man muss sagen: Weiwei enttäuscht die Erwartung nicht, der Regimekritiker der Stunde zu sein. Und man wünschte sich wirklich, sein Mut und seine Kunst könnten allmählich etwas verändern in China, und sei es auch nur, damit er aufhören kann, so explizit politische Werke zu machen – wenn er seine Gesellschaftskritik nicht so anprangernd formulieren muss sind seine Werke nämlich um Welten besser. Dann haben sie einiges mit China, aber ebenso viel mit uns zu tun. Und das ist allemal spannender als die (natürlich sehr gut gezielten und wohl auch nach wir vor bitter nötigen) Breitseiten gegen die Missstände in seiner Heimat.

Schweizer Tugenden, lohnende

Roland Fischer am Donnerstag den 8. Mai 2014

Also, ich stelle mir das am ehesten so vor: Cornelius Gurlitt lässt sich auf dem Sterbebett eine Europakarte und ein paar Dartpfeile bringen und wirft dann solange, bis er eine valable Stadt mit einem vernünftigen Kunstmuseum (womöglich noch eines, das Ausbaupläne hegt) getroffen hat. Und – genau ins Schwarze, genau Bern. Jedenfalls:

Trotz Spekulationen habe die Nachricht eingeschlagen «wie ein Blitz aus heiterem Himmel», liess das Berner Kunstmuseum in einer kurzen Stellungnahme verlauten. Gurlitt und das Museum hätten vorher nie irgendwelche Beziehungen gepflegt.

"Straßenbahn" von Bernhard Kretschmar   |  © Lost Art Koordinierungsstelle Magdeburg/Getty Images

“Straßenbahn” von Bernhard Kretschmar | © Lost Art Koordinierungsstelle Magdeburg/Getty Images

Nie war da gar nichts. Ausser ein paar loser geschäftlicher Beziehungen zum Auktionshaus Kornfeld, bekanntlich auch in Bern beheimatet. Aber das ist natürlich reiner Zufall. Erinnert irgendwie an die Bankenszene, die Rhetorik. Von nichts wissen aber natürlich auch nicht nein sagen. Und ansonsten golden schweigen. Schweizer Tugenden, wenn man so will.

Von Snoop zu Dikson

Roland Fischer am Sonntag den 27. April 2014

Die Jungs von der Soon-Galerie arbeiten seit einer Weile zuverlässig daran, simple Kategorien in Sachen Kunst durcheinanderzubringen. Street Art? Das greift allerdings viel zu kurz, auch wenn die Beziehungen zur Graffiti-Szene rege genützt werden. Gestern war Vernissage zur aktuellen Ausstellung, und die macht die Dinge für Schubladisierer nun endgültig ein wenig kompliziert. Eine Doppelschau zweier aufstrebender Jungfotografen, Janosch Abel und Beat Schweizer. Der erste holt am liebsten Musikprominenz vor die Linse, unter anderem fürs Bonsoir oder grosse Openairfestivals. Der zweite reist um die Welt und findet abseitige Orte – unlängst das nördlichste Dorf Russlands.

soon

Zwei Fotografen, die die unverfälschte, ehrliche Geschichte suchen, der eine in einer Welt voller Masken und Kulissen, der andere jenseits der in unseren Köpfen kartografierten Welt. Sehr verschiedene Bildsprachen, sehr verschiedene Vorstellungen vielleicht auch, was man mit einer Kamera heute anstellen kann. Aber sich nicht um solche Unterschiede zu kümmern und Janosch Abel und Beat Schweizer einfach mal in denselben Räumlichkeiten aufeiandertreffen zu lassen: genau sowas sollten Galeristen öfter riskieren. Gewagt und gewonnen.