Archiv für die Kategorie ‘Elektronisches’

Elektronische Siesta im BoGa

Gisela Feuz am Sonntag den 7. September 2014

Er musste eine Weile in sich gehen, bis er ausgerechnet hatte, wie lange es Les Digitales denn nun gebe, einer der Herren Everest Records, seines Zeichens Mitorganisator des Festivals. Und die Sinnierpause ist ja durchaus berechtigt. Denn soll man nun ab Stunde Null, also dem Gründungsmoment von Les Digitales, oder ab der ersten Ausgabe, welche 2005 stattfand, rechnen? Wie auch immer. Im Botanischen Garten zu Bern wurde gestern besagtes Festival, welches sich der elektronischen und experimentellen Musik widmet, zum fünften Mal durchgeführt, schweizweit ist es die neunte Ausgabe – nebst Bern werden ja auch Neuchâtel, Porrentruy, Lausanne, Zürch, Luzern und Paradiso bespielt. Ohne Eintritt bezahlen zu müssen, konnte sich gestern im idyllischen BoGa die geneigte Zuhörerschaft in bequeme Liegestühle fläzen und den Klängen lauschen, die da fabriziert wurden.

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Mit von der Partie waren Künstler und Künstlerinnen aus Nah und Fern: am weitesten gereist war wohl Fernando Lagreca aus Barcelona, das Duo CYLS besteht aus einer Kollaboration zwischen Lausanne und Salzwedel (D), Baumeister stammt aus dem St.Gallischen und Sinner DC und D’Incise beide aus Genf. Daneben gab es aber auch viel einheimisches Schaffen zu hören, so sind Chris Dubflow, Nadja Stoller, Dubokaj und das Volca Massaker Orchester alle in Bern beheimatet. So andersartig die Herkunft, so vielfältig war denn auch die Bandbreite an elektronischer Musik, die da präsentiert wurde. Jeweils eine halbe Stunde durften die Akteuere ran, wobei unterschiedlichste Aspekte, Stimmungen und Rhythmen ausgelotet wurden. So wunderbar unaufgeregt und entspannt war das, dass man sich am liebsten nimmer aus dem Liegestuhl erhoben hätte.

Haben Sie mal eine halbe Stunde?

Christian Zellweger am Freitag den 29. August 2014

Dann gehen Sie raus, solange es grad nicht regnet. Oder Sie bleiben drin, vor dem Computer. Dann können Sie sich diese zwei Dinge ansehen, völlig zusammenhangslos aus dem Internet gefischt:

1. Miranda July hatte eine Idee. Von fremden Menschen und wie sie sich begegnen. Quasi das Leitmotiv ihres Werkes. Bewährt ist: Sie hat daraus einen Film gemacht. Neu ist: Sie hat daraus ein App gemacht:

2. Teju Cole schrieb einen Text. Über das Schwarz-sein 2014 und 1953, über Leukerbad und was das Heute mit dem Früher und mit den Ereignissen in Ferguson zu tun hat. Auch er bleibt seinen Leitmotiven treu und verknüpft Hoch- und Popkultur, Politisches mit Persönlichem:
Black Body: Rereading James Baldwin’s “Stranger in the Village

Und falls Sie doch lieber rausgehen, machen Sie Halt in der Buchhandlung Ihrer Wahl und suchen Sie nach Julys No One Belongs Here More Than You und Coles Open City.

Tanzwürfel

Oliver Roth am Freitag den 15. August 2014

Ich bin gestern mit meinem neuen Velo den Hügel zur Dampfzentrale runtergebrettert. Dort empfängt mich von Weitem ein abgedunkeltes Foyer. Ich denke, die Soirées d’éte sind abgesagt. Aber, wenn man sich dieser «Abendveranstaltung» nähert, erhellt sich die Sache. Am Eingang begrüssen einen zwei schummrig-grün-leuchtende Kuben wie Türsteher. Auch das Innere des Foyer International wird fast ausschliesslich von diesen farbewechselnden Wassertankwürfeln beleuchtet. (Hier könnte man schreiben: Wassertanzwürfel.) Ein schöner, neuer Club ist das geworden!

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Kuben

An den 12/10ern begrüsst Matto die Besucher mit Disco Beats im farbigen Kuben-Licht. Spät trudelt das Partyvolk ein, bis schliesslich die One Man Disco Show die Bühne betritt. Die lebende Discokugel Jean-Claude bringt mit Mikrophon, Saxofon, Controllern, Federschmuck, Loopgerät und goldig-glitzerndem Bauch ein angenehm gefülltes Foyer zum Tanzen. Merksätze: “dance off your feet” / “she is the one for me. she is my baby for tonight”.

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Kugeln

Die Soirées d’éte finden noch dieses und nächstes Wochenende statt. Heute Abend lädt der Deconstruction Club zum heavy duty dj-pingpong-fest, bei dem sich 10 DJs die Bass-Bälle zuspielen.

Ändere deine Sicht!

Oliver Roth am Mittwoch den 30. Juli 2014

Manchmal bekommt man von guten Menschen, gute Tipps. Das Spiel Ingress gehört zu diesen Tipps. Es gehört auch zu den sogenannten «Alternate Reality»-Spielen und benutzt die Realität, um sie zu verändern. Es verändert beispielsweise Bern.

Heruntergeladen auf das Android– oder iOS-Smartphone wird schon zu Beginn klar: Das ist kein Spiel! «You have downloaded what you believe to be a game, but it is not!» 

Exotic Matter (XM) unbekannten Ursprungs sickert in unsere Welt! Entweder auf der Seite der Enlightened oder der Resistance kämpfend, sammeln die Spieler diese XM, hacken möglichst viele Portale, um diese schliesslich einzunehmen und miteinander zu flächendeckenden Feldern für die eigene Gruppe zu verlinken. Der Kampf um das Quartier, die Stadt, das Land, die Welt beginnt. «It’s happening all around you!»

Portale sind Sehenswürdigkeiten oder kleinere Gegenstände im ‘echten’, öffentlichen Raum, zu denen man sich hinbewegt. Zum Beispiel die Christoffel-Statue in der Bahnhofshalle, das Burgerspital oder die Paulskirche in der Länggasse.

Ingress verwandelt die sommerlich verregneten Gassen Berns zu einem alternativen Cyber-Schlachtfeld. Das Spiel lässt dich auf Spaziergänge mit Ab- und Umwegen geraten. Es verändert und erweitert deine Realität.

(Achtung: Für Datenlieferungen an das grosse «G» ist man selber verantwortlich.)

Pornografisch, blasphemisch, meisterhaft

Christian Zellweger am Montag den 14. Juli 2014

Es war ein ziemlich unerwartet starkes Stück Musik-Kultur, dass da am vergangenen Freitag über die Menschen im Innenhof der Reitschule niederging. Etwas vom Verrücktesten, was er je gemacht habe, hörte man Robert Butler vor dem Auftritt sagen. Sowas aus solch berufenem Rock’n’Roll-Mund weckte natürlich Erwartungen – und die wurden vollständig eingelöst.

Experimental-Industrial-Noise labelierte unsere Frau Krstic den Auftritt und tatsächlich: Ein wild gewordenes Schlagzeug mit Hang zum Becken-Lärm, eine äusserst kratzige Gitarre und über allem knirschend-fiepende Schaltkreis-Effekte aus dem Synthesizer schallten da an die Gemäuer und zurück.

Das Herzstück bildete aber der Film, zu dem das Ganze improvisiert wurde: Ein wilde Orgie aus pornografisch-blasphemischen Versatzstücken, ein stilistisch breiter Mix zwischen vergilbten Filmszenen, blutigen Cartoons und pythonesken Animationen, scham- und tabulos, aber mit einer grossen Portion ziemlich abseitigen Humors, alles aus dem Kopfe des (mir) unbekannten Franzosen an den elektronischen Geräten.

Sollte es je nochmals Gelegenheit geben, diesen Brocken aufzuführen: Duex ist sicher schon am Booking für die nächste Kilbi.

Drogen waren gestern – Mathon ist heute

Gisela Feuz am Donnerstag den 5. Juni 2014

Dieses Mathon – ein kleines Bündner Bergdorf auf 1520 Metern mit 48 Einwohnern – ist inmitten imposanter Berglandschaft fürwahr ein einigermassen verlorener Ort. Genau solche verlorene Orte dienen den anderen Mathon – den drei Bernern, die gerne elektronische Ambiente-Landschaften kreieren – als Inspirationsquelle für ihr neustes, sechstes Album «Lieus Pers». Eine Steilvorlage lieferten dabei Werke aus der Serie «Lost Places» von Stefan Flükiger. Der Berner Fotograf hat sich darin verlassenen Industriearealen und unterirdischen Bauwerken angenommen, die von der Natur nach und nach zurückerobert werden. Diese menschenleeren Industrielandschaften wurden mit Naturbildern aus dem Doleschg, der Region also, wo in deren Nähe Mathon liegt, überlagert. So entstanden digital verfremdete Fotografien; bizarre schon fast mythische Hybride aus Organischem und Technischem.

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Für Ihre neusten Klangforschungen haben sich die Mathon-Männer an diejenigen verlorenen, verschütteten oder mittlerweile verschwundenen Orte begeben, die als Grundlage für die Fotos dienten. Insgesamt 12 ambiente Soundscapes sind entstanden, die nun auf vier LPs unter dem Namen «Lieus Pers» (Rumantsch für «verlorene Orte») herausgegeben wurden. Im Doppelalbum enthalten sind auch neun von Flükigers Hybrid-Bildern in LP-Format, wobei angegeben wurde, welcher Titel zu welchem Bild bzw. Ort entstanden ist. Mathon verknüpfen also auf «Lieus Pers» Flükigers eigentümliche Industrielandschaften mit Klang, ja transkribieren Raum in Klang und schlagen dabei eine Brücke zwischen Natur und Technik.

Entsprechend wird der apokalyptisch anmutende Gurtenbrauerei-Märchenwald (Bild) mit dem Klangstück «Chapir» komplettiert: Ein zartes elektronisches Zirpen, ein scheuer Beat, klare aber doch dezente Keyboard-Klänge erweitern durch ihre repetitive Art das Sphärenhafte und eine bis zur Unkenntlichkeit verfremdete Stimme wirft Wortfetzen ein. Stimmig ist das. Genau so muss es klingen, in dieser verwunschenen Welt, in der nur noch ein paar Ruinen übrig sind, die nach und nach mit der rückerobernden Natur verschmelzen.

Funktionieren tun Mathons Reisen im Übrigen auch tadellos ohne visuelle Vorlage. Gibt man sich nämlich ganz den Klängen hin und lässt das innere Auge reisen, lässt sich das ganze Universum ausloten: Mal wähnt man sich tief in der tiefsten Tiefsee, steht dann vor monumentalen, kargen Felswänden, die schwarz ins Jenseits ragen und von zarten Nebelschwaden umhüllt werden, paddelt sanft über ein wobberndes Meer aus Frequenzen oder glaubt die Einsamkeit des letzten Astronauten zu spüren, der auf seiner Raumstation Signale in eine vollkommen verlassene Galaxie aussendet. Drogen waren gestern, Mathon ist heute.

Mathon taufen «Lieus Pers» heute Abend im Rössli der Reitschule, Türe 21 Uhr.

Lambada-Drone unter dem LED-Sternenhimmel

Milena Krstic am Dienstag den 15. April 2014

Carla Bozulich Workshop GearWie wenig es doch braucht zum elektronisch-musikalischen Glück: ein stimmiges LED-Licht, das Sterne an die Wand projiziert, ein lottriges Kinder-Keyboard, einen Boss Vocal Performer VE-20, Mikrofon, Mischpult, Boxen und das alles nützt nix ohne: Strom.

Im Dachstock der Reitschule gab es von alledem jedenfalls zur Genüge, als die amerikanische Avantgarde-Musikerin Carla Bozulich (die am Sonntag im Rössli ein Konzert gespielt hatte und sowieso gerade in der Stadt war) zum Workshop lud. Die Zeremonienmeisterin bat darum, eigene Lichtquellen mitzubringen und wünschte sich:  «Einen Haufen Spinner mit Flugbegleiter-Uniformen und Goldzähnen, schwingenden Riesen-Bassverstärker, Tonhöhen- Regler, Loop-Pedale, Schneebesen und Kurzwellenradios».

IMG_20140414_204021~2Bekommen hat sie: immerhin eine elektrische Ukulele (links im Bild), ein Akkordeon und viel klassisches Musikmach-Material wie Schlagzeugteile, Gitarren und Bass.

Gefühlte 1001 Projekte wird sie am Start haben, diese Carla Bozulich, die beim kanadischen Independent-Label Constellation Records unter Vertrag steht, sich musikalisch im No-Wave-Bereich bewegt und auch schon mit Sonic Youth zusammengearbeitet hat. Mit Hilfe ihrer Bandmitglieder führte sie bestimmt und herzlich durch den Abend, dirigierte auf ihre Weise, welche Stimmung erzeugt werden sollte und hielt ihr Versprechen, mittels musikalischer Improvisation zu frischer Erkenntnis zu gelangen.

Friedlich war es, meditativ, nie zu laut, nie zu wild, immer irgendwo im Bereich der mittleren Frequenzen. Nach dem Workshop genehmigte sich Küre einen Fernet-Branca, lehnte sich zurück und meinte:  «Das war die absolute Lambada-Drone-Experience.»

PS. Hier noch mein Carla-Bozulich-Lieblingssong (zu hören auf ihrem Album «Boy», das dieses Jahr erschienen ist).

Keine euphorische, viel zu lange Hymne

Christian Zellweger am Samstag den 12. April 2014

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Was sagt man zu einem perfekten Abend, wie das gestern einer mit den Goldenen Zitronen war? Entweder man verfasst eine euphorische, viel zu lange Hymne, die auch für den gestrigen Abend ihr Gültigkeit hat, oder man verlinkt einfach die euphorische, viel zu lange Hymne und behauptet: Wer gestern nicht da war, hat das vielleicht beste Konzert verpasst, dass diese Stadt 2014 gesehen haben wird. Und das schon im April. Sogar das Fotografieren ging vergessen. Dankeschön, du ehemalige Punkband.

Plattenkiste Volume 38: Todd Terje

Christian Zellweger am Freitag den 11. April 2014

10 Jahre brauchte Todd Terje bis zu seinem ersten Album. Mit «It’s Album Time» setzt man sich gerne an die Strandbar.

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Es war irgendwann Ende 2012, oder Anfang 2013, als «Whateverest», ein 15-minütiger Kurzfilm aus Norwegen im Internet auftauchte. Da ist dieses neblige Kaff im hohen Norden und da ist dieser etwas verwirrte, traurige junge Mann im Morgenmantel oder wahlweise im Glitzer-Pullover, der den Traum der weiten Welt aufgegeben hat, um seinen kranken Vater zu pflegen. Er führt ein Solarium, kocht sich selber Drogen mit Zutaten aus dem Supermarkt, tanzt immer und überall und macht davon Videos, die er auf Youtube stellt. Und genau diese Videos haben den norwegischen House-Produzenten Todd Terje zu seinem Über-Hit von 2012, den selbstvergessen tänzelnden «Inspector Norse» inspiriert.

Sagt der. Denn natürlich war alles ganz anders. Der Film ist ein klassischer «Mockumentary» und Terjes Track war vielmehr der Ausgangspunkt für die Figur des Marius Solem Johansen, der sich im Internet angeblich «Inspector Norse» nennt.

Jetzt hat also derjenige, der am Anfang dieser schönen kleinen Geschichte steht, ein Album veröffentlicht. Seit zehn Jahren schon dreht Terje an den Knöpfen seiner analogen Synthesizer und Drummaschinen, hat sich in der Szene einen Namen gemacht als Teil der norwegischen Discobrigade mit Lindstrøm und Prins Thomas, hat unzählige Remixe veröffentlich, mit Robbie Williams und Franz Ferdinand gearbeitet und sich so den Ruf als einer der wichtigsten DJs der Welt ertüftelt.

Terje ist ein Musiker, welcher den bitteren Ernst der Clubmusik schon immer elegant unterlaufen hat (wie «Whateverest» demonstriert). Auch auf dem Album lässt er seinen Spieltrieb walten. In der Ferne klingt die Italo-Disco, doch Terje modifziert, löscht den grössten Teil der Käsigkeit aus den Spuren und lässt seiner Freude an den lustig perlenden Synthesizer-Sounds freien Lauf. Zumindest in den besten Momenten, in «Delorean Dynamite» etwa oder «Oh Joy» und auch Inspector Norse begegnet man gerne wieder. Nur dieses «Svensk Sås» wär eher nicht nötig gewesen, ein Stück aus Vocal-Samples, dass beim Produzieren wohl amüsanter geklungen hat, als es zum Hören geworden ist.

Und dann wär da auch noch das melancholische Breitleinwand-Cover von «Johnny und Mary», gesungen von Brian Ferry. Das bricht zwar mit der Stimmung, passt aber mit seiner 80ies-Blockbuster-Kitschigkeit dennoch wunderbar auf das Album.

Und so lässt einen dieser Todd Terje, Meister der entspannt spannenden Clubmusik, die auch im Freien funktioniert, auf dem Weg durch die Stadt innerlich beschwingt tänzeln.

Währenddessen, in Italien…

Christian Zellweger am Sonntag den 23. März 2014

Weiterhin einen geruhsamen Sonntag wünscht Ihnen: KSB.