Archiv für die Kategorie ‘Elektronisches’

Das Königspaar von Sankt Ghetto

Milena Krstic am Samstag den 22. November 2014

Wildbirds & Peacedrums St. Ghetto

Sie waren gestern Abend nicht in der Dampfzentrale? Dann sind Sie sehr wahrscheinlich keine Musikjournalistin, kein Band-Booker und Sie lesen auch das Feuilleton nicht sonderlich gerne. Habe ich richtig getippt? Dann bitte ich Sie inständig: Kommen Sie an Anlässe wie dem Festival Saint Ghetto! Dort spielen Bands wie Wildbirds & Peacedrums und diese Bands brauchen Sie! Sie, die nur «zum Spass» an Konzerte gehen, ohne die Gesangstechnik und Gerätschaften der Musizierenden zu studieren (Sängerin Mariam Wallentin nutzt ein TC Helicon VoiceLife Vocal Processor/Loopgerät). Warum Sie sollten?

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Bürger vier und sein Verständnis von Demokratie

Miko Hucko am Dienstag den 18. November 2014

CitizenFour ist kein mutiger Film. Schade, denn die ganze beschriebene und dokumentierte Operation war ziemlich mutig. Edward Snowden war ziemlich mutig. Und Glenn Greenwald hat mich davon überzeugt, dass guter Journalismus doch noch nicht verloren ist.

Trotzdem war es wichtig, den Film zu schauen. Denn er führt nochmal die Ereignisse des letzten Jahres vor Augen, Ereignisse, die peinlicherweise auch ich wieder in den Hintergrund meines Gehirns gerückt habe. Vielleicht, weil es so natürlich und unmöglich zugleich klingt: Wir werden alle dauerüberwacht.

Die brennenden Fragen aber, und die brennendste von allen, stellt dieser Film nie: Wozu eigentlich?
Wer profitiert von dieser Dauerüberwachung?

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Sternstaub, Synthies und Funktionsklamotten

Milena Krstic am Dienstag den 4. November 2014

Die Ästhetik des Futuristischen hat es so manchen schon angetan – besonders Kunstschaffenden. Unsere Frau Feuz ist diesem Phänomen bereits auf die Spur gegangen und hat die «Space Disco» in ihrer Reihe «Bizarre Musikgenres» verhandelt. Und wies scheint, stecken wir gerade wieder in einer Blütezeit: Der Gott der Laszivität, Prince, hat sich für sein neustes Album eine Sonnenbrille anfertigen lassen, die auch sein Drittes Auge schützt (okay, das kommt eher aus der Indien-Reise-Esoterik-Trip-Ecke), während seine Band  in Star-Trek-ähnlichen Funktionsgewändern steckt (schön zu sehen letztens in der Saturday Night Live Show).

Aber auch Berner Bands sind fasziniert vom Kosmischen in Kombination mit elektronischen Tongeräten; kürzlich sind gleich zwei Musikvideos erschienen, in denen ein Ausflug ins All simuliert wird.

Die Didgeridoo-Dub-Formation Bumshankar hat sich mit aufwändiger Computer-Animations-Arbeit auf den Mars spicken lassen

während das Future-Pop-Duo True bereits dort angekommen ist und den Marsmenschlein slowly but truly den Kopf verdreht (so makes me wanna dance, oh).

Lieder, die es gar nicht gibt

Milena Krstic am Montag den 27. Oktober 2014

Es war ein einsamer Sonntagabend in dieser heruntergekühlten Stadt. Dort, wo ich hinwollte, musste ich unweigerlich an Thuns neuem Komplex vorbeispazieren; einem Gebäude, das Kinosäle und ein futuristisches Restaurant beherbergt, ein Ort, den die Marketingabteilung mit dem Begriff «Multifunktionalität» bewirbt und das Essen vor der Glotze salonfähig gemacht hat.
Ein paar Schritte weiter steht die Cafe Bar Mokka, dieser Kokon, diese Parallel-Welt und die ideale Umgebung für die Zürcher Vorzeige-Avantgardistin Evelinn Trouble. Umgeben von Darth Vader, einem Plastikschwan und Glitzerbär spielte sie ihren Schlafzimmer-Hard-Rock und versetzte dem Publikum liebevoll Stromstösse.

Evelinn_Trouble_Kulturstattbern_Mokka
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Tanzen auf Wolken

Milena Krstic am Freitag den 17. Oktober 2014

Sowas macht man doch nicht … Da spielen die Schweden von Swim einen heidenschönen Schlafzimmer-Pop und tragen gleichzeitig Masken, als wären sie eine Deathmetal-Band! Es sei ihnen verziehen: Das Trio um Sängerin Erika Rosén (+ Bassist + Typen, der ein Mac-Book bediente) hat die paar Menschlein, die sich in dieser rosaroten Nacht in die Playground Lounge verirrt hatten, auf Wolken tanzen lassen.Swim_Playground_Lounge

«Andere Leute kaufen sich einen Mercedes …

Milena Krstic am Donnerstag den 16. Oktober 2014

…  ich habe mir guten Sound für meinen Club gegönnt.» Zitat Luca Carmosino. Das ist doch mal eine Ansage. Heute eröffnet der Berner alias DJ Luca de Grandis in den Räumlichkeiten des ehemaligen Silo seinen Club Das Zimmer. Der 34-Jährige legt selbst seit Jahren auf und kennt die Szene bestens. So hat er ein fesches Line-Up für Freunde der elektronischen Tanzmusik zusammengestellt. Aber mal ehrlich: Das beste Line-Up bringt nix, wenn der Sound schon bei 90 Dezibel das Lautstärkelimit erreicht. Und das ist nun mal die Realität für Das Zimmer, das inmitten des Mattequartiers liegt. Die Nachbarn haben keinen Bock auf Bässe. Aber der Besitzer will guten Sound in seinem Club. Kann diese Rechnung aufgehen? Luca Carmosino lächelt und zeigt auf sein Rack:

Das_Zimmer_Rack

Von diesem Turm aus (oder «Baby», wie es Carmosino liebevoll nennt) werden sechzehn Lautsprecher gesteuert, die im ganzen Club verteilt sind (jap, auch im Fumoir). So ist sogar bei warmduscherhaften 90 dB ein intensives Hörerlebnis möglich. Ha! Das 3-D-Soundsystem wurde übrigens von der Firma Sonic Emotion (mit Hauptsitz in der Schweiz) entwickelt. Das Zimmer sei, wie mir Carmosino gesteckt hat, nebst dem Zürcher Aura, der einzige Schweizer Club, der das bieten könne.

Das komplette Interview mit Luca Carmosino liest sich heute in der gedruckten Ausgabe des «Bund» uuund online hier.

Und wer wissen will, wie das Baby klingt,  geht heute runter in die Matte an die Eröffnung des Zimmers. Mit dabei sind der Solothurner DJ Kellerkind und ein Special Guest aus Berlin.

Bizarre Musikgenres Teil 15: Lowercase

Gisela Feuz am Dienstag den 7. Oktober 2014

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Lowercase.

Lowercase minimalistisch zu nennen, ist schon fast eine Untertreibung. Aufgekommen in den frühen 2000er-Jahren handelt es sich bei Lowercase um eine radikale Form minimalistischer Ambientmusik, bei der leise, unaufgeregte Klänge in mehr oder weniger lange Abschnitte von völliger Stille eingebettet werden. Die Geräusche und Klänge stammen meistens aus Feldaufnahmen, wobei auch die ursprünglichen Klangverursacher eher leiser Natur sind. Der Start eines Jumbo-Jets oder ein spanischer Fussballkommentator dürften es also wohl eher weniger auf eine Lowercase-Platte schaffen.

Einer der wichtigsten Vertreter und auch Namensgeber des Genres ist Steve Roden, der selber ein ganzes Album namens «Forms of Papers» herausgegeben hat, auf dem es ausschliesslich Geräusche von Papier zu hören gibt, welches auf verschiedene Arten angefasst wird. Lowercase schreie nicht nach Aufmerksamkeit, sondern müsse entdeckt werden. «It’s the opposite of capital letters – loud things which draw attention to themselves.» beschreibt Roden den leisen Gesellen des Ambiente. Dann lehnen Sie sich doch jetzt mal zurück, werte Leserschaft, und entdecken Sie.

Alpsegen à la Noise

Gisela Feuz am Mittwoch den 1. Oktober 2014

Noise und uriges Bauernleben ist ja nun nicht etwas, was oft im gleichen Atemzug genannt wird. Ausser vielleicht, wenn jemand mal wieder Kuhglocken als Noise – also Lärm – bezeichnet und findet, diese gehörten abgeschaffen. Mit ihrem neusten Projekt Helios & Hess schlagen die beiden Berner Noise-Veteranen Von Wurstfinger and Strotter Inst. Aka Mike Reber und Christoph Hess nun aber eine Brücke zwischen ländlichem Brauchtum und moderner Klangfabrikation, haben sie auf «Lump» doch die beiden Begriffe «Reisläufer» und «Alpsegen» in eine Klanglandschaft übersetzt.

Der Alpsegen wird auch Betruf genannt und ist nichts anderes als ein Schutzgebet in Form eines Sprechgesanges, welches Senne in katholischen Teilen der Alpen allabentlich von den Hügeln und Bergen rufen. Als Reisläufer (mittelhochdeutsch «Reis» bedeutet in etwa Aufbruch, Fortbewegung, Reisen) werden spätmittelalterliche Schweizer Söldner bezeichnet, die bis ins 17. Jahrhundert im Dienste zahlreicher europäischer Herrscher standen. Für viele Familien der damaligen Zeit war das Reisläufertum eine der wenigen Möglichkeiten, den Lebensunterhalt zu sichern.

Helios & Hess vertonen mit ausschliesslich analogen Klangquellen und Feldaufnahmen diese beiden Aspekte der Schweizer Geschichte, manipulieren dabei in gewohnter Manier Plattenspieler und loopen, was das Zeug hält. Schauspieler Marcus Signer leiht zudem seine markante, sonore Stimme und intoniert zwei Alpsengen auf seine ganz persönliche Weise. So nehmen Helios & Hess die Zuhörerschaft mit auf eine Reise der etwas anderen Art durch Schweizer Traditionen: Die raue Natur und menschliche Gewalt wird hier in akustische Erdrutsche und Feuersbrünste übersetzt. Bei aller Intensität kommt den Herren Helios & Hess aber keinesfalls der Humor abhanden.

Helios & Hess taufen «Lump» am Freitag 3. Oktober im Dachstock Bern und zwar im Rahmen der 15 Jahre Everest Records Label Night. Mit von der Partie sind auch Chris Dubflow (ebenfalls Plattentaufe), Rotkeller, Digitalis und DJ LCP.

Fabio, Andreas und Daniel

Christian Zellweger am Freitag den 12. September 2014

Sie wollten schon immer mal wissen, wie das so läuft in dieser Musikindustrie? Also: Da geht der Berner Filmer und Musiker Fabio Friedli als Pablo Nouvelle in die weite Welt hinaus. Die Briten vom Indie-Label Black Butter Records finden das super und veröffentlichen seine Werke.

Dazu veranstalten Sie einen Remix-Wettbewerb. Und wer genau schaffts, «out of hundreds of entries», unter die drei besten Tracks? Na klar, Filewile – aus Bern. So geht das, in der Musikindustrie. Vetterliwirtschaft? In diesem Fall wohl eher einfach gute Arbeit.

They praise it!

Oliver Roth am Donnerstag den 11. September 2014

Die kurze Abwesenheit in Bern und der Arbeitsaufenthalt an der Weichselstrasse in Berlin wurden durch eine kurze Huldigung unterbrochen. Wir konnten nicht davor Halt machen, auf das Medienereignis gebührend einzugehen. Das neuste «Bigger, than bigger» lässt auch unseren Altar erstrahlen. Wie der Rest der Welt, knien wir nieder.