Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Bern auf Probe: Einkaufen mit Johannes Dullin

Anna Papst am Dienstag den 7. November 2017

Er probe nie für seine Stücke, er lerne lediglich Text, antwortet Johannes Dullin mir auf die Frage, ob ich ihm einen Probenbesuch abstatten dürfe. Um Text zu lernen gehe er am liebsten einkaufen oder spazieren, dabei könne ich ihn gerne begleiten. Also wandern wir an einem Donnerstagmorgen durch die Regale der Migros Bolligen. Dullin kauft alles ein, was nicht bei ihm im Garten wächst, der Text seines Stücks „The best piece of this season“ liegt im Kindersitz seines Einkaufwagens und bleibt während der ganzen Shoppingtour relativ unbeachtet. Denn die Geschichte, dass er beim Einkaufen am besten Text lernen könne, ist wohl, so dämmert es der Berichterstatterin, nichts weiter als das: eine Geschichte. Ein Gefallen für die Journalistin, die eine Story braucht, gewitzte Eigenvermarktung von Dullin, der steuert, wie über ihn berichtet wird.

Lernmethode Dullin: Wenn bei der Kasse der Text noch nicht sitzt, ist immerhin der Einkauf erledigt.

Man nimmt ihm seine Behauptung nicht übel, lässt sie sich doch prima mit dem Thema seines Stücks verbinden: Dullin versucht darin, das Phänomen der Fake News und Alternativen Fakten für die Bühne nutzbar zu machen. Fast jedes Theaterstück, so seine These, beginne mit einer Lüge. Da behaupte eine_r jemand anderes zu sein als er_sie ist, und für die Dauer des Abends akzeptiere das Publikum diese Behauptung als gegeben. Der Schauspieler verteidige seinerseits die Lüge unter Aufwand seines gesamten Könnens, bis die Frage nach dem Wahrheitsgehalt obsolet würde, weil wir uns zu gut unterhalten fühlten, um die Lüge entlarven zu wollen.

Im Fall von Johannes Dullin weckt schon der Titel beinahe unerfüllbare Erwartungen, an denen sich der Performer den gesamten Abend abarbeiten wird. Was macht ein Stück zum besten der Saison? Um das herauszufinden, sagt Dullin, müsse ich schon schauen kommen. Aber er wolle mir Folgendes verraten. Er würde sehr lange alles tun, um die Zuschauer_innen ins Boot zu holen, um dieses im Anschluss komplett zu versenken.

Bei aller Albernheit ist Dullin ein Perfektionist. Seine Arbeiten bezeichnet er als Kompositionen, in denen jedes Element seinen Platz hat und Publikumsnähe und Experiment sich stets die Waage halten. Während er früher oft mit Improvisationen gearbeitet hat, kreiert er seine Arbeiten heute lieber am Schreibtisch. Er vergleicht seinen Arbeitsprozess mit der Anfertigung eines Mobiles. Das Befestigen eines ersten Objektes setzt er mit der Formulierung einer ersten Idee gleich. Um dieses erste Element in Balance zu halten brauche es ein zweites, um diese Zweierkonstruktion auszutarieren ein drittes, und so weiter, bis das Mobile in perfekter Balance schwebe.
Vielleicht ist das Bild des Mobiles für Dullin selbst ohne Signifikanz, erfundene Pseudopoesie für das schreibende Gegenüber. Die Inspiration fürs eigene Schaffen, die es in einem auslöst, ist jedoch echt. Darum wechselt man bei diesen Alternativen Fakten nicht den Sender, sondern bleibt am süssen Lügenbrei dieses begnadeten Geschichtenerzählers kleben.

The best piece of this season von Johannes Dullin,  10. November, Schlachthaus Theater 20:30 Uhr

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.

Bern auf Probe: Gurlitts schrecklich nette Familie

Anna Papst am Dienstag den 31. Oktober 2017

Wenn eine Gruppe seit 18 Jahren Theater macht, sammelt sich einiges an. Im Proberaum von Schauplatz International, einem Urgestein der Freien Szene, lassen sich unter anderem ein Ruder-Fitness-Gerät, ein Keyboard, drei Fahrräder, rund 60 Klappstühle, drei Kaffeemaschinen, eine Mikrowelle, zwei Turnmatten, eine Gitarre, ein Fussball, eine Bratpfanne, eine Spritzflasche zur Pflanzenbewässerung und ein Skianzug finden. Das buntgemischte Sammelsurium erinnert an den Inhalt eigener Keller-, Estrich- und anderer Stauräume. In dieser vertrauten Kollektion von Übriggebliebenem macht man es sich gerne gemütlich, um von sich zu erzählen. So wie Marianne Kaiser, die am heutigen Probentag von Anna-Lisa Ellend für das Projekt „Gurlitts entarteter Schatten“ interviewt wird. Darin geht es um ein fiktives Familientreffen der Gurlitts, die alle irgendwie mit Kunst zu tun haben. Biographien und Kunstbezug der behaupteten Gurlitt-Familie speisen sich aus Interviews mit dem Schauspieler Nico Delpy und vier Bernerinnen und Bernern, die die Familienmitglieder auf der Bühne verkörpern.

Was an diesem Familientreffen wohl verhandelt wird? Probefoto von “Gurlitts entarteter Schatten”, geschossen von Schauplatz International Mitglied Anna-Lisa Ellend

Marianne Kaiser wird eine Tante von Cornelius Gurlitt spielen, die aus einem engen Tal kommt. Bei ihr selbst ist es das Emmental. In einem behüteten Mehrfamilienhaus, in dem neben ihren Eltern und Geschwistern auch noch Grosseltern, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen gewohnt haben, ist sie aufgewachsen. Es wurde ihr im Emmental aber bald zu eng. Mit Marschmusik und Dorfchilbi konnte sie nicht viel anfangen. Als Jugendliche verschlang sie das Buch „Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und war fasziniert vom kaputten Berliner Milieu. Bleich sein, fand sie, die mit ihren roten Backen quasi das Inbild des gesunden Landlebens war, das Nonplusultra.
Während Marianne Kaiser erzählt, führt Albert Liebl Protokoll, das neunzigminütige Gespräch wird vom Klicken der Computertastatur begleitet. Anna-Lisa Ellend stellt ihre Fragen der Chronologie des Heranwachsens entlang, kommt von Privatem auf Zeitgeschichtliches zu sprechen. Marianne Kaiser erzählt von Zaffaraya, von einer Zeit, in der es jede Woche eine Demonstration inklusive Sitzstreik vor der Schützenmatte gab. Später protestierte man gegen die Atomtests unter Jacques Chirac oder pilgerte nach Mühleberg um gegen hiesige AKWs mobil zu machen.

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Kulturbeutel 44/17

Urs Rihs am Montag den 30. Oktober 2017

Der Urs empfiehlt:
Eines der besten Deutschrap Dinger dieses Jahres live, der Schwab berichtete, Trettmann im Stock, am Freitag. Und wenn wir schon street sind, geht doch am Samstag an der Monbijoustrasse 6 vorbei, zur Layup Neueröffnung. Der Laden trägt seit 16 Jahren hart zum Stadtbild bei und zieht nun um. Wichtiger Schuppen für die Kreativszene der Stadt und Schnittstelle verschiedener Subkulturen.

Mirko Schwab empfiehlt:
Schwierig schwierig, denn my boi Urs hat Recht. Im Moment gibts eigentlich nur noch einen – und der heisst Tretti. Zum Glück tut sich auch abseits der abgetanzten Konzertlokale was: Das Schwobhaus in der Länggasse ist so ne feine Adresse, wo die Bohème am Sonntagnachmittag zu den aparten Neunzigerjahre-Reminiszenzen der Berliner Girlie abkatert. Wichtiger Move für die Ketaminszene der Stadt und Bittstelle zerriebener Rotweinhuren.

Die Krstic empfiehlt:
Die Donnerstagnächte sind die neuen Samstagnächte. Gilt das eigentlich noch? Ich bin nicht mehr ganz so up to date, aber empfehlen kann ich Ihnen das Trio Komfortrauschen aus Berlin trotzdem. Live gespielter Minimal, federnd frisch, get your sneakers and your freak on. Am Donnschti im Ross, präsentiert von meinen Lieblings BlauBlau Records.

Fischer empfiehlt:
Die zweite Woche von Tanz in Bern. Da gibt es neben viel tollem Tanz auch zwei lohnende Vorträge: Am Samstag von Christian Budnik zum Thema «Mensch-Maschine» und am Sonntag von Barbara Duden zum Thema «Innere und äussere Bewegung in ihrem Dialog».

Frau Feuz empfiehlt:
Stöck Wyys, Stich! Am Mittwoch gibts Jassturnier 2.0 in der Zarbar. Am Samstag klauben sie dann aus ihrer Singles-Sammlung Nick Kershaw, Belinda Carlisle (oder was auch immer für andere Verbrechen Sie Zuhause horten) aus dem Plattenschrank und marschieren damit ins Wohnzimmer zur Singles Night – The Records Player Party.

Nieder mit dem Elektrophallus

Mirko Schwab am Samstag den 28. Oktober 2017

Es rumort im Berner Untergrund. Und die Stromgitarre lebt hoch. Auch dank Willibald, die am 11. November ihre neue EP vorlegen.

Deborah Spiller von Willibald bei der Arbeit. (Photo: JBDUBOIS)

Gitarre, Bass und Schiessbude, die Urformel. Elementare Anmut des Rocktrios. Hier wird nicht gefummelt, denn fürs solistische Gewichse fehlt die zweite Geige, die verknechtete Rhythmusgitarre. Das Gewicht lastet auf dem Dreier gleichermassen und das Primärziel ist energetisch. Dreimal laut und ohne Schabernack.

Oft wurde das Rocktrio für tot erklärt und mit ihr die ganze Gitarrenmusik, als wäre sie wirklich gestorben an diesem trüben Dienstag im April 1994. (Zur Stirn, zur Brust, nach links und rechts.) Doch die musizierende Zunft blieb erfinderischer als der gemeine Musikjournalist, immer mal wieder liess sich was aufregendes anstellen mit dem alten Saitenscheit. Ja, man kann die Gitarre auch zerschlagen, zertreten, verstümmeln und in Brand stecken – das Popgedächtnis aber ist der Roadie, der sogleich eine neue, funktionstüchtige und einwandfrei in gedroppt D gestimmte Klampfe auf die Bühne zurückbringt.

Trotzdem ist es gut, wird die Kulturgeschichte der Stromgitarre von Zeit zu Zeit neu verhandelt und um ein Kapitel bereichert: «Girls who play guitars» heisst das im Schrieb begriffene – und nochmal mit Blick zurück in den amerikanischen Nordwesten 199X – das schon unlängst begonnene. Nieder mit dem Elektrophallus! Ein Kapitel also schreiben, um es obsolet zu machen – denn eigentlich ist es schrecklich langweilig, über das biologische Geschlecht einer Instrumentalistin oder eines Instrumentalisten nachzudenken. Doch vorerst leider nötig.

Womit wir bei Willibald wären, einer der Bands der Stunde in dieser herbstlichen Sandsteinstadt und – zufällig oder programmatisch, who cares in near future – zwei Girls und ein Boy: Gitarre, Schiessbude und Bass. Aus der kommenden EP liegen schon Schnipsel parat im Interwebs, die eine äusserst ansprechende Mischung aus entrücktem Gaze und grobkörnigem Garage-Gestus versprechen. Auf «While We Feel Romantic On Rooftops» gibts nichts, was in der Geschichtsschreibung der Popmusik nicht schon angeklungen wäre, auf einer Jaguar, Jazzmaster, Telecaster irgendwo – und desto erfreulicher ist es, schürft die Band so schnörkellos die alten Wunden und macht der totgeglaubten Gitarrenmukke ein feines Fest in fünf beseelten Liedern. Atemberaubend halsbrecherisch trommelt sich da Christine Wydler bisweilen in Ekstase, drückt Charli Grögli am Viersaiter aufs Fuzz-Pedal. Und eine helle Freude auch der schamanische, von Tonmeister Stefan Allemann blendend inszenierte Gesang der Debo Spiller.

(Thanks for saving Rock’n’Roll, dear Willibald.
At least till tomorrow morning.)

Bitte notieren Sie: 11.11.17, Release «While We Feel Romantic On Rooftops» (Oh Homesick Records) von Willibald. Getauft wird in der schönen Spinnerei.

Kulturbeutel 43/17

Urs Rihs am Montag den 23. Oktober 2017

Der Urs empfiehlt:
Rap-Progressivismus an den Gestaden des Schiffenensees – Shabazz Palaces am Donnerstag im Bad Bonn. Die Sub-Pop-abstract-Hip-Hop-Hexer sind mit haufenweise frischem Stoff unterwegs und laden zum Trip. Live besteht die Gefahr einer Überdosis Endorphin – hin da!

Die Krstic empfiehlt:
Wie ist das denn jetzt mit dem Feminismus? Laurie Penny fragen! Am Donnerstag im Frauenraum kann mensch das gleich persönlich machen. «Bitch Doktrin» heisst Pennys neue Essay-Sammlung, über die sie sich mit Moderatorin Leena Schmitter unterhalten wird. Sehr toll, dass die Britin nach Bern kommt.

Frau Feuz empfiehlt:
Nach «Martin L. Gore ….» zeigt die Combo Buess/Metzger/Schwabenland ab Freitag im Schlachthaus den zweite Teil der Trilogie «Freiheit», der da heisst: Edward Snowden steht hinterm Fenster und weckt Birnen ein. Am Samstag gibts dann im Rahmen  von Film und Musik in der grossen Halle der Reitschule Buster Keaton Filme zu sehen, live vertont von Marco Dalpane und dem Ensemble Musica nel buio di Bologna.

Bern auf Probe: Jodelbekehrung

Anna Papst am Dienstag den 17. Oktober 2017

Der Chorleiter holt mich mit seinem roten Citroën vom Bahnhof ab, auf der Rückbank liegt ein Keyboard. Über eine gewundene Strasse fahren wir an Wald und Wiese vorbei, ein Fuchs huscht über die Fahrbahn. Wahrscheinlich ist er unterwegs, um dem Hasen Gute Nacht zu sagen. Unser Ziel ist das Schulhaus Zumholz in Milken, Probelokal des „Jodelchörli Sunneschyn“. Die Schule wurde vor gut zwei Monaten geschlossen und die Kinder in ein Gesamtschulhaus versetzt. Im Schulzimmer, in dem der Chor probt, hat seither niemand mehr die Wandtafel geputzt. Sie ist noch immer bunt bemalt mit Herzen, einem fetten Zumholz-Schriftzug und der Nachricht „Bitte alles nicht löschen“. Eine Namensliste hängt neben dem Eingang. Was wohl aus Marc, Flavia und Angel geworden ist?
Es wird nicht mehr gerechnet hier, nur noch gejodelt, doch auch das will geübt sein. Um 20 Uhr, eine halbe Stunde vor dem offiziellen Probebeginn, treffen drei „Jutzerinnen“, d.h. Solo-Jodlerinnen ein, um ihre Passagen zu üben. Ihre Jodler haben keinen Text. „Tief wird auf jo gesungen, hoch auf ju oder jü“, erklärt der passionierte Chorleiter Georges Hunziker und singt es gleich vor. „Es ist eigentlich ganz simple, und doch zerbricht man sich zuweilen den Kopf darüber, ob ein Ton noch auf jo gesungen werden soll, oder schon auf ju.“ Der Jodelchor Sunneschyn wurde 1963 von elf Frauen gegründet, wer nicht zu den Singübungen erschien, musste 50 Rappen Strafe bezahlen.

Jodeln statt büffeln: Probe im Schulhaus Zumholz

Um halb neun füllt sich das Schulzimmer. Rund 30 Frauen zwischen 18 und 70 Jahren proben heute Abend das Herbstprogramm namens „Morge u Abe“. Gemeinsam mit dem gemischten Jodeldoppelquartett „Echo von Giebelegg“ aus Rüeggisberg und der Alphorngruppe „Aberot“ aus Rüeschegg werden sie vier Konzerte bestreiten. Die Frauen heben an zu singen: „Abezyt du bringsch mir Fride, nach dem lange ghetzte Tag“. Tatsächlich meine ich zu spüren, wie sich nach einem Tag, der schon über 15 Stunden andauert, in diesem verlassenen Schulhaus, umgeben von weiblichem Choralgesang, eine elysische Ruhe über mich hinabsenkt. Da bricht der einzige Mann im Raum das Lied ab. „Ihr müsst euch die zweite Zeile vorstellen: Himmelwiit es Meer vo Stärne! Singt mal mit der Vorstellung dieser Weite. Dann kriegt ihr den Klang, den wir uns wünschen.“ Der Elan des Chorleiters multipliziert sich mit der sichtlichen Freude der Sängerinnen. Beim zweiten Anlauf singt der Chor feiner und doch intensiver, es schwingen die Obertöne, der Alt bereitet einen warmen Boden, der Sopran schwebt hauchzart darüber.

Man kann das alles kitschig finden, aber man will nicht. Dafür ist es gesanglich einfach zu gut. Zwischen sphärischen Klängen und archaischem Naturgesang wechselnd, erzeugen die schlichten Harmonien der Jodellieder eine magische Stimmung. Weil die Sängerinnen nicht in Trachten, sondern in Jeans und Pullover proben, verliert das Jodeln hier seinen Folklore-Touch und wird zur entrückenden Vokalmusik. Am Ende der Probe darf sich eine der Frauen ein Lied wünschen, weil sie Geburtstag hatte. Sie wünscht sich das Volkslied „Am Morge früeh“. Sie wandere so gerne, erklärt sie auf meine Nachfrage, und dieses Lied mache Lust zum Losziehen.

Konzerte des Jodlerchörli Sunneschyn: 19. Oktober, Kirche Rüschegg, 21. Oktober, Kirche Rüeggisberg, 27. Oktober Kirche Oberbalm, 29. Oktober Kirche Guggisberg

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.

Bern auf Probe: Huere krassi Müetere

Anna Papst am Dienstag den 10. Oktober 2017

«Der Titel gibt immer noch zu reden», sagt Emma Ribbing. Die Mitglieder der Gruppe em-R sitzen im Studio 1 der Dampfzentrale im Kreis, es ist der Auftakt zu den Intensivproben, denen Recherchen und Vorproben von über einem Jahr vorangegangen sind. «Für mich geht es darum, einen patriarchalisch besetzen Begriff neu zu deuten, ihn in gewisser Weise zurückzuerobern», schaltet Emma Murray sich ein. «Wir nehmen die rohe Energie, die von ihm ausgeht, verhandeln aber die Frage nach mütterlicher Fürsorge.»

Gib’s zu, auch Du schaust länger hin, wenn eine nackte Brust zu sehen ist: Bühnenmodell und Plakat von «Mother*Fuckers»

Die Dramaturgin Johanna Hilari ergänzt: «Wir haben fuck in diesem Zusammenhang mit Spielen gleichgesetzt; to fuck around, to play around. Wie spielen auch mit dem Begriff, indem wir ihn zweiteilen, so dass man einerseits die Mütter rauslesen kann, andererseits aber eben auch die Taugenichtse, die herumalbern und Blödsinn machen.» Der Titel, der so viel zu diskutieren gibt, gehört zum neusten Tanzstück von Emma Murray und lautet «Mother*Fuckers». Diesen Beitrag weiterlesen »

Revolution und rosa Negligé

Gisela Feuz am Donnerstag den 5. Oktober 2017

Gleich zwei Filme gibt es die nächsten Tage hier in Bern zu sehen, welche sich mit der Subkultur Punk auseinandersetzen – dabei könnten Herangehensweise und Protagonisten der beiden filmischen Erzeugnisse unterschiedlicher nicht sein.

Da wäre zum einen Shaun Colons Punk-u-mentary «A Fat Wreck» welche dem NOFX-Frontmann Mike Burkett und dessen Laben Fat Wreck Chords gewidmet ist. Seit sage und schreibe 26 Jahren tummelt sich Fat Mike, so Burketts Spitzname, mit seinem kleinen Punk-, Ska- und Hardcore-Label erfolgreich im Haifischbecken der Musikindustrie. Er habe immer mit offenen Karten gespielt und keine seiner Bands abgezockt oder beschissen, sagt Fat Mike. Tatsächlich ist es eine Eigenheit von Fat Wreck Chords, dass mit allen Bands immer nur Verträge über ein Album abgeschlossen werden. So muss die Band nicht beim Label bleiben, wenn sie durchstartet und das Label muss auf der anderen Seite keine zweite Platte herausgeben, wenn die Band floppt. Win-win. Davon konnten sich bis anhin rund 60 Bands überzeugen, darunter Lagwagon, Propagandhi, Anti-Flag oder Rise Against.

Er ist eine schillernde Figur, dieser Mike Burkett, der vorzugsweise mit rosa Negligé auftritt und gerne über S/M-Praktiken referiert – eine schillernde Figur, welche das Herz am rechten oder besser gesagt am linken Fleck trägt und wahrscheinlich deswegen so lange mit seinem kleinen Indie-Label im serbelnden Musikbusiness überleben konnte. So schillernd wie Fat Mike ist denn auch Colons Dokumentarfilm, in welchem unter anderem Musiker von Bad Religion oder den Foo Fighters, aber auch Puppen zu Wort kommen. Puppen mit Iro, versteht sich.

Ganz anders ergeht es da Kevin (Max Hubacher), dem Hauptdarsteller im Debut des Berner Filmemachers Juri Steinhart. Eine hinreissende Tragikomödie hat Steinhart mit «Lasst die Alten sterben» gedreht, ein Coming-Of-Age-Film, welcher zeigt, wie schwer das Erwachsenwerden doch ist, wenn keine Reibung und Abgrenzung mehr möglich ist.

Kevin ist ein cooler Hipster, wie er im Buche steht, vor allem aber ist er wütend und weiss nicht so recht warum. Eigentlich hat er doch alles: Wohlhabendes Elternhaus, Gadgets à gogo, wilde Feiern am Wochenende inklusive Drogen und schnellem Sex auf dem ISC-Klo. Jede Bewegung und jede noch so nichtige Aktion wird selbstredend auf allen Social-Media-Kanälen gestreut und trotzdem ist er gelangweilt und unzufrieden, dieser Kevin, erst recht, als er nach 11 Jahren das Ritalin absetzt.

Ausweg verspricht der Geist der Revoluzzer-Punks der 80er-Jahre und so kauft Kevin Lederjacke und Nietengurt und gründet eine Kommune, wobei die Mitglieder via Casting ausgesucht werden. Ein buntes Trüppchen findet da zusammen, als Initiationsritual werden die Smartphones an die Wand geknallt. Raus aus der Konsumwelt, her mit den richtigen Emotionen, freie Liebe, Drogen, klauen – so lautet ab sofort das Programm der Gang. Spätestens als Kevins Vater (Christoph Gaugler) ebenfalls in der WG auftaucht und sich voll in den Rausch bzw. nackt ins Kommunen-Leben einfügt, läuft Kevins Rebellion aber einmal mehr ins Leere. Eine lustige, polemische und visuell ansprechende Zustandsanalyse der Generation Zuckerwatter liefert Steinhart mit «Lasst die Alten sterben». Hätte man Kinder, würde man ihnen auf der Stelle irgendetwas verbieten. Egal was.

Die Punk-u-mentary «A Fat Wreck» wird am Samstag 7. Oktober als CH-Premier im Planetspade gezeigt, Juri Steinharts Spielfilm-Debut «Lasst die Alten sterben» läuft ab nächsten Mittwoch 11. Oktober im Kino Rex.

Bern auf Probe: Mit Peter Arbogast bei den Zeugen Jehovas

Anna Papst am Dienstag den 3. Oktober 2017

Geprobt wird im Keller eines Mietshauses in Zürich, dessen erste zwei Etagen von Jehovas Zeugen belegt sind. Dominik Dusek hat sich für die Lesung seines ersten Romans «Er tritt über die Ufer» eine musikalische Untermalung gewünscht, die nur aus Bass und Effektgeräten besteht. Bekommen hat er – zum Glück, wie sich noch herausstellen wird – Patrik Küng, der ihn mit E-Gitarre, Synthesizer und den erhofften Effektgeräten begleitet. Über den und dessen ehemalige Band Kid Ikarus hat Dusek auch schon für den «Züritipp» geschrieben. Und damit sind wir dem Roman schon verdammt nahe, über dessen Lesungsprobe hier berichtet werden soll. Diesen Beitrag weiterlesen »

Garagen – Kunst – Handwerk

Urs Rihs am Freitag den 29. September 2017

KulturStattBern passiert überall, auf Bühnen, Kellern, unter offenem Himmel und wer weiss wo sonst noch alles. Vielfach intendiert, mit Ansage und das ist gut so. Vieles passiert aber auch versteckt, unter Tage quasi, ausserhalb des Fokus der Szene und Berichterstattung. Relevant trotzdem – ein Schaustück hier angebracht.

Mal wieder flaniert, durch die herbstlichtdurchfluteten Quartiergässchen, am Morgen, welch Freude. Da stand dieses Tor offen, wiederholt aufgefallen in den letzten Wochen durch entweichende Staubwolken, Schleifgeräusche und diesen süsslichen Düften nach erstklassigen Lacken, Farben und Spachtelmassen.

Bis anhin nie den Schneid gehabt zu fragen, was da geht, was da anscheinend so viel an Ausdauer bedarf. Immerzu nur spekuliert über den Gegenstand, welchem so viel Handarbeit zuteilwird – muss was schön Baufälliges sein, ein ungeschliffenes Edelsteinchen wahrscheinlich.

Heute hat die Neugier die Phantasie zu verdrängen vermocht und also wurde die Schwelle zur Sache übertreten.
«Alles klar hier?» – Mann mit Staubmaske: «Nein, dieses Ding kostet mich den Verstand.»
Dieses Ding: Rundungen, geschwungene, wohlgebogene Linien, zulaufend meist. Crèmefarbener Körper, edelholzig beschlagen, rötlicher Mahagoni auf Deck, Silberleisten als Spitzlichter an den Kanten.

Ein klassisches «Runabout», ein kleines Sportboot. Ursprünglich im Amerika der Roaring Twenties den Werften visionärer Designer und Ingenieure entsprungene, in ihren kühnsten Fertigungen mit Flugzeugmotoren bestückte Rennschiffchen.
In den 60ern wurden diese «Streuner» dann durch Carlo Riva – dem italienischen Fellini des Bootsbaus – zum Inbegriff der Dolce Vita, des federfüssigen Savoir Vivres an den Goldküsten des Mittelmeeres. Spritzgefahren von Gallionsfiguren der Popkultur. Sophia Loren, Brigitte Bardot, Alain Delon und so fort.

Des Bastlers Habitat, die Garage.

Diese Perlen der Riviera – sinnbildliche Projektionsflächen des Begehrens – an der Oberfläche zu halten bedarf einer dicken Brieftasche oder aber, versessener Schwärmer. Menschen mit der Muse zum Erhalten, störrisch gegen den Strom der wütenden Bilderstürme. Denkmalpfleger eigentlich, Unvernünftige. Wie dem Mann mit der Staubmaske, bis zu 16 Stunden täglich in seiner Garage.

Es mag ihn vielleicht den Verstand kosten, quittiert aber von dieser inneren Wärme, dem Lohn des Selbsterschaffenen.
Und, ganz nebenher, als Begleiterscheinung, wird er eben auch ein Splitterchen städtische Kultur vollbracht haben. Ein Stück Garagen-Kunst-Handwerk im Quartier.

Beim Verlassen der wohlriechenden Staubwolke noch viel Glück gewünscht und ab zum Kaffee, dabei an diese Szene gedacht – das Schiff auf dem Dach, bei Ghost Dog.