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«Wohnsippenhaft»

Urs Rihs am Dienstag den 1. Mai 2018

Für wenig Batzen in unserer Stadt zu leben, grenzt an eine multidisziplinäre Kunstform. Verkompliziert wird die Aufgabe durch eine kaum zu bereinigende Altlast unserer Gesellschaftsform – der guten alten Diskriminierung von Minderheiten.

Anlass zu diesem Hieb gegen die besitzende und verwaltende Klasse des städtisch vorherrschenden Kryptowohnfaschismus, ist eine Mail, die ich von zwei Freunden weitergeleitet erhalten hab.

Seit langem auf Wohnungssuche die beiden.  Nach etlichen – meist unbegründeten – Absagen, hatten sie die Nase langsam gestrichen voll. Verständlicherweise.
Also hakten sie nach, fragten nach einem Grund. Erhielten sie die letzte Absage doch für eine Wohnung, welche direkt von einem bekannten Paar hätte übernommen werden können. Und das trotz fristgerechtem, vollständigem und auch sonst vorbildlichem Bewerbungsdossier.

Vermieter müssen ihre Entscheide nicht begründen, vom Legalistischen her, das ist ein Privileg unter vielen, welches ihnen zukommt.

Sogar eine Wohnungskündigung muss seitens Besitzer nicht begründet werden. Der Mietpartei kommt lediglich das Recht zu, eine Begründung zu verlangen. Was das bedeutet?
Fragen darf man – Antworten muss darauf niemand. Na dann ist ja gut …

Zurück zum Fall meiner Freunde aber, die haben nämlich tatsächlich Antwort erhalten, und zwar folgende:

Der Beweis einer ehrlich-üblen Sache.

Cool, danke der Ansage. «Immerhin ehrlich!» könnte man monieren.
Wenn der Idiot sich durch Ehrlichkeit als solcher offenbart, bleibt aber vor allem mal etwas – dass es sich um einen Idioten handelt.
Und die anerkannte Rassistin auf dem Podium ist keinen Deut besser als der verkappte Xenophobe hinter seiner Hecke. Capisch?

Realität – Menschen aus dem Jugo kennen die Leier mit ihrer Namensendung am Telefon. Menschen mit einem Hautfarbton, welcher auch nur minimal von Geisterweiss abweicht, kennen das Spiel bei der Wohnungsbesichtigung. Und offenbar müssen eben auch Menschen, deren Beruf und Umfeld nicht in erzreaktionäre Vorstellungen von Sittlichkeit aus dem vorletzten Jahrhundert passt, auf dem lokalen Wohnungsmarkt mit Diskriminierung rechnen.

Aber lassen wir die Empörungsschreie verhallen. Es stellen sich schliesslich Fragen. An erster Stelle vielleicht: Was dürfen Vermieter von Mietinteressentinnen an Daten sammeln und erfragen?

Dazu juristisch: Nach Beruf, Name, Arbeitsort und Nationalität darf immer gefragt werden. Die gesamte Gesetzeslage gibt’s hier im Überblick. Grundsätzlich steht jeglicher Art von Diskriminierung Tür und Tor offen, soviel steht fest und Minderheiten erleben darum völlig legal eine Art von Sippenhaft – Wohnsippenhaft.

Was tun?
Nun, uns privilegierten und selbstgewählt armen Selbstverwirklichern wirklich? bleibt noch der Bildungsbürgerrucksack – um publik zu machen. Die Besetzung – um Welle zu machen. Der Wagenplatz ausserhalb – um ein Paradies zu schaffen.

Die vernetzte Szene – um in einer Mansarde unterzukommen. Vitamin B – um in einer WG unterzukommen. Wohnbaugenossenschaften – um vielleicht mal in einer Wohnung unterzukommen. Und, wer viel Glück hat, Erbe – um am Schluss doch in einem Haus unterzukommen.

Immerhin das alles, auf jeden Fall und darf man sich auch gönnen, aber reicht das?
Und was ist mit denen, welchen nur der knappe verbilligte Wohnraum bleibt, der siffige Block oder die Peripherie?

Das Recht auf Stadt lässt sich schlicht nicht aus Einkommen und klassischen Wohn- und Arbeitsformen deduzieren. Das müsste auch eingefleischtesten Bürgerlichen und Erbverteidigern einleuchten.
Eine gesunde urbane Dynamik kann keine teure Monokultur sein, sondern räumt zentral auch Kaufkraftschwachen Platz ein. Diversität garantiert Stabilität, weiss nicht zuletzt jedes Ökosystem –
In der Stadt braucht es also Raum für avantgardistische und auch minimalistische Ansätze, spricht das politische Spektrum doch von rechts bis links von Verdichtung.

Träume brauchen Räume und so – und ich will auch gar nicht gegen Leute schiessen, welche Dreifünf für eine neue Dreieinhalbzimmer-Attika pro Monat verhämmern –  if that’s your dream, go for it dawg!
Aber es darf nicht sein, dass gleichzeitig Leute, welche freiwillig auf Standard und Fläche zu verzichten bereit sind, kaum Mietobjekte finden und sich einer Bewerbungsodyssee unterziehen müssen.

Zumal die dabei entstehende Konkurrenzsituation unter Gleichgesinnten zu maximaler Entfremdung führt – die kritische Theorie lässt grüssen und die grüsst schon viel zu lange und viel zu oft, aber das ist ein anderes Kapital …

So kann “Wohntraum” schliesslich auch …

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