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Ho Ho Ho – Schöne Bescherung Teil 4

Mirko Schwab am Freitag den 15. Dezember 2017

Ein Schöpfer, ein Engel, ein Poet und ein Krakentier. Vier Platten vor dem dritten Advent. Sie könnten ihr Geld wirkwahr für Beschisseneres ausgeben als Musik.

Schöne Bescherung. (Photo: Jessica Jurassica)

Ho Ho Ho – Ob da Frau Feuz etwa noch die Slutshaming-Karte zückt wider die Besinnlichkeit? «Seit 50 Jahren mit dem Liebsten verheiratet und keine Ahnung mehr, was man ihm noch unter den Christbaum legen könnte? Ihr Chef ist ein Schafseckel eine führungsstarke Persönlichkeit, die bereits alles besitzt? Ihre Schwiegermutter hasst Sie und ihre neue grosse Liebe weiss noch nichts von ihrem Glück? Alle Jahre wieder entpuppt es sich als hochkomplexe Angelegenheit, für jede*n das passende Weihnachtsgeschenk zu finden. Aber keine Sorge, KSB lässt Sie nicht hängen. In unserer Bescherungs-Serie wird Ihnen geholfen.»

Heute mit vier zeitgenössischen Musiken, die sich chez Serge And Peppers Records bei Schwatz und Bier erstehen lassen. Rathausgasse 55, fernab der Hysteria in den Hauptgassen.

Angel Olsen – Phases (Jagjaguwar)

Am Anfang der zweiten Seite steht das Ende einer grossen Liebe. «Sweet Dreams» wünsch ich ihr. Und was ein romantisch-masochistisches Kaufmotiv war, ist zu einer neuen Liebe jetzt geworden. Das Album (übrigens in hübsches Olivengrün geritzt) versammelt Demoversionen, Hommagen und B-Seiten aus fünf Jahren Schaffensprozess. Viel nordamerikanisches Folkmusik-Erbe und viel Innigkeit über wenig Akkorde, Schlafzimmeraufnahmen auf hastig gestimmten Klampfen und ein vokales Spektrum, das sich von selbstvergessener Nasalität bis zum kathartischen Heulenjaulen an der Grenze zum Jodeln spreizt. Es ist wunderschön.

Tyler The Creator – Scum Fuck Flower Boy (Columbia)

Viel wurde gewerweisst über diesen mit zwei Albumtiteln («Flower Boy» / «Scum Fuck Flower Boy») und zwei Plattencovers veröffentlichten Langspieler – und einmal mehr hat man sich bei den Meisterprovokateuren von Odd Future wohl köstlich über die erfolgreich gestiftete Verwirrung amüsiert. Ist das Ding jetzt ein Bekenntnis zur eigenen Homo- oder Bisexualität? Wie geht das mit den «faggot»-Kaskaden auf früheren Werken zusammen? Und wieso ist das von so übergeordnetem Interesse, dass schliesslich die Musik auf der Strecke bleibt? Die allerdings ist vielschichtiger als jede rasch dahingetippte Pseudo-Textkritik und das stupid-amerikanische Ringen um den Authentizitätsgrad eines Meisterreimers, der eben immer gerade dort steht, wo es ungemütlich wird für die politisch korrekten Weltversteher und Sittenhüter. Also, Musik ab: Willkommen auf einer sorgsam ausproduzierten, blumig instrumentierten Ausfahrt in die sommerlichen Tylerwood Hills – wunderbar altbackene String-Synths und auf laid back getaktete Seelenmusik (feat. Kali Uchis o. Estelle), derbe Zeitgeistnummern für die Magengrube (feat. A$AP Rocky), Future-Pop-Experimente nach Frank Ocean (feat. Frank Ocean) – alles drin und alles von derart feinster Qualität, dass man die scheinbare «Paradoxie» eines Künstlers auch mal annehmen darf. Ohne Glättungsanspruch.

Ghostpoet – Dark Days + Canapés (Play It Again Sam)

Albumtitel des Jahres und Überschrift eines der depressivsten Erzeugnisse des Popjahrs 2k17. Der Geisterpoet und seine in aparter Zurückhaltung draufgängerische Instrumentalistengang schleppen, wüten und grooven sich durch zwölf traurige Nummern. In seiner originalen Art des Sprechgesangs verhandelt der Brite den Schmerz der kleinen und der grossen Welt, grossstädtische Vereinzelung, gestörte Zweisamkeit und die Schande auf dem Mittelmeer gleichermassen. Leid, dem die grossartige Band mal mit avantgardistisch-industriellem Aufbrausen, bald mit schulterzuckendem Skelettpop begegnet. «Yeah, is it end times?»

Harvey Rushmore & The Octopus – The Night (Harvey Rushmore & The Octopus)

Für diese vier Federhall-Fetischisten based in Basel und Bern scheint die Zukunft vierzig bis fünfzig Jahre zurückzuliegen. Macht nichts. Solang dabei die schönsten Fernweh-Heuler und psychoaktivsten Soli aus der Festkörper-Gitarre geschrammelt werden, solang das Drumset schwingt auf zwei und vier, solang das mit meditativer Geduld gerösselte Bassriff vor den Gestaden des pazifischen Ozeans liegt, solang also unsereins bis aufs Innerste erfasst bleibt von dieser auch produktionstechnisch hervorragenden Rock’n’Roll-Retrospektive – solang ist alles gut. Und Sergio himself meint: «Beste Schweizer Neuveröffentlichung des Jahres.» Na dann!

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