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Garagen – Kunst – Handwerk

Urs Rihs am Freitag den 29. September 2017

KulturStattBern passiert überall, auf Bühnen, Kellern, unter offenem Himmel und wer weiss wo sonst noch alles. Vielfach intendiert, mit Ansage und das ist gut so. Vieles passiert aber auch versteckt, unter Tage quasi, ausserhalb des Fokus der Szene und Berichterstattung. Relevant trotzdem – ein Schaustück hier angebracht.

Mal wieder flaniert, durch die herbstlichtdurchfluteten Quartiergässchen, am Morgen, welch Freude. Da stand dieses Tor offen, wiederholt aufgefallen in den letzten Wochen durch entweichende Staubwolken, Schleifgeräusche und diesen süsslichen Düften nach erstklassigen Lacken, Farben und Spachtelmassen.

Bis anhin nie den Schneid gehabt zu fragen, was da geht, was da anscheinend so viel an Ausdauer bedarf. Immerzu nur spekuliert über den Gegenstand, welchem so viel Handarbeit zuteilwird – muss was schön Baufälliges sein, ein ungeschliffenes Edelsteinchen wahrscheinlich.

Heute hat die Neugier die Phantasie zu verdrängen vermocht und also wurde die Schwelle zur Sache übertreten.
«Alles klar hier?» – Mann mit Staubmaske: «Nein, dieses Ding kostet mich den Verstand.»
Dieses Ding: Rundungen, geschwungene, wohlgebogene Linien, zulaufend meist. Crèmefarbener Körper, edelholzig beschlagen, rötlicher Mahagoni auf Deck, Silberleisten als Spitzlichter an den Kanten.

Ein klassisches «Runabout», ein kleines Sportboot. Ursprünglich im Amerika der Roaring Twenties den Werften visionärer Designer und Ingenieure entsprungene, in ihren kühnsten Fertigungen mit Flugzeugmotoren bestückte Rennschiffchen.
In den 60ern wurden diese «Streuner» dann durch Carlo Riva – dem italienischen Fellini des Bootsbaus – zum Inbegriff der Dolce Vita, des federfüssigen Savoir Vivres an den Goldküsten des Mittelmeeres. Spritzgefahren von Gallionsfiguren der Popkultur. Sophia Loren, Brigitte Bardot, Alain Delon und so fort.

Des Bastlers Habitat, die Garage.

Diese Perlen der Riviera – sinnbildliche Projektionsflächen des Begehrens – an der Oberfläche zu halten bedarf einer dicken Brieftasche oder aber, versessener Schwärmer. Menschen mit der Muse zum Erhalten, störrisch gegen den Strom der wütenden Bilderstürme. Denkmalpfleger eigentlich, Unvernünftige. Wie dem Mann mit der Staubmaske, bis zu 16 Stunden täglich in seiner Garage.

Es mag ihn vielleicht den Verstand kosten, quittiert aber von dieser inneren Wärme, dem Lohn des Selbsterschaffenen.
Und, ganz nebenher, als Begleiterscheinung, wird er eben auch ein Splitterchen städtische Kultur vollbracht haben. Ein Stück Garagen-Kunst-Handwerk im Quartier.

Beim Verlassen der wohlriechenden Staubwolke noch viel Glück gewünscht und ab zum Kaffee, dabei an diese Szene gedacht – das Schiff auf dem Dach, bei Ghost Dog.

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