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A Long Hot Summer

Urs Rihs am Donnerstag den 31. August 2017

Die Kaltfront ist im Anzug. Bald hat sichs ausgebalzt, ausgetrunken, ausgetanzt, auf den städtischen Brachen, Parkanlagen und sonstigen noch nicht komplett privatisierten Plätzen.
Was bleibt hängen nach dieser Aneinanderreihung von Festen, Festivals und Zwischennutzungen? Wo steht uns die Rübe nach so viel Craft Beer gespült mit zellkonservierendem Gurkenwasser?

Nun, eigentlich war der Plan mit Capt’n Snack IPA zu saufen bis es hochkommt und dazu alte Rap Scherben zu hören, um den Sommer auf Deck und der Schütz nochmal so richtig zu zelebrieren. Aber dann schneiten diese Süsswassermatrosen in blauen Hemdchen an der Mole vorbei und drehten uns den Saft ab.

Die Stimmung war im Keller und plötzlich standen da noch diese Zweifel auf der Landungsbrücke.
Was ist von diesem saisonanhaltenden Dauerbespassungszirkus eigentlich zu halten, von all diesen niederschwelligen Veranstaltungen und diesem Haufen an Darbietungen auf selbstgezimmerten Bühnen?
Klingt das schlussendlich nicht trotzdem bloss scheusslich nach dreckiger Aufwertung und seelenvergiftender Eventisierung? Wird der ganze Effort von unzähligen selbstverwalteten Organisationskomitees und unentgeltlich helfenden und auftretenden Menschen nicht schlicht vom herrschenden marktliberalen Zeitgeist – yes it’s the Z word – korrumpiert? In der Arbeitswelt ist schliesslich auch offensichtlich, dass bei Selbständigkeit die Autonomie zum Mittel der Ausbeutung wird. Der Selbstausbeutung. Passiert auf dem Parkett der freien Kulturszene mit ihrem momentanen Mantra der Niederschwelligkeit nicht dasselbe mit dem Dargebotenem? Ist es – so lange die restlichen Lebensumstände nicht niederschwelliger werden – nicht entwertend und geradezu kunstfeindlich, Kultur günstig oder gratis darzubieten?

Ein Piratenfreund von Capt‘n Snack bemerkt, schwankend zwar aber sprachlich sowie inhaltlich scharf: «Sowieso ist das hier doch alles nur F.U.B.U – for us by us – was heisst schon niederschwellig und für alle, hier auf dem Parkplatz ist dies doch höchstens das käfigartige Feld zum Kicken! Für den Rest brauchts eh ein kontextaufschlüsselungsfähiges Mindset, eine Bildungsbürger-Enigma quasi. Wir haben die mit der Muttermilch aufgesogen oder mit den Liedern, die Papa zum Einschlafen sang. Den wirklich Ausgegrenzten kam dieses Glück nicht zu, darum können sie auch nichts mit unserem Tamtam da anfangen. Und die anderen sollen gefälligst zur Kasse gebeten werden, wenn wer auf einer Bühne was bietet. Für ingwergepantschten Industriealkohol greifen sie schliesslich gerne in die Tasche, diese Bilderstürmer.»

Der mittlerweile mürrische Pirat wird auf die Heimwärtsplanke geschickt, liebevoll aber bestimmt, sonst geht da noch was ins Auge, wäre schade, ist ein guter Kerl – Romantiker halt.

Capt’n Snack und ich entschliessen keinen Dreck mehr zu werfen, die warme Jahreszeit 2017 hat sich in der Stadt nämlich schlicht auch verdammt gut angefühlt und das geht grundsätzlich mal auf den Reichtum der verschiedenen Anlässe zurück. Die Artenvielfalt sozusagen – bekannterweise der Stabilisator für ein funktionierendes System schlechthin. Facettenreichtum steigert Robustheit, in Ökosystemen wie in Medienlandschaften, beispielsweise.

Und um nebst dem Zähler auch auf den Nenner zu kommen, warum der Sommer in Bern kulturell so Spass machte, die Lust am justen Dasein steigerte, die Berge an aufgeladener Schuld in den Köpfen der Menschen zeitweise in den Hintergrund rückte, dafür sei Folgendes bemerkt. Die Zwischennutzungen, gerade in ihren domestizierten Formen auch vom Hauptstrom genossen und geliebt, haben ihren Ursprung in den Besetzungen. Meist – nicht immer – haben diese Orte aber, einem schäbigen Diskurs in unseren Druckblättern folgend, nur bei deren Räumungen Welle gemacht. Aber die Wiege dieser, Kleingeister ausgeklammert, für alle bereichernden Stadtentwicklung hin zu mehr Projekten mit Herzblut, liegt hinter Mauern radikal progressiv buchstabierter Projekte. It’s a fact to face. Diese erstrittenen Räume fungieren als Laboratorien der Stadtentwicklung und katalysieren somit auch Prozesse, die sie ideell eigentlich zu hemmen versuchen. Besetzungen als Vorboten der Gentrifizierung – and yes it’s the G word – eine bekannte Leier.

Der Capt’n sagts zum Abschluss richtig: «Alles in allem muss man die Freude wahren, dass man dabei hie und da übers Ziel hinausschiesst liegt in der Natur der Sache – Euphorie sollte nicht zügeln oder zum Grübeln anstiften, nur nörgeln sollen die Unbeweglichen – und servier jetzt mal einen Humpen statt zu nerven!»

Also trotzdem IPA, und auch die Matrosen sind abgezogen. Eigentlich wollte ich ja eine Scheibe drehen, die muss jetzt auf den Spieler – it’s Masta Ace with A Long Hot Summer. Und Prost!

Warmbächlibrache während einer Aufführung des Zirkus Chnopf –als Symbolbild für den langen heissen Sommer der Zwischennutzungen und niederschwelligen Anlässen in unserer Stadt.

 

 

 

 

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