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Künstlerische Darmentleerung

Milena Krstic am Samstag den 1. April 2017

Der Berner Marco Morelli sezierte gestern im Stück «Clown, Poet und Chaot» die Abgründe des (Schweizer) «Schowbitz». Ein Rekonstruktionsversuch.

Der Hin- und Hergerissene Marco Morelli, hier im Jahr 2011. Es hätte aber auch gestern sein können. Bild: zvg

Er ist seit 40 Jahren als das unterwegs, was sich einer nennt, der Publikum unterhält. Vom Angeklagten bis zum Zauberer zählt er auf seiner Internetseite gleich selbst auf, was er alles kann, ist und macht. Seine Biographie liest sich wie ein bitterböses Manifest auf ein selbstbestimmtes Dasein.

Marco Morelli also.

Er ist immer wieder auf der Bühne, im Tojo dieser Tage gleich fünf Abende hintereinander und er sagt es am gestrigen gleich selbst: «In der Presse ist gestanden, der Marco Morelli käme mit einem neuen Programm auf die Bühne. Settige Seich! I mache sit vierzg Jahr zgliche». Ich habe in der die Presse gelesen hineininterpretiert, dass er seine Shows nicht plane, er «switche» zwischen den Rollen, Privates verschmelze mit Gespieltem. Da gleitet er vom Kellner zum Liedermacher, gibt den Gärtner und dann noch rasch den Marschbläser.

Er, dieser Hin- und Hergerissene, versetzte auch das Publikum in einen solchen Zustand. Ich zum Beispiel hatte während der zweistündigen Show auch schon mal das Bedürfnis, den Saal zu verlassen (dieses «Pornolied» hat mir fast den Rest gegeben), nur, um kurz darauf wieder von Morelli um den Finger gewickelt zu werden, etwa wenn Schosshund Flumer seinen Einsatz hatte.

Am Ende hat er mich doch viel zu sehr angesprochen, der Morelli mit seinem Gram auf die Mechanismen des «Schowbitz», auf die Applausgeilheit und auf das, was Kunstschaffende nebst dem Erschaffen ihrer Kunst sonst noch tun, zum Beispiel ihre «Kreativität» in Sozialprojekte investieren oder am Jubiläum des AKW Mühleberg als «Kellner, Entertainer und Hintersinner» auftreten (so gesehen unter Referenzen).

An einem Punkt, kurz vor Ende der Show, erzählt und inszeniert Marco Morelli seinen eigenen Nahtod, wie er da aus dem Tojo schwebt, die Beine steif und vorab, aus dem grossen Tor heraus bis hin zum Bundeshaus, wo er kurz noch seinen Darm entleert. «Um an Höhe zu gewinnen», wie er sagt.

Marco Morelli gastiert noch heute (20.30 Uhr) und morgen Sonntag (19 Uhr) im Tojo der Reitschule.

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