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EssenStattFressen

Urs Rihs am Donnerstag den 19. Januar 2017

Ein Appell an uns selbst, vor allem zur Mittagszeit. Das städtische «Lunchtime» ist gekennzeichnet von Sauce kleckernden, Krümel säenden, hypernervös und lustfern Sandwich schlingenden Massen.
Die kleinen feinen Örtchen, wo das Mittagsmahl hingegen als Ritual gepflegt werden könnte, sind selten. Die Situation im Zentrum – spätestens seit der Schliessung der Markthalle – eine Misere. Aber es gibt sie, die Silberstreifen am Horizont in den Gassen.

Donnerstags, ich war also auf der Pirsch nach Geniess- und Verwertbarem um die Mittagszeit. Mit der Prämisse einen Rest Selbstachtung zu wahren natürlich – schliesslich ist Esskultur auch ein Seelenspiegel – im Perimeter Bahnhof, eine schiere Unmöglichkeit. Der Vegi-Grossist am Eingang: Ein totaler Turn-off! Essen wie im Aquarium, gefangen zwischen Scheibenfront, open-air Salatbar und Juicer-Automaten. Bedrängt von mehrheitlich Yuppies und alles in Schaudistanz zum Prekariat vor dem Lokal. Nabelschau drinnen wie draussen, echt wie im Zoo. Ich bleib lieber draussen, auch der gesalzenen Preisen wegen.

Dann die Optionen Treppe hoch, Treppe runter, schwierig… Unten wartet der gelbe Doppelbogen mit seinem Dreck auf, flankiert von artgleichen Teufeleien, alles Kategorie «DIE HARD FAST». Oben, selber Buchstabe, nur etwas dunkler leuchtend, orange, kulinarisches- sowie konsumentenschützerisches Unheil verkündend: Trash-Bio zu einem Preis- Leistungsverhältnis, dass es dem Preisüberwacher eigentlich in den Ohren sausen müsste, krachen müsste. Die Devise scheint klar: «Erst das Fressen verkaufen, dann die Moral verkaufen.»
Nun denn, es bleibt nichts anderes übrig, Weg in Kauf nehmen. Lieber Weg als Knete, vor allem mit einem Drahtesel. Die Aarbergergasse ist schnell durchkreuzt – weil eben: Knete und Ambiente; da wünscht mensch sich Rosigeres als Alternative, sorry Sushi-Kebab-Burger-Pizza Meile… Kurzer Blick aufs Natel, da war doch was, Herrengasse 10, «Grüner Gaumen». Hatte der Bewegungsmelder mal drauf aufmerksam gemacht. Und sowieso hin da, weil sichs mit Sab, der werten Frau Betreiberin, neben Diskussionen über truly healthy food, auch so wunderbar über Musik austauschen lässt. Eine Oase des Seelenheils das Schüppchen.

Die Zmittags Schmiede “Grüner Gaumen” an der Herrengasse 10

Auf den ersten Blick vielleicht etwas gar auf «Hip» getrimmt, aber, mit dem Wissen um die Leidenschaftlichkeit hinter dem Tresen, und der an Niedlichkeit kaum zu überbietenden Küche – mit altstädtischem Lichthöfchen im Hintergrund – von vorzüglicher Gastlichkeit. Der Grüne Gaumen spielt definitiv in der obersten Liga der Mittaggastronomie, hart zu toppen. Das Angebot – alles tierfrei versteht sich – lässt von Pizza, über Heiss-Eingeklemmtes, bis hin zu vollwertigem Menu, keine Wünsche offen. Und dies ohne, dass gar Letzteres die 18(!) Franken Grenze überschreitet. Hart faire Ansage hier, man bedenke die Topqualität der Produkte und die ultrafrische Zubereitung – à la minute – alles andere als eine Pulverküche!

“Sab” am Werk – à la minute – versteht sich…

In zwei Minuten ist der Weg indes vom Bahnhof her – beradelt wohlgemerkt – überrollt, ok sagen wir in drei, und zu Fuss in zehn. Ein Katzensprung auf jeden Fall. Und so ein Spaziergang kann sich mit solid autogenem Mind-Set auch prima als Option zu Yogasessions nach dem Buckeln nutzen lassen. Nicht dass an dieser Stelle Ausgeglichenheit Langeweile als erstrebenswertes Ziel deklariert werden sollte, hell no! Aber erwähntes Entspannungsturnen wird ja mittlerweile von vielen Arbeitgebern als «Arbeitnehmerschutz» quasi verordnet oder als Lohnzusatz schmackhaft gemacht. Ein perfides Effizienzsteigerungsprogramm! Da empfiehlt sich doch ein einpendelnder Spaziergang auf eigene Faust zur Mittagszeit, um danach – wohlgenährt versteht sich – jene Faust für wirklich gewerkschaftliche Bestrebungen erheben zu können. Jawoll!
To be continued…KulturStattBern; ist eben auch EssenStattFressen.

«Grüner Gaumen» bleibt uns übrigens bis auf Weiteres erhalten, es gilt sich zu freuen! Lange war nicht klar, ob der Pop-up Store auch längerfristig am gemeinsam mit dem Weinkabinett Bergdorf betriebenen Standort bleiben würde. Schön schön. Öffnungszeiten fürs Zmittag übrigens jeden Montag bis Freitag, von 11:30 Uhr bis 14:15 Uhr. Buon appetito…

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3 Kommentare zu “EssenStattFressen”

  1. SaoiAebi sagt:

    Wow, für einmal authentische Wertschätzung einem veganen Unternehmen/Café/Menschen gegenüber – das sieht liest man auch nicht alle Tage. ;-)

    Danke für den pro-veganen Artikel und danke natürlich dem Grünen Gaumen für das Übernehmen dieser (schwierigen) Vorreiterrolle! :-)

  2. kariane sagt:

    Dem Lob über den Grünen Gaumen kann ich nur zustimmen und freue mich jedes Mal, wenn ich die Gelegenheit habe, mittags dort vorbeizuschauen. Höchste Zeit, dass das schläfrige Bern eine gute vegane Option bekommt, statt nur Migros, Subway und langweiligen Restaurants, die eins sind wie das andere. So gesehen stimme ich dem Schreiber voll zu.

    Aber: die arrogante Schreibe des Autors, der lächerlich überkandidelte und überhebliche Stil sind ebenso daneben wie die Rechtschreibung (“Mittagsmal” statt “-mahl”, und das gleich unter der Überschrift). Kann sich diese Zeitung denn kein Lektorat mehr leisten?

  3. Judit sagt:

    Alles scheint perfekt zu sein bis auf die – über die Pfanne hängenden – blonden Locken.
    Für eine Köchin sind offene Haare bei der Arbeit ein no go…!