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Fast ein Rückblick

Urs Rihs am Freitag den 16. Dezember 2016

Sitzend im Burgunder, brütend über Depeschen, fast brechend über die darin verlautbarten Breaking News. Immerhin den besten hausgemachten Eistee der Stadt trinkend, drängt sich mir – neben einem Gefühl von multiplen Frakturen im Hirn – ein Resümee des sich dem Ende zuneigenden heurigen Kalenders auf. 2016 – ein Drecksjahr – und trotzdem, es war nur fast alles schlecht, mindestens bei uns…

Brexit, Trump & Co. – die Geschichte einer interkontinentalen Tragödie – so oder ähnlich können dann die Expertengilden titeln. Die müssen sich dann auch noch ganz anderen Gräueln annehmen und dazu Kritik wursten, ich wünsch denen viel Spass.
In Syrien und der halben Welt fliegt den Leuten ihr Zuhause, Menschenrechte, schlicht ihr ganzes Leben um die Ohren, und sich dieser Absurdität anzunehmen, bedarf auch ein gewisses Mass an Anmassung.
Ich bleib hier lieber bei den Leisten, Kultur und so, heiter weiter feiern, die totale kognitive Dissonanz: «Wie könnt ihr nur?» und warum uns das nur fast vorzuwerfen ist.

Da gibt es Einiges vorzubringen, auf den postfaktischen Zeitgeist gepfiffen – meint der nicht eh nur Borniertheit? – es gibt Fakten, die zählen was!
Unser Städtchen bebte schliesslich, fast das ganze Jahr. Vor Eigeninitiative, aura-katalysierender Lebenslust, Kreativität und Passion. Auf Vollständigkeit hier keinen Anspruch natürlich, aber denkt an das 20 Jahre Jubiläum der lokalen UNIKOM Station RaBe, mit der dazugehörigen Ausstellung im Löscher, an die Skate-Bowl unter der Brücke, welche eben nur fast am Baukredit gescheitert wäre, an die neue Spinnerei in der Felsenau, oder die Zwischennutzungen auf der Warmbächli Brache. Man denke an besetzte Bäume im Breitsch, an das UNA-Festival in der grossen Halle, das eigentliche Stadtfest, zusammen mit dem NO BORDERS NO NATIONS auf der Schützenmatte. Die Heitere Fahne, weht weiterhin, denkt an das Neu-Stadt-Lab Freunde, welches mit D.I.Y. Perlen wie etwa der Solstage funkelte, und denkt natürlich an dieses Lebensgefühl: Aare, Lorrainebad, Fahrrad… Wer da immer noch nur miesepetert und Moralin predigt, hilft niemandem, sich selbst am allerwenigsten.

Zugegeben, die Totalverweigerung wäre wohl die einzig konsequente kritische Haltung, gegenüber dem uns überfahrenden Neoliberalismus und den damit einhergehhenden globalen Katastrophen. Bedingungsloses Grundeinkommen in Bern fast angenommen (40% Ja) hin oder her, dröhnend wie ein alter Turbomotor überfährt er uns, beim Anfahren noch ein Loch, dann zieht er aber voll durch, je mehr Drehmoment desto mehr Druck. Druck dem alles unterliegt, alles. Kultur sowie Gegenkultur, Arbeit sowie Freizeit, Politik, Wirtschaft, Familie, immer wie schneller, turbo eben. Ein verdammtes Höllenauto von System…

Doch auch unser Mikroparadies-Bern wird gespeist von seinen fauligen Früchten, mehr als fast allen von uns lieb sein mag. Aber eben, das vielzitierte «I prefer not to» von «Bartleby dem Schreiber» – ist von Herman Melville, dem Moby-Dick Autoren – hätte einen massiven hohen Preis. Denn ebendiese konsequente Haltung, dieses totalitäre Nein, festigt doch nichts als eine doktrinistische Scheuklappenperspektive, genauso unverrückbar wie die Zäune zwischen den Schrebergärten des zersiedelten Mittellandes, so Einsicht undurchlässig wie die frischgestutzten Tuja-Hecken der Einfamilienhausghettos. Hölle nochmals, das kanns doch nicht sein!

Das Gefühl überkommt mich wieder, ein Trümmerbruch in der Oberstube; dann doch lieber Diogenes in der Tonne, «steh mir aus der Sonne» oder so, dann gibts wenigstens hier keine Probleme. Ein programmatisches Scheiss-drauf quasi, auch nicht sexy, aber irgendwie weniger angsteinflössend als der Weisheit letzter Schluss.
Aber Schluss sonst ist gut, fast hätte ich es vergessen… Ohne den drohenden, unumgänglichen Punkt, keine Lust an den Wendungen und Widersprüchen davor. Ohne definites Ende, kein Glühen, kein Leuchten in den Augen. Und, auch wenn sie nicht grundlos als letztes Pandoras Büchse verlies, auch keine Hoffnung. Hoffen auf ein weiteres, ein neues Mal, seis auch nur ein nächstes Jahr auf unserem Pflaster.

Augenblick in den Winterhimmel

 

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