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Albtraum Disco

Milena Krstic am Sonntag den 16. Oktober 2016

Es wurde viel berichtet im Vorfeld von Ersan Mondtags Ankunft in Bern. Dabei ging fast vergessen, dass er selbst ja gar nicht auf der Bühne seines Stücks «Die Vernichtung» stehen würde. KSB war an der gestrigen Premiere in den Vidmarhallen.

Da wurde gewerweisst, ob dieser Mondtag nur ein arroganter Newcomerschnösel sei, oder ob da mehr dahinterstecke hinter dem Titel «Nachwuchsregisseur des Jahres» (gekürt von «Theater heute»), mit dem der 28-Jährige kürzlich gekürt wurde. Ja, was steckt denn jetzt dahinter?

«Die Vernichtung» sei eine der teuersten Produktionen, die sich Konzert Theater Bern in den letzten Jahren gegönnt habe. Und Mondtag hat das Geld weise eingesetzt. Es ist ein Spektakel fürs Auge: Die vier Schauspieler (Sebastian Schneider, Deleila Piasko, Jonas Grundner-Culemann, Lukas Hupfeld) bewegen sich wie Videospiel-Figuren in der Garten-Eden-Kulisse, die aussieht wie ein überdimensionales Ölgemälde. Da plumpsen sie in dieses gemalte Idyll und was machen sie mit dem Paradies? Sie füllen es mit destruktiven Ideen («Kommt, wir zerstören Eisenbahnschienen!») und offenbaren die Abgründe ihrer Langeweile («Kommt, wir holen noch mehr Drogen!»). Da wird eine abtrünnige Generation Y dargestellt, die gebildet, privilegiert und gelangweilt ist, die hin und hergerissen ist zwischen Mitleid für Migranten und Verachtung für die Hässlichen.

Irgendwann ist da dieser Moment, als die Spezialeffekte zu einem epileptischen Anfall animieren und die Albtraum-Disco zu schmerzen beginnt. Was würde bleiben, wenn das epische Bühnenbild (Ersan Mondtag) und die grandiose Lichtsetzung (Rainer Casper) wegbleiben? Die formidable schauspielerische Leistung sicher, ja. Aber würde der im Kontext durchaus eindringliche Text (Olga Bach) alleine reichen, um bei der Stange zu halten? Ich bin mir nicht sicher. Und ich hätte Ersan Mondtag gerne gefragt, wieso uns diese streckenweise dumpfbackigen Erste-Welt-Kids als Intellektuelle verkauft werden wollen. Aber ich war zu beschäftigt damit, noch ein Selfie mit ihm zu machen.

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Die ausführliche Theaterkritik gibt es morgen im «Bund» zu lesen. «Die Vernichtung» läuft noch bis am Sonntag, 11. Dezember.

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