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An die Ab Wesen

Sarah Elena Müller am Samstag den 24. September 2016

Im Rahmen des Mix Up! Festivals fanden diese Woche in der Dampfzentrale und im Schlachthaus Konzerte, Performances, Tanz, Theater und alles Mögliche an den Schnittstellen davon statt. Unter dem Titel: to the absent ones, konnte ich gestern einen performativen Spaziergang an der Aare machen. Mit einer Person, die nicht da war.

fluss

Am Altenbergsteg brennen Fackeln, verteilt auf den Bänken sitzen in sich versunken bereits einige Teilnehmende, mit blinkenden Kopfhörern, Papier und Stift. Ich weiss nicht, ob ich heute versinken kann. Begrüsst werde ich von Kathrin Yvonne Bigler, die den Abend konzipiert hat. Ich kann frei wählen, wie ich ihn gestalte und mit wem ich ihn verbringe. Die Idee ist: stelle dir eine Person vor, die nicht bei dir ist, aus welchem Grund auch immer. Mit dieser Person wirst du einen Spaziergang entlang der Aare machen. Zum Aufwärmen der Gefühle gibt es eine erste, geführte Etappe – ich schreibe einen Brief an die absente Person, ich lese einen Brief an eine absente Person und ich höre in einem Hörstück verschiedene Stimmen über Leute sprechen, die in deren Leben eine Lücke schaffen, in dem sie nicht anwesend sind.

Den Brief schreibe ich an eine Katze. Klassisch. Aber wenn ich den nötigen Sentimentalitätsgrad erreichen will, muss was her. Dazu frage ich mich, wann der Brief als Nostalgiegenerator endlich von der SMS oder der Email abgelöst wird. Wie soll die Digitalität je zum Mensch finden, wenn ich hier mein Sentiment wieder einmal auf ein Stück Papier auftrage? Also. Was würde ich mit dir unternehmen? Woran denke ich, wenn ich an dich denke? Es fällt mir schwer auf die vorgedruckten Hilfestellungen zu reagieren. Aber ich will doch teilhaben. Einige Teilnehmende sehen schon sehr versunken aus. Ich würde dir eine Schale Brekkies hinstellen und du würdest mir eine Mausemilz bereitlegen, die zwischen meinen nackten Zehen zerquillt. Der Mensch ist schon das Grösste. Soviel kann er machen, was einen ein Leben lang nervt.

Das Hörstück hilft beim Versinken. Steine klingeln über den Flussboden. Einige Gemeinplätze über das Vermissen von Personen, darunter ein bis zwei drastischere Formulierungen, die hängen bleiben. Jemand sagt, das Vermissen ist dann am Schlimmsten, wenn die Person anwesend ist. In der Anwesenheit wird der Zerfall sichtbar, in ihrer Abwesenheit ist die Person immer gleich beschaffen. Dieser Satz hallt in meinem Kopf. Ich bin nicht ganz überzeugt von diesem Phänomen…Abwesenheit einer Person. Das Phänomen ja, aber das Persönliche daran? Die Person ist überall abwesend, wo sie nicht ist. Und sein tut sie da, wo sie sich physisch aufhält aber auch dort, wo sie von Extern geistig heraufbeschworen wird. Die tote Katze ist seit langem im Garten vermodert, dort ist sie. Sie ist aber auch in meinem Augenwinkel, wo ich sie vorbeihuschen sehe und sie ist in meinem Herz ein brennendes Loch. Aua. Nein. Auf dem Spaziergang muss ich ab und zu auf die Katze warten, denn sie ist etwas dicklich und nicht sehr wendig. Dabei holen andere Abwesenheiten auf, manche davon sogar menschlich, ich glaube es kaum, ich bin also nicht eine wandelnde Arche Noah voller vergangener Viecher. Ich lasse mich etwas von grundsätzlichen Gedanken tragen und stolpere beinahe fatal über eine Welle im Asphalt. Die Aare. Naja. Sie fliesst. Die Zeit, von mir aus. Im Vermissen werden wir labil und wie bei vielen labilen Zuständen versagt als erstes die Sprache, sie flieht in Plattitüden oder versiegt ganz in unaussprechlicher Berührtheit, die nicht ohne Grund besser unartikuliert bleibt. Die Vorstellung, dass ich in einer Kette von An- und Abwesenden am Fluss entlanggehe, vielleicht bald von einem mir unbekannten, ausgewanderten Grosscousin in Costa Rica überrannt oder von jemandes Mutter selig angerempelt werde, gefällt mir sehr. Ich wandle gerne Nachts als Teil einer Karawane  aus Geister- und Erinnerungszombies am Berner Heimatungetüm Aare. Der sommerliche Fleischkäsestrom vermag wenig Gefühlsüberschwang auszulösen. Und ganz ohne funktioniert das hier nicht. Am anderen Ufer gehe ich flussabwärts zurück, in die Zukunft, wie mir geheissen, aber diese Analogie ist mir echt zu komparabel, aber schon BenutzerInnenfreundlich, gut verständlich, man nehme an, man sehe, es ist doch so, die Zeit, sie fliesst, nicht wahr? Beim Längmuurspielplatz werde ich wieder empfangen, die Katze hat sich auf dem Weg hierher mit einem roten Kater in die Wolle gekriegt und unter grossem Gegraule in einander verkeilt in einen Hinterhof gerollt. Es gibt einen Ingwertee mit Ingwerer und Musik, Feuer, Kerzen und Schweigen. Die Teilnehmenden sehen mitgenommen aus, manche fast andächtig. Es ist schwer, ohne die Personen. Das sehe ich. Weil es schwer ist MIT ihnen. Den Rest liefert unser selektiver, leicht zu verführender Gehirnsiebapparat. Dies war für mich als Person ein schöner Abend. Ich habe ihn gern verbracht, wenn ich auch den Eindruck hatte, sprachlich sei die vielsagende Anlage absence/presence nicht ausgereizt worden. Aber Ausreizung ist Geschmackssache der Personen. Persönlicher mag ich nicht werden, sonst tut mir meine eigene Anwesenheit noch weh.

Am Freitag 7. Oktober werden in der Dampfere und dem Schlachthaus an der Mix Up! Night frisch geschlüpfte Fusionsarbeiten der am Festival teilnehmenden Positionen gezeigt. Diese werden in den kommenden zwei Wochen innerhalb eines gemeinsamen Workshops erarbeitet. 

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