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Wann darf ich wie viele töten?

Gisela Feuz am Mittwoch den 24. August 2016

Wer wegen Mord an 164 Menschen vor Gericht steht, der gehört verurteilt. Darüber herrscht Konsens. Was aber, wenn mit der Tötung der 164 im Gegenzug 70’000 Menschen gerettet wurden? Dies die Ausgangslage im Stück «Terror» von Ferdinand von Schirach, welches zur Zeit im Theater an der Effingerstrasse in der Inszenierung von Stefan Meier gezeigt wird. Aufgezogen wie eine Gerichtsverhandlung wird die Zuschauerschaft zu Richtern gemacht, welche am Schluss des Stückes zu entscheiden haben, ob der Angeklagte verurteilt werden soll oder nicht.

Die Tat: Kampfpilot Lars Koch (Jeroen Engelsman) hat trotz anders lautendem Befehl ein Flugzeug mit 164 Passagieren abgeschossen. Dies tat er, weil sich ein Terrorist der Maschine bemächtigt hatte und beabsichtigte, diese in ein vollbesetztes Fussballstadion zu fliegen. Koch habe mit seiner Tat 70’000 Menschen das Leben gerettet, betont Verteidiger Biegler (Johannes-Paul Kindler) und zum Glück handle es sich beim Kampfpiloten um einen Menschen, der eben nicht nach Befehlen und abstrakten Vorstellungen handle, sondern das getan habe, was richtig gewesen sei.

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Der Kampfpilot im Kreuzverhör der Staatsanwältin

Er habe es für richtig befunden, wenige zu töten, um viele zu retten, erklärt denn auch der Angeklagte Koch im Kreuzverhör mit Staatsanwältin Nelson (Sinikka Schubert). Bloss: wie viele sind «wenig» und wie viele sind «viel»? Darf ich einen Menschen töten, wenn ich damit zwei andere rette? Oder darf ich einen Menschen erst dann töten, wenn ich damit 100 andere rette? Wie muss das Verhältnis sein und wer legt dieses fest? Wie die Staatsanwältin festhält, ist die Gesetzeslage diesbezüglich eindeutig: «Leben darf nicht mit Leben aufgewogen werden. Niemals. Auch nicht bei grossen Zahlen.»

Es sind zwei komplett unterschiedliche Haltungen, welche Ferdinand von Schirach (der selber Rechtswissenschaft studierte und einst als Anwalt und Strafverteidiger arbeitete) aufeinanderprallen lässt. Beide Seiten haben ihre Argumente, beide haben ihre Berechtigung und das macht es schwierig, ein gerechtes Urteil zu fällen. Sind 164 Menschen weniger wert als 70’000? Spielt es eine Rolle, dass die Passagiere gemäss einer SMS kurz davor waren, das Cockpit zu stürmen und den Terroristen zu überwältigen? Spielt es eine Rolle, dass die Regierung das Fussballstadion rechtzeitig hätte räumen können? War es richtig, dass der Kampfpilot nach eigenen Prinzipien entschied? Dürfen eigene Prinzipien in bestimmten Situationen über das Gesetz erhoben werden? In welchen? Sollte das Gesetz nicht die Grundlage unserer Gesellschaft bilden und jederzeit eingehalten werden? Will ich in einer Gesellschaft leben, in welcher einzelne ihre Prinzipien über das Gesetz erheben? Bin ich sachlich genug oder fliesst die Tatsache, dass der Angeklagte ein unsympathischer Streber ist, bei meiner Urteilsfindung mit ein?

Wie hätten Sie denn geurteilt, werte Leserschaft? Schuldig oder nicht schuldig? Unbequem? Ja und wie. «Terror» ist ein kratzbürstiges und deswegen effektives Stück Theater, weil es zum Denken und Diskutieren anregt – in der Pause, nach der Vorstellung und auch noch am nächsten Tag in der Badi.

«Terror» wird noch bis am 16. September im Theater an der Effingerstrasse gezeigt.

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