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Kultur allein Zuhause #8: “Der goldene Handschuh” von Heinz Strunk

Saskia Winkelmann am Samstag den 30. April 2016

Der erste nicht autobiografische Roman von Heinz Strunk erzählt die schwer verdauliche Geschichte des Serienmörders Fritz Honka. Es ist nicht einfach, über dieses Buch zu schreiben.

Heinz Strunk ist der Grund, warum ich dieses Buch mit dem harmlosen Titel aufschlug, ohne mir vorher klar zu machen, worauf ich mich genau einliess. Strunk ist Teil von  Studio Braun, Autor des sehr tollen und sehr tragisch-komischen Romans „Fleisch ist mein Gemüse“ und anderer Werke, Popliterat, Musiker, er ist ein lustiger, intelligenter Mensch und wie die meisten richtig lustigen, intelligenten Menschen, ist er auch ein tieftrauriger. Ausserdem ist er ein Autor, den ich sehr schätze.

Es ist schwierig “Der goldene Handschuh” zu beschreiben, ohne dass es klingt, als handle es sich dabei um ein unglaublich schlechtes literarisches Werk. Zum Beispiel wenn ich sage: Mir ist übel geworden. Ich habe das Buch weglegen müssen. Danach hab ich nicht schlafen können.

Strunk_Der_Goldene_Handschuh

Vielleicht mit der Handlung anfangen? Ok: Die Hauptfigur, der Ostdeutsche “American Psycho” der 70er-Jahre Fritz Honka, nimmt Frauen mit nach Hause, tötet sie und zerstückelt die Leichen anschliessend in seiner Wohnung. Die Opfer vermisst niemand. Es sind Frauen, die jenseits des äussersten Randes der Gesellschaft stehen (so wie alle Menschen in diesem Buch), weswegen nach ihrem Tod niemand nach ihnen sucht.  Ach ja, übrigens, das hat sich alles so zu getragen.

Es ist einfacher zu sagen, was das Buch nicht ist. Es handelt es sich bei Strunks neustem Wurf, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, nicht um eine Milieustudie, nicht um einen Erklärungsversuch und nicht um einen Krimi. Es ist nicht voyeuristisch. Es ist nicht witzig.

Die sehr knappe, genaue Sprache, die vielleicht komisch sein könnte, wenn nicht alles, wirklich alles, das sie umkreist und beschreibt, so schrecklich und trostlos wäre. Trotzdem schafft Strunk es fast Poesie in das Grauen zu bringen, ohne irgendwas zu verharmlosen und ohne zu romantisierten. Dass das nur fast geht, ist eher eine Frage des Themas als von Strunks Können. Dass er es trotzdem fast schafft, ist eine Qualität des Buches.

„Das ist alles, was von uns eines Tages übrig bleibt“, denkt Fiete, „sinnlose, blutende Löcher und Flecken.“

Jeder Satz darin bestätigt, was man schon weiss: Der Mensch ist schlecht. Ich bin verwirrt nach dieser Lektüre und mir ist wirklich übel, wie nach einer fünfstündigen Achterbahnfahrt. Dabei hat „Der goldene Handschuh“ nichts Achterbahnmässiges, nichts Aufregendes an sich. Keine Spannung wohnt dem Leben dieser Figuren inne, die eines gemeinsam haben: den Daueralkoholrausch. Der Erzähler schlüpft in die Köpfe aller seiner Figuren, meistens ist der Leser aber mit Fritz Honka unterwegs.

Lassen Sie es mich so sagen: Das Buch ist gut. Aber ich empfehle es niemandem. Es ist unendlich traurig. Und echt. Und eklig. Man kann diesen Stoff schon literarisch verarbeiten. Soll es vielleicht sogar. Aber man muss es nicht unbedingt lesen. Und wenn doch? Wie weiter danach? Wiedermal Komasaufen? Etwas anderes hilft nach dieser Lektüre nicht mehr.

Menschenfrei Kultur geniessen in den eigenen vier Wänden. Tipps und Tricks von KSB. Diesmal: “Der goldene Handschuh” von Heinz Strunk. Im Februar bei Rowohlt erschienen, 256 Seiten.

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