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Kindergeburtstag Gone Wild

Milena Krstic am Dienstag den 7. Juli 2015

Gestern spielten Die Antwoord am Montreux Jazz Festival. KSB war dort und wäre lieber schockiert, als gelangweilt aus dem klimatisierten Konzertsaal gelaufen.

Die 16-jährigen Girls vor uns reckten ihre Fäuste in die Luft und schrien mit: «Fuck your rules! Fuck, fuck your rules!» Aber vorher posteten sie noch ein Föteli vom Konzert auf Insta(gram): #concert #DieAntwoord #MontreuxJazzFestival

https://instagram.com/p/41RxKaJFva/?tagged=dieantwoord

Vorne auf der Bühne spielten die südafrikanischen Trash-Elektroniker von Die Antwoord ihre horrible Mini-Playback-Show. Mit DJ Hi-Tek und zwei Tänzerinnen waren sie angereist. Die Visuals: Mini-Penisse, die es sich selbst besorgen. In allen Farben, mit grossen Augen, stupsigen Näschen.

Überhaupt dieses Kindchenschema: 40-kg-Frontfrau Yolandi Vi$$er verkaufte die Illusion vom sexuell immer verfügbaren Mädchen ausgezeichnet. Klappste sich selbst motivierend auf den Po, quietschte ins Mikrofon: «Swissaland, do you want a big, fat juicy …» und dann habe ich nicht verstanden, ob sie «Ass» oder «Pussy» gesagt hat. Das Publikum drehte durch. Logisch. Sex still sells.

Die Antwoord haben seit dem Jahr 2009 von Südafrika aus einen Siegeszug sondergleichen hingelegt, mit einem Konzept, dem ursprünglich wohl niemand Erfolg zugetraut hätte, das aber zu einem feuchten Marketingtraum avanciert ist: Sie glorifizieren den White Trash und preisen das Hinterwäldlertum. Sie veräppeln die Intellektuellen und erzürnen die Feministen, treiben Klischees auf die Spitze, haben eine Vorliebe für körperlich entstellte Menschen und blasen das Abartige auf Leinwandgrösse auf. Yolandi singt «No, no, no means yes» und streckt ihren Po ins Publikum.

Das Problem an diesem Konzert waren nicht die twerkenden Tänzerinnen, das ultraknappe Outfit von der Vi$$er, die Selbstverherrlichung von Rapper Ninja und die Geschmacklosigkeiten im Sekundentakt. War ich nicht auch dort, um genau in diese Ghetto-Welt abzutauchen? Man wusste als Konzertbesucher ja sehr wohl, worauf man/frau sich da einliess. Das Problem war schlicht und ergreifend: Trotz all dem Firlefanz riss dieses Konzert nicht vom Hocker. Die Beats waren dumpf, die Show wirkte heruntergespult und am Ende hätte ich mir Mylie Cyrus oder Lady Gaga (die übrigens am selben Abend mit Tony Bennett aufgetreten ist) ansehen können: Ich hätte was Ähnliches erlebt. Die Antwoord waren vielleicht einmal die alternativen Aussenseiter. Heute sind sie selbst im Mainstream angekommen. Heute dienen sie vor allem als Vorbild für kiffende Teenies, die keinen Bock auf Schule haben.

Was toll war: Sich nach dem Konzert den Schweiss im See wegbaden. Und die Vorband Buraka Som Sistema!

Das Montreux Jazz Festival dauert noch bis am 18 Juli. 

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3 Kommentare zu “Kindergeburtstag Gone Wild”

  1. 8erbahn sagt:

    Was möchte die Autorin mit der Zeile “haben eine Vorliebe für körperlich entstellte Menschen” wohl zum Ausdruck bringen? Möglicherweise spielt sie auf den 2011 verstorbenen Hip-Hop-Musiker Leon Botha an, der in einem Video von “Die Antwoord” aufgetreten war. Der Musiker litt an Progerie. Da stellt sich die Frage: Darf – der Logik der Autorin folgend – jemand, der krank ist und nicht dem allgemeinen Schönheitsideal entspricht, nicht seinem Beruf nachgehen und öffentlich auftreten? Beim Lesen des Artikels wird zwar nicht klar, wie das Konzert nun wirklich war; deutlich wird jedoch, dass die Autorin das Konzept von “Die Antwoord” nicht verstanden hat.

  2. Miko Hucko sagt:

    Liebe 8erbahn – bitte erklären Sie uns doch das Konzept von die Antwoord, ich finde mit der Glorifizierug des White Trash hat es die Krstic ganz gut getroffen! Aber vielleicht liegt das auch nur daran, dass ich eine der erzürnten Feministinnen bin. Jedenfalls wäre ich gespannt darauf, wenn Sie mir sagen können, was das “wirklich” dahintersteckt (Achtung: Die Ironie-Ausrede ist schon etwas abgelutscht!) ausser pure Vermarktung durch plumpe Mainstreamprovokation.