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Sepia Bewegungen

Oliver Roth am Donnerstag den 21. Mai 2015

Das Tanzstück «What the body does not remember» von Ultima Vez gestern in der Dampfzentrale zu schauen, ist ungefähr so, wie einen alten Film zu sehen.

Durchaus hinreissen lassen, kann man sich von schnellen Bewegungen, von Rollen, vom Spiel mit Kreideklötzen. Von diesen 80er Sounds aus Piano und Flöte oder Ähnlichem. Vom Stampfen, von zappelnden, zwischen Beinen eingeklemmten Leibern.

Das Stück ist einen Monat und fünf Tage älter als ich. Es liegen sepia Farben über diesen Bewegungen. Es ist eben wie mit den Special Effects in Star Wars, man staunt und kann sich irgendwie hineinversetzen, wie es damals gewesen sein muss, als zum ersten Mal der Todesstern auf der Leinwand in voller Grösse erschien. Nostalgie. Es wird klar, wie sich die Kunstproduktion weiterentwickelt, wie neuere Werke auf älteren aufbauen.

Sepia-Familienbild aus dem Stück von Ultima Vez. ©Danny Willems

Sepia-Familienbild aus dem Stück von Ultima Vez. ©Danny Willems

Natürlich kann dieser historische Schinken des Choreografen Wim Vandekeybus auch interpretiert werden. Zum Beispiel als postmodernes Herumgewirbeltwerden der Tanzenden. Das Subjekt löst sich in Diskursen, Fährten, bereits Vorgegebenem auf – es wird gelenkt vom System. Diese Schiene kann man auf der Bühne wunderbar nachverfolgen.

Und dann kommen Teile des Stücks, mit denen man als Gleichaltriger nun wirklich nichts mehr anfangen kann. Eine Choreografie mit Holzstühlen! Eine Choreografie mit Handtüchern und Kleidungsstücken! Wie konnten sie das in den 80ern gut finden? Warum dieses Theaterspielen? Diese Narrationen?

Wenn etwas in die (Tanz-)Geschichte eingeht, wird es mit klaren Schlagworten verbunden. Zu «What the body does not remember» wird geschrieben, wie hart das Stück sei, wie brutal. Die Choreografie mag auf hart getrimmt sein, aber echt brutal ist das nicht. Die Performenden rollen gekonnt ab, das Stampfen ist minutiös durchgeplant. In tatsächliche Gefahr begibt sich hier niemand.

Es geht auf und ab an diesem Abend, wie die Tanzenden auf der Bühne ist man hin und her gerissen. Einmal bestaune ich ein in der Gegenwart wiederbelebtes historisches Artefakt, das mich in seiner Aktualität fasziniert, mal breitet sich pure Langeweile aus, wenn ich auf verstaubte Repertoires und formale Bauweisen schaue. Wie beim Todesstern halt.

Das Stück «What the body does not remember» von Ultima Vez / Wim Vandekeybus läuft noch heute Abend um 20:00 Uhr in der Dampfzentrale Bern.

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