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Linkischer Soulbrother

Benedikt Sartorius am Freitag den 2. Oktober 2009

Jamie ganz Gestern, an der so genannten «Heineken Music Night» im Bierhübeli, die erwartungsgemäss kein Fest der Bierkultur war, trat ein linkischer Herr auf, der einst bekannt war für seine Vokalekaspaden, die er mit seinen analogen Gerätschaften aufschichtete und zwischendurch zwei drei Soulsplitter in das Klangchaos einmischte. Seit dem Album «Multiply» sind beim Warp-Recording-Artist Jamie Lidell die Splitter zu ganzen Liedern angewachsen. Um dieses Soulbrother-Programm auch umzusetzen, braucht es natürlich eine Band, die beim Berner Gastspiel zuerst zu galant aufspielte, später, nach dem phänomenalen Solochaosteil des Chefs mit der clownesken, schrulligen Ausstrahlung und der unglaublichen Stimme, aber den Job wohlauf verrichtete.

Wohlauf und froh und ausgelassen war auch das Publikum, vor allem bei den grossen Melodien von «Another Day» und «Multiply», die trotz den lauernden Fallen natürlich schamlos die einstigen Motown-Recording-Artists zitieren und die Frage nach der Retrohaftig- und -seligkeit des einstigen Elektronikers scheu in den Raum stellten. Andererseits: Was heisst bei einem grossen wunderlichen Entertainer schon retro?

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7 Kommentare zu “Linkischer Soulbrother”

  1. Babette sagt:

    Hier passt der Kommentar wohl besser: Das Lidell-Konzert war grossartig! Und heute geht’s zu Kutti MC in die Dampfzentrale … Ein Hoch auf die musikalischen Brillenträger.

  2. eddie c. palermo sagt:

    werter herr sartorius, ich weiss nicht, ob es das retro ist, aber man darf die frage schon stellen, findi: weshalb war es gestern ein kleines bisschen weniger sexyfunky als erhofft, obwohl eigentlich alles stimmte? vermutlich haben sie mit dem entertainer ins schwarze getroffen: das gonzales-syndrom. genialische stilübungen mit ironischer distanz, die in der musik kaum mehr hörbar ist, aber auf der bühne immer wieder durchschimmert. was einen kleinen, aber feinen unterschied zu anderen verwurstelungs- und aneignungsspezialisten wie etwa dem late grate beck ausmacht.

    sehr schön war übrigens der taliban im kimono.

  3. Herr Sartorius sagt:

    Der Taliban im Kimono war in der Tat sehr schön, trotz wüstem Effekt beim einten Saxophonsimulator und trotz Synchronspielen zweier Instrumente – denn das durfte eigentlich nur Herr Don van Vliet.

    Jedenfalls: Das mit dem Gonzales-Syndrom stimmt schon, Die ironische Distanz des Herrn Lidells liegt vermeintlich an seinem Aussehen – und nicht (mehr) in der Musik.

    Apropos Verwurstelungskünstler: One foot in the jail hat ja immer auch der Herr, der sich Girl Talk nennt und vermutlich am 19. November per Kinoleinwand in Bern gastieren wird:

    Und Frau Babette, ich schaffte es gestern leider nicht mehr zum anderen musikalischen Brillenträger, wie war es denn?

  4. Herr Sartorius sagt:

    Hier noch ein anderes Verwurstungs- aka Remixwerk von den unangefochtenen Favoriten des eigenen Hauses:

  5. eddie c. palermo sagt:

    ha, herr sartorius: tolles erwachen mit herrn van vliet!

    gibt es am 19. november wieder den song- und tanzmann? wunderbar. und erinnert mich daran, was ich gerade eben im “bund” gelesen habe: herrn landolfs plädoyer für einen schluss mit den spielen im digitalen sandkasten, wobei er allerdings eher vom buch denn vom song her denkt. da operiert es sich dann auch mit anderen bildern: man hat es nicht mehr mit fröhlich hopsenden, hedonistischen jugendlichen zu tun, sondern mit “den selbst ernannten computer-piraten, diesem flaumbärtigen männer-trupp unterbeschäftigter bürolisten mit hang zu verschwörungstheorien und einer grossen portion sendungsbewusstsein”.

    und ja, frau babette: würde mich auch sehr interessieren, wie es gestern abend in der dampfere abging. wiewohl ich punkto brillentragender musiker unlängst in ein grosses fettnäpfchen getreten bin, als ich die brille auf einem raphael saadiq-shirt fälschlicherweise für ein buddy holly-gedenkaccessoire gehalten habe. autsch.

  6. eddie c. palermo sagt:

    … und man kann übrigens auch bücher samplen! erfahren wir gerade von stefan zweifel, der im magazin die beiden ziegel von david foster wallace und robert bolano bespricht.

  7. Herr Sartorius sagt:

    Es gibt schon früher so Song- und Tanzmenschen zu sehen, Herr Palermo, hier nicht sehr dezent der Eigenbewerbungs-Link:

    http://www.myspace.com/songdancemen

    Und bis am 20. Oktober habe ich den Ziegel «2666» fertig.