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Religionskriege: Warum outet sich Gott nicht?

Hugo Stamm am Samstag den 16. Januar 2016
A Syrian refugee holding a baby swims towards the Greek island of Lesbos, September 12, 2015. Alkis Konstantinidis: Another inflatable boat packed with dozens of migrants and refugees heading towards the shore. That’s what I noticed in the distance. The sea was calm and they were cheering on the dinghy. Suddenly, some 200 metres away, the rear of the boat deflated for no obvious reason, and people started falling into the sea. Screams replaced cheers as they frantically tried to stay afloat on life tubes, or by clinging on to the boat. Those who could swim tried to help those who couldn’t. As this dramatic scene unfolded and people drifted away from each other, the biggest challenge was to capture as many of the different scenes as I could. There were people falling overboard; two men trying to keep their friend afloat; a man still on the boat lifting his child in the air; another man, nearing collapse from exhaustion, swimming towards the shore; volunteers rushing towards the boat. In this hectic moment, one man, tense and yelling really loudly, caught my eye so I shot some frames. Later, as he tried to catch his breath on the beach, I asked him where he was from. “Syria," he told me before heading towards a volunteer holding a baby. The distance of the shot hadn’t allowed me to see the details of the picture clearly. It was only when I began editing that I could make out the tiny head of a baby in a life tube, and the screaming man trying to keep himself and the baby above water. Everything I cover, from riots to politics and sports, trains me to be on the alert and try to get the best from what I am shooting. I learned from this experience that disaster can occur even in what appears to be the calmest of situations. Looking back, the most memorable moment was when I opened the picture and saw the baby, who looked fast asleep as if in a cradle - dreaming or listening to a lullaby. REUTERS/Alkis Konstantinidis SEARCH "STORY-YEAR" FOR ALL 14 PICTURES - R

Kann das Gottes Wille sein? Ein syrischer Flüchtling mit einem Säugling vor der griechischen Insel Lesbos (September 2015). (Reuters)

Die Welt brennt, und Gott glänzt einmal mehr durch Abwesenheit. Christen verteidigen ihn mit dem Argument, er habe uns Menschen einen freien Willen gegeben, das Leben und die Welt nach eigenen Vorstellungen, Wünschen und Ideen zu gestalten. Doch dieser Gedanke ist nicht zu Ende gedacht. Es sind vergleichsweise wenige Player im aktuellen politischen Machtpoker, die ihren Willen skrupellos durchsetzen und die Welt destabilisieren. Millionen von Menschen sind ihrem destruktiven Machtwillen ausgesetzt.

Ihre Opfer in den Krisengebieten haben zwar auch einen freien Willen, aber die Ohnmacht verhindert, diesen umzusetzen. Sie sind den Despoten machtlos ausgesetzt. Ihre «Freiheit» beschränkt sich meist nur auf die Möglichkeit, aus der irdischen Hölle zu fliehen. Und nicht selten endet der letzte Rest ihres freien Willens, den Gott ihnen angeblich gelassen hat, in einer maroden Barke, die im Mittelmeer versinkt. Schaffen sie es bis nach Europa, haben sie zwar ihr Leben gerettet, doch sie sind meist entwurzelt, werden angefeindet, sind ohne Zukunftsaussichten.

Eigentlich müsste sich Gott – der christliche, jüdische oder muslimische ─ angesichts der Not und des Elends die Haare raufen. Da säkularisiert sich seine schöne Welt, doch die aktuellen politischen Konflikte werden mehr denn je mit religiösen Ideen befeuert. In seinem Namen massakrieren die «Rechtgläubigen», primär fanatische Muslime, die «Ungläubigen», und die Mörder und Märtyrer sind überzeugt, sich damit das Himmelreich zu verdienen.

Tatsächlich sind die meisten gewalttätigen Konflikte heute religiös oder pseudoreligiös motiviert. Weil viele Staaten im Nahen und Mittleren Osten sowie in Nord- und Westafrika ihren Bürgern wenig Schutz und Identifikationsmöglichkeiten bieten, gewinnt die religiöse Zugehörigkeit an Bedeutung.

Der christliche, muslimische, jüdische oder sonst wie gelagerte Gott könnte die Fanatiker und Gotteskrieger aller Couleur mit einer einfachen Massnahme bändigen: Er müsste sich lediglich in einer Weise offenbaren, die keine Zweifel mehr an seiner Existenz und Identität offenlassen würde.

Denn Gläubige der Buchreligionen (Christen, Muslime und Juden), die sich auf Abraham berufen, erheben den Anspruch, ihr Gott sei der richtige. Sie glauben auch, Gott habe sich sehr wohl offenbart: in der Bibel, dem Koran und der Thora. Sie glauben auch, Gott sei die Liebe. Die Christen zum Beispiel stützen sich auf biblische Aussagen wie: «Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.» (1. Johannes 4,16). Und sie verweisen darauf, dass er aus Liebe seinen Sohn geopfert habe, um uns Menschen zu erlösen.

Da stellt sich die Frage, wie er es aushält, dass der tödliche Kampf um den richtigen Gott Millionen von Menschen ins Elend stürzt. Und weshalb er sich nicht dazu entschliessen kann, sich zu outen und die weltweiten religiösen Konflikte zu entschärfen.

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