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Schlangenbändigung als Glaubensbeweis

Hugo Stamm am Samstag den 29. August 2015
Religionsblog

Schlangenbeschwörung auf Amerikanisch: Religiöses Ritual in einer Pfingstgemeinde in Kentucky (1946). Foto: Wikipedia

Für radikale Christen ist die Bibel von Gott inspiriert und somit die unumstössliche und ewig gültige Wahrheit. Selbst extreme Geschichten aus dem Alten Testament verstehen sie nicht als Gleichnis oder Metapher, sondern als Glaubensrealität oder gar Handlungsanweisung von Gott. Vor allem charismatische Freikirchen versuchen immer wieder, übernatürliche Heilungen und Wunder zu reproduzieren, wie sie in der Bibel beschrieben sind. Viele Pastoren und Gläubige üben sich in der Geistgabe oder in Prophezeiungen, vor allem in Bezug auf die Endzeit. Besonders beliebt sind Wunderheilungen, die in Heilungsgottesdiensten geprobt werden.

Eine der spektakulärsten Formen der übernatürlichen Glaubensmanifestationen war das sogenannte Toronto-Phänomen, das von der Vineyard-Gemeinde bei Toronto ausging und weltweit von charismatischen Freikirchen übernommen wurde. Auch von Pfingstgemeinden in der Schweiz.

In hochsuggestiven und emotionalen Gottesdiensten mit lauter Musik und marktschreierischen Predigten wurde den Gottesdienstbesuchern eingeheizt. Diese steigerten sich in einen ekstatischen Zustand, weil sie hofften, vom Heiligen Geist berührt zu werden. Auf dem Höhepunkt des Rituals legte der Pastor den Gläubigen die Hand auf. Diese verdrehten die Augen, zitterten am ganzen Körper, lachten oder weinten hysterisch und fielen wie von einem Blitz getroffen zu Boden. Hinter jedem Gläubigen stand ein Helfer, der die «Gefallenen» auffing.

Manche blieben bis zu einer Stunde bewusstlos liegen und erwachten oft verwirrt. Es kam auch zu heftigen psychischen Reaktionen. Als selbst in freikirchlichen Kreisen Kritik an diesem problematischen Ritual laut wurde, verzichteten die Gemeinden auf das Phänomen.

Ein neues Ritual, das auf die Bibel zurückgeht, nennt sich «Snake Handling», Schlangenbändigung. Die Gläubigen orientieren sich am Markus-Evangelium. Dort heisst es, dass die Gläubigen Dämonen austreiben, Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken können, ohne Schaden zu nehmen (Mk 16,17–18). Um zu beweisen, dass der Heilige Geist mit ihnen ist und sie beschützt, hantieren sie in den Gottesdiensten mit giftigen Schlangen. Auch beim Beten, Singen und Tanzen.

Kürzlich wagte es auch ein 60-jähriger Amerikaner in Kentucky. Der Schlange gefiel das Ritual offensichtlich nicht, sie biss zu. In der Überzeugung, von Gott nach biblischer Lehre geheilt zu werden, verweigerte er medizinische Hilfe. Sein Vertrauen in den Heiligen Geist wurde nicht belohnt, das Schlangengift raffte ihn dahin.

Dass Gläubige in ihrer religiösen Verblendung den letzten Rest an Vernunft verlieren, ist das eine. Dass aber freikirchliche Pastoren solche Rituale predigen oder zulassen, ist ein Verbrechen. Doch sie werden nicht zur Rechenschaft gezogen, weil man von der Selbstverantwortung der Gläubigen ausgeht. Dabei geht vergessen, dass die Indoktrination durch Geistliche Vernunft und Verstand auszuschalten vermag.

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