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Wenn der Glaube ein reaktionäres Weltbild fördert

Hugo Stamm am Samstag den 31. Januar 2015
Jesus

Ausländer sind den Gläubigen oft nur willkommen, wenn sie sie missionieren können. Bild: Reuters

Viele Menschen mit einem radikalen Glauben fallen durch ein traditionelles Weltbild und eine politisch konservative Haltung auf, wie Beobachtungen zeigen. Das Phänomen ist derart signifikant, dass sich die Vermutung aufdrängt, der Kern vieler Glaubensrichtungen sei reaktionär und präge das Bewusstsein der Gläubigen.

Sicher ist zumindest, dass die meisten Heilslehren keine avantgardistischen Lebensentwürfe oder unkonventionellen Lebensstile propagieren. Unbestritten ist auch, dass das Bewahrende im Wesen der traditionellen Glaubensgemeinschaften und spirituellen Gruppen liegt. Ihre Konzepte sind Dutzende, Hunderte oder Tausende Jahre alt. Ausserdem liegt den Heilslehren das Absolute zugrunde. Sie lassen sich nicht reformieren oder dem aktuellen Zeitgeist anpassen.

Das führt oft zu Anachronismen wie dem Festhalten an der Schöpfungslehre oder der Empfehlung, keine Verhütungsmittel zu benutzen. Solche Dogmen und Doktrinen führen zwangsläufig dazu, dass vor allem traditionsbewusste, konservative Menschen Zuflucht bei strengen religiösen und spirituellen Glaubensgemeinschaften suchen.

Auf den ersten Blick erscheint es eher überraschend, dass auch viele esoterische Strömungen, die sich nach aussen aufgeschlossen und zukunftsorientiert geben, reaktionär sind. Es ist deshalb kein Zufall, dass «die braune Esoterik» ein stehender Begriff wurde. Viele spirituelle Sucher verklären die Welt der Kelten und Germanen. Sie sehnen sich nach autoritären Strukturen mit Druiden, Schamanen, Weltenlehrern und spirituellen Meistern als Führer. Ausserdem beten sie Wotan und Gaia an und lassen Hexen wieder aufleben und kultivieren ein magisches Denken, was den Errungenschaften der Aufklärung diametral gegenübersteht.

Die konservative Geisteshaltung hat auch Auswirkungen auf die politische Einstellung. Die fanatischen islamistischen Bewegungen demonstrieren es. Dagegen sind strenggläubige Christen geradezu zivilisiert, auch wenn einzelne in den USA Ärzte attackieren, weil sie Abtreibungen vornehmen. Keine Überraschung ist es auch, dass viele Freikirchler und konservative Katholiken ihre politische Heimat bei den rechten Parteien der EVP und EDU finden.

In Teufels Küche kommen die frommen Christen aber mit ihren weitverbreiteten Ressentiments gegenüber Asylbewerbern und Flüchtlingen. Dann vergessen sie schnell, dass ihr Vorbild Jesus Nächstenliebe und Barmherzigkeit predigte. Ausländer sind den Gläubigen oft nur willkommen, wenn sie sie in Afrika und Asien missionieren und zu Gott führen können. Denn jede «gerettete Seele» verschafft ihnen angeblich einen Bonus auf dem Weg zum Himmel.

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