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Religionen leben von der Angst der Gläubigen

Hugo Stamm am Sonntag den 4. Januar 2015
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Gegen den Tod hilft hier ein Elixier: Bruce Willis und Goldie Hawn in der rabenschwarzen Komödie «Der Tod steht ihr gut», 1992. Foto: imdb

Religionen und Glaubensgemeinschaften spenden Trost und Zuversicht. Mit diesen beiden Attributen verbinden wir eigentlich Lebensfreude. Doch dies ist nur die eine Seite von religiösen Bewegungen und Konzepten. Denn primär leben sie von der Angst der Menschen: von der Angst vor dem Tod und der Furcht vor der Vergänglichkeit.

So hoffen Gläubige der Weltreligionen auf ein Leben nach dem Tod, schliesslich ist dies der Kern und das Wesen von Heilslehren. Es wird ihnen ja auch als Hauptziel vor Augen geführt. Trotzdem bleiben bei vielen im Geheimen gewisse Zweifel zurück. Denn bei nüchterner Betrachtung ist schwer nachvollziehbar, dass unser Körper nach dem Tod zerfällt, die Seele aber ins Jenseits übersiedelt. Es ist ja nicht einmal sicher, ob es eine Seele gibt. Sie ist kein Organ, und es sind auch keine seelischen Funktionen nachweisbar. Was Gläubige als Seele definieren, kann auch als Bewusstsein oder neuronales Phänomen verstanden werden.

Gäbe es kein Elend auf der Erde und hätten wir keine Angst vor dem Tod, wären die Menschen nie auf die Idee gekommen, sich nach Göttern zu sehnen und sich ein Leben nach dem Tod auszudenken. Fragen nach der Metaphysik und Transzendenz hätten sich wohl nie gestellt. Wir wären mit der Realität auf der Erde zufrieden und bräuchten keine Projektionen von einem Leben nach dem Tod. Der Ist-Zustand würde uns so sehr erfüllen, dass wir die Sehnsucht nach Erlösung nicht bräuchten.

Doch so bestimmen Leiden und Tod unser Bewusstsein. Verknüpft damit sind Existenzängste und bei labilen Personen psychische Belastungen. Diese Ängste können auch zu Abspaltungen unbewusster Anteile führen.

Der Glaube ist also ein Rezept gegen die Existenzängste. Deshalb suchen viele Menschen, für die die christliche Lehre als nicht mehr glaubwürdig erscheint, eine Ersatzreligion. Sie halten ein religiöses Vakuum nicht aus. Davon profitieren in erster Linie esoterische Gruppen und Sekten. Doch diese verstärken die Desorientierung, indem sie das Leiden auf der Erde ausblenden oder als Phänomen erklären, das nur «Ungläubige» trifft. Also solche, die den wahren Heilspfad angeblich noch nicht gefunden haben.

Der Glaube an die Seele und das Leben nach dem Tod mag ein Mythos sein, die Überzeugung, die esoterische Selbsterlösung funktioniere tatsächlich, ist hingegen ein Aberglaube.

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