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Wenn der Glaube zum Krieg führt

Hugo Stamm am Samstag den 21. Juni 2014
In Gottes Namen: Die islamistische Sekte Boko Haram hat in Nigeria 200 Mädchen entführt. Foto: Keystone

In Gottes Namen: Die islamistische Sekte Boko Haram hat in Nigeria 200 Mädchen entführt. Foto: Keystone

Religion und Glaube sind feste Bestandteile menschlicher Kultur und Tradition. Die Hoffnung auf spirituelle Erweckung und metaphysische Erlösung lässt das «Jammertal» besser ertragen.

Doch der Preis ist hoch, den wir für unsere religiösen Sehnsüchte bezahlen. Denn der Grat zwischen aufbauender Spiritualität und religiöser Verblendung, die oft in die radikale Frömmigkeit führt, ist schmal. Denn es geht um das Höchste und das Letzte: die Bestimmung des Menschen auf alle Zeiten. Um die Ewigkeit.

Deshalb sind Glaube und Religion konfliktträchtig. Sie enthalten das emotionale Potenzial, Gläubige zu fanatisieren. Die Geschichte der Menschheit ist geprägt von Religionskriegen. Menschen haben sich im Namen Gottes unendlich viel Leid zugefügt. Sekten haben Massensuizide und Massenmorde begangen. Trotz Erziehung, Bildung und Aufklärung zieht sich die Blutspur bis in unsere Tage. Viele Krisenherde haben eine religiöse Komponente.

In zahlreichen christlichen Ländern haben Religionsfreiheit und Individualisierung eine rasante Säkularisierung bewirkt. Ein Religionskrieg ist in Mitteleuropa nicht mehr denkbar. Wirtschaftlicher Aufschwung und Wohlstand haben die religiösen Gefühle abgekühlt. Die christlichen Kirchen entleeren sich und verlieren an Bedeutung. Es gibt keinen Grund mehr, sich für Gott die Köpfe einzuschlagen. Die Säkularisierung hat die Welt sicherer gemacht.

Manche islamische Länder sind noch weit davon entfernt, Religion und Politik zu entflechten. Fundamentalisten streben den Gottesstaat an. Oft ist ihnen dabei kein Mittel zu grausam, um politische Macht zu erlangen. In Ägypten zum Beispiel führte der Kampf für die Freiheit in den religiösen Würgegriff. In Algerien fackeln Islamisten christliche Kirchen ab und bringen Gläubige um. Der Gipfel religiöser Perversität ist die Entführung von 200 Mädchen und jungen Frauen. Manchmal erhält man den Eindruck, dass radikaler Glaube nicht nur fanatisch macht, sondern zu einer emotionalen Regression führt, die den Verstand blockiert.

Eine besonders absurde Spielart religiöser Verblendung und Aggression zeigt sich im Irak. Seit dem Abzug der US-Armee schlagen sich Sunniten und Schiiten die Köpfe ein, Glaubensbrüder kämpfen um die politische Macht.

Machtpolitik und religiöser Fanatismus tragen ein grosses Aggressionspotenzial in sich. Die Entflechtung der beiden Disziplinen ist notwendig, um die Welt ein wenig sicherer zu machen.

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