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Gott – der liebende Vater als Rächer

Hugo Stamm am Freitag den 31. Mai 2013
Ausschnitt des Deckenfreskos in der Sixtinischen Kapelle. (Foto: Wikipedia)

Ist Gott gütig oder strafend? Im Bild: Ausschnitt des Deckenfreskos in der Sixtinischen Kapelle. (Foto: Wikipedia)

Das Gottesbild hat sich im Lauf der Zeit stark gewandelt. In vorchristlicher Zeit war Gott eine zornige Figur, die von der Idee der Rache beseelt war. Wer nicht seinen harten Anforderungen und Geboten folgte, bekam seine strafende Hand zu spüren. Besonders gnadenlos ging er mit Ketzern um. Diese sollten verfolgt und ohne Rücksicht umgebracht werden. In den Sprüchen des Alten Testaments (AT) werden seine Getreuen sogar aufgefordert, Babys der Ketzer gegen eine Felswand zu schmettern.

Nichts zu lachen hatten aber auch Diebe oder Ehebrecherinnen, die ebenfalls den Tod zu fürchten hatten, oft durch Steinigung.

Den Urchristen lagen das Alte Testament oder die alten religiösen Schriften deswegen auch auf dem Magen. Sie wollten von Gott geliebt werden, sie wollten in ihm den liebenden Vater sehen. Deshalb erachteten viele das Alte Testament als nicht von Gott inspiriert. Ausserdem war es für sie jüdischen Ursprungs. Ressentiments gegenüber Juden gab es schon in den ersten Jahrhunderten n. Chr. Denn sie glaubten, die Juden würden den Tod von Jesus mitverantworten.

Die Urchristen taten sich also schwer damit, dass die heiligen Schriften zwei verschiedene «Götter» zeichneten. Den zornigen, teilweise bösen Gott im Alten, den menschenfreundlicheren im Neuen Testament (NT).

Allerdings muss gesagt werden, dass es neben den mehreren hundert Passagen mit Gewalt im AT auch Stellen gibt, die Gott als friedlichen Schöpfer darstellen. Andererseits gibt es auch im NT Passagen, in denen Gott wieder der zornige Vater ist. Man denke nur an die Johannes-Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel. Da kündet Gott den Jüngsten Tag mit beispiellosen Qualen an.

Wie ist es zu erklären, dass Gott so viele Gesichter hat? Ganz einfach: Die beiden Testamente sind von Menschen geschrieben worden. Hätte Gott bei der Abfassung Regie geführt, wie dies Freikirchen und teilweise die katholische Kirche verkünden, hätte er wohl ein stringenteres Bild von sich gezeichnet.

Die Widersprüche werden noch eklatanter, wenn man das Bild von Gott Vater mit dem Bild seines Sohnes vergleicht. Die beiden göttlichen Figuren liegen teilweise in ihrer Haltung und in ihren Dogmen meilenweit auseinander. Man denke nur daran, dass Gott die Ehebrecherinnen verdammt hat, Jesus sich aber den Prostituierten erbarmt.

Das Konzil von Nicäa hätte gut daran getan, das AT nicht als heilige Schrift zu akzeptieren, sondern als interessantes religionshistorisches Werk. Es hätte dem Christentum viel Ärger ersparen können, denn das AT ist mit all seinen Widersprüchen eine Hypothek und schadet der Glaubwürdigkeit der christlichen Heilslehre.

Fazit: Gott ist mit der geistigen Entwicklung humaner geworden. Ein Indiz mehr, das die Beobachtung stärkt, dass die Menschen Gott erschaffen haben. Und nicht Gott die Menschen, wie es im Buch Genesis heisst.

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