Logo

Was hat die Komplementärmedizin an der Uni zu suchen?

Hugo Stamm am Donnerstag den 8. November 2012
Eine Apothekerin potenziert auf dem sogenannten Potenzierbock ein homöopathisches Präparat mittels 10 Schlägen. (Foto: Keystone)

Eine Apothekerin potenziert auf dem sogenannten Potenzierbock ein homöopathisches Präparat mittels 10 Schlägen. (Foto: Keystone)

Ein Lehrstuhl an einer Hochschule bedeutet höchste akademische Weihen. Deshalb bewerben sich in der Regel Koryphäen ihres Fachs als Dozenten. Nicht so bei der Neubesetzung des Lehrstuhls für Komplementärmedizin an der Uni Zürich. Herausragende Kandidatinnen oder Kandidaten gibt es kaum, nicht einmal die fünf Bewerber in der engeren Auswahl erfüllen dem Vernehmen nach alle Anforderungen.

Aussichtsreichste Kandidatin ist die deutsche Homöopathie-Spezialistin Claudia Witt. Obwohl sie keine klinische Erfahrung hat, ist sie die Favoriten der Berufungskommission. Für das externe Kommissionsmitglied Edzard Ernst von der britischen University of Exeter, ein prominenter Experte, ein Affront. Er quittierte sein Amt mit Getöse und sagte, er wolle seinen Namen nicht für einen solchen «Saustall» hergeben.

Der Eklat weist auf ein systemimmanentes Problem hin: Die Komplementärmedizin ist eine wissenschaftlich schwer zu fassende Disziplin und passt schlecht in einen universitären Lehr- und Forschungsbetrieb. Deshalb meiden ambitionierte Mediziner und Wissenschaftler dieses umstrittene Fachgebiet, weshalb es kaum unabhängige Experten gibt.

Diese Krux lässt sich gut am Beispiel der Homöopathie beschreiben, die in breiten Bevölkerungskreisen sehr beliebt ist. Seit 200 Jahren versuchen Homöopathen vergeblich nachzuweisen, dass ihre Globuli eine medizinische oder pharmakologische Wirkung entfalten. Ausserdem sehen sie sich mit dem schier unlösbaren Problem konfrontiert, dass die homöopathischen Theorien allen bekannten Gesetzen widersprechen.

Die Vertreter der Komplementärmedizin stochern deswegen oft im Nebel und müssen mit schwammigen Argumenten und Erklärungsversuchen ihre Thesen gegen Anfechtungen verteidigen. So bleiben fast nur Überzeugungstäter oder «Gläubige» den alternativmedizinischen Methoden treu, die zudem aus persönlicher Neigung heraus die Disziplin wählten und in der Regel an übersinnliche oder paranormale Phänomene glauben. Experte Edzart Ernst drückte es so aus: «Claudia Witt ist in ihrer Arbeit der Komplementärmedizin gegenüber gänzlich unkritisch.» Wissenschaftliches Arbeiten verlangt aber einen unverstellten Blick auf das eigene Fachgebiet, persönliche Verstrickungen sind unprofessionell, weil dann die fachliche Distanz fehlt. Dies zeigt sich bei Claudia Witt auch darin, dass bisher Verfechter der Alternativmethoden ihre Forschungsarbeit bezahlten.
Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Komplementärmedizin nur bedingt mit naturwissenschaftlichen Methoden erforschen lässt. Denn bei den vermuteten Heilprozessen spielen viele weiche Faktoren wie Hoffnung, Glaube und spirituelle Vorstellungen eine wichtige Rolle. Diese Aspekte lassen sich kaum erfassen und schon gar nicht messen.

Ein weiteres Beispiel aus der Homöopathie macht es deutlich: Es ist zwar unbestritten, dass homöopathische Therapien zumindest bei leichteren und chronischen Krankheiten eine positive Wirkung erzielen. Doch niemand kann wissenschaftlich erklären, weshalb. Denn die homöopathischen Tinkturen sind so stark verdünnt, dass in ihnen oft kein einziges Molekül mehr zu finden ist. Wie soll etwas wirken, wenn nichts vorhanden ist? Und die Erklärung der Homöopathen, der Wirkstoff gebe beim Verdünnen Informationen an die Tinktur ab, ist umstritten und wissenschaftlich nicht haltbar, denn das Phänomen ist in der gesamten Natur nicht bekannt und kann somit auch nicht nachgewiesen werden.

Unbestritten ist hingegen, dass der Placebo-Effekt eine grosse Rolle spielt. Vielleicht ist Placebo sogar der einzige Effekt bei alternativen Heilmethoden. Doch nicht einmal diese Frage können die Verfechter der Komplementärmedizin beantworten. Deshalb flüchten sie sich ins Argument, ihre Methoden liessen sich eben nicht mit einer evidenzbasierten Medizin, zum Beispiel randomisierte, placebokontrollierte, klinische Doppelblindstudien, überprüfen, wie sie in der Schulmedizin erfolgreich angewendet wird. Damit haben sie vermutlich sogar recht, doch sie stellen sich gleich selbst ins wissenschaftliche Abseits. Und man fragt sich, was die Komplementärmedizin an einer Hochschule vom Format einer Uni Zürich zu suchen hat. Man könnte sie allerdings in die theologische Fakultät abschieben, die bekanntlich zuständig für Glaubensfragen ist.

« Zur Übersicht