Hure und Engel der Armen: Evita vive!

Symbolfigur des Peronismus: Eva Perón und Präsident Juan Perón 1950 in Buenos Aires. (Foto: Keystone)

Sie gilt als Heilige, Hure, Verfemte, Feministin, Rache-Engel, Engel der Armen, Wohltätige und Werkzeug ihres Mannes. Doch wer war Eva María Duarte de Perón wirklich?

Laut Taufurkunde wird Eva María Ibarguren am 7. Mai 1919 in Los Toldos, Provinz Buenos Aires, geboren. Sie ist das jüngste von fünf unehelichen Kindern der Köchin Juana Ibarguren. Der Vater – ein Gutsbesitzer. Die Kindheit ist geprägt von Armut und Demütigungen – man zeigt mit dem Finger auf die «Bastarde». Mit 15 zieht Eva nach Buenos Aires, will Schauspielerin werden. Nach Nebenrollen wird Eva Radiosprecherin. 1944 lernt sie Juan Domingo Perón an einer Wohltätigkeitsveranstaltung kennen. Er gehört zu einer Gruppe von Militärs, die sich an die Macht geputscht hat. Eva ist fasziniert vom Mann, dem die Arbeitermassen applaudieren, und der justicia social (soziale Gerechtigkeit) predigt. «Danke, dass Sie existieren», flüstert sie dem mehr als doppelt so alten Witwer zu. Sie werden ein Paar – eine unmögliche Liaison: sie Schauspielerin, er Militär.

Grosser Einfluss trotz politischer Niederlage

Im Oktober 1945 ist Hochzeit. Vier Monate später wird Perón zum Präsidenten gewählt. Eva hat am Radio um die Stimmen der Armen und Arbeiter geworben. Fortan kümmert sie sich fast fanatisch um die vernachlässigte Klasse. Mit der Fundación Eva Perón dringt sie in die Domäne der wohlhabenden Frauen vor: die Wohltätigkeit. Sie verteilt Geschenke an Kinder und Familien, mit dem Vermerk «von Evita». In flammenden Reden fordert sie Wohlstand und politische Beteiligung für die Armen und teilt das Land in jene, die mit ihr und die gegen sie sind.

1947 erhalten die argentinischen Frauen das Wahlrecht. Zwar hat sich Eva in Reden dafür eingesetzt, eine echte Feministin ist sie nicht. Sie wird dennoch grossen Einfluss auf die Rolle der Frauen in der Politik Lateinamerikas nehmen, obwohl sie nie ein politisches Amt innehat. Dieses wird ihr 1951 verwehrt. Eva muss auf die Kandidatur als Vizepräsidentin für die zweite Amtszeit ihres Mannes verzichten: eine herbe Niederlage.

Ende 1951 wird Juan Perón wiedergewählt. Beim Festakt im Juni 1952 stützt ein Drahtkorsett die vom Krebs gezeichnete First Lady. Am 26. Juli 1952 stirbt Eva, gerade mal 33-jährig und auf dem Höhepunkt der Macht. Tausende bitten den Papst, Eva heilig zu sprechen.

Der Mythos um Evas Leiche

Perón weiss um die Bedeutung Evas für seine Bewegung und lässt sie einbalsamieren und aufbahren. 1955 wird der Präsident gestürzt. Die neuen Machthaber wollen die Symbolfigur des Peronismus loswerden. Sie wagen es aber nicht, die Leiche zu zerstören und lassen sie nach langer Odyssee unter falschem Namen auf einem Friedhof in Mailand begraben. Später wird sie zu Juan Perón nach Madrid gebracht und in seiner Villa aufgebahrt. Evas Geist soll auf die neue Gattin, Isabel, übergehen.

Nachdem Perón 1973 als Präsident in sein Land zurückkehrt, kurz darauf aber stirbt, wird Isabel Präsidentin. Sie lässt die Leiche in die Heimat zurückbringen. Seither ruht Eva auf dem Recoleta-Friedhof in Buenos Aires. Arbeiter, Schulklassen und Touristenströme besuchen heute das Grab.

Eine globale Ikone

Denn Evita ist nach ihrem Tod zur globalen Ikone geworden – dank dem Musical «Evita» von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice. Vieles in dem Stück ist historisch nicht belegt: Politik ist Inszenierung, so die Botschaft der Autoren. In der Heimat Evitas, wo seit 1976 eine Militärjunta herrscht, bemächtigen sich die linken Guerilleros, die montoneros, der Figur: «Si Evita viviera, sería montonera», singen sie. Wäre Evita noch am Leben, sie würde gegen die Militärs kämpfen.

Den finalen Schub erhält die Globalisierung des Mythos 1996 durch die Verfilmung des Musicals. Popsängerin Madonna ist Evita, Evas Historie wird durch Madonnas Werdegang überlagert: Beide stammen aus bescheidenen Verhältnissen, vor denen sie in die Grossstadt flüchten. Beide suchen im Showbusiness ihr Glück. Beide sollen erste Erfolge mit ihrem Körper erkauft haben. Beide provozieren das Establishment. In Argentinien stört man sich daran, dass sich Ausländer der eigenen Ikone bemächtigen. Doch erst später werden argentinische Regisseure, Schriftsteller und Historiker das Bild korrigieren. Behindert wird diese Aufarbeitung durch die dortige Politik.

Und heute?

2003 wird Néstor Kirchner Präsident Argentiniens. Der Peronist und seine Frau Cristina Fernández fördern die politische Wiederbelebung Evas. Die First Lady imitiert deren Gestik. Auch sie spaltet – vor allem nach ihrer Wahl zur Präsidentin 2007 – mit militanter Rhetorik das Land in Freunde und Gegner und huldigt ihrem Vorbild: Seit 2011 prangt Evas Porträt weit über die breiteste Strasse der Welt, der Avenida 9 de Julio. Zum 60. Todestag wird der neue 100-Peso-Schein mit Evas Konterfei bedruckt.

Und heute? Der amtierende Präsident ist kein Peronist. Neu ziert ein Andenreh den 100-Peso-Schein. Doch der Mythos lebt weiter – vor allem in der Opposition, die 2019 zum «Jahr der Hundertjahrfeier des 100. Geburtstags von María Eva Duarte de Perón» machen will. Er wird lebendig gehalten, von jenen, die sich nach der wohltätigen Evita sehnen, aber auch von jenen, die mit Evita-Souvenirs, Evita-Touren und in Evita-Bars ihr Geld machen.

Literatur:
Ursula Prutsch: Eva Perón. Leben und Sterben einer Legende. Eine Biografie. München
2015: Verlag C. H. Beck.