Vom «Frauenmenschen» zum «Edelmenschen»

Meta von Salis 1895 beim Eingang zu den «Oberen Gärten» von Schloss Marschlins bei Igis GR. Foto: Terra Grischuna, Wikimedia

Als Spross eines alten Bündner Adelsgeschlechts erblickt Meta von Salis 1855 im Schloss Marschlins das Licht der Welt. Früh spürt sie die Ablehnung ihres Vaters. Mangels eines männlichen Nachkommens vernachlässigt dieser nicht nur das Gut, sondern auch seine Tochter. Retrospektiv erklärt von Salis verbittert, ihr «erster Fehltritt in der Welt» hätte darin bestanden, «in weiblicher Gestalt zu erscheinen».

Die Herabsetzung des Vaters aufgrund ihres Geschlechts prägt sie nicht nur, sondern politisiert sie auch. Trotz der väterlichen Verachtung erhält sie Privatunterricht. Später wird sie an ein Töchterinstitut geschickt. Eine Erzieherinnenstelle in Deutschland macht sie finanziell unabhängig. 1883 schreibt sie sich an der Universität Zürich ein. Vier Jahre später promoviert sie in Geschichte als erste Historikerin der Schweiz.

Bewunderung für die Aristokratie

In ihre Studienzeit fällt ihr politisches Engagement. Sie reklamiert politische Mitbestimmung, träumt von einem «Frauenmenschenthum» und fordert früh das Stimm- und Wahlrecht für Frauen. Ansonsten vertritt sie jedoch konservative, wenn nicht gar reaktionäre Ansichten.

Friedrich Nietzsche, mit dem sie befreundet ist, bewundert sie als «Vertreter des Aristokratismus» und «Edelmenschen». Sympathisierend mit dem wilhelminischen Deutschland, sehnt sie sich nach der Erstarkung der Aristokratie. Die Verdrängung des «rhätischen Typus», zu dem sie sich zugehörig fühlt, durch den «minderwerthigen des schweizerischen Alemannen» fürchtet sie. Um die Jahrhundertwende kommt sie in Kontakt mit den Schriften des Rassentheoretikers Arthur de Gobineau. Ist an die Stelle der Frauenrechtlerin plötzlich eine Rassenideologin getreten?

Die vermeintliche Widersprüchlichkeit wird gemeinhin mit einem Bruch in ihrem Denken erklärt. Dieser sei durch einen Gerichtsprozess ausgelöst worden, der sie einige Tage hinter Gitter brachte. Danach hätte sie sich vom Staat abgewandt, im Denken radikalisiert. Ihr Einsatz für Frauenrechte steht jedoch nicht in völligem Widerspruch zu ihrer aristokratisch-ständisch geprägten Weltsicht. Ihre Ablehnung des bürgerlichen Frauenideals mit der Funktion der Frau als Hausfrau und Mutter lässt sich mit ihrer Klassenzugehörigkeit erklären.

Nicht alle Frauen sind gleich

Frauen des Adels verfügten vor dem langen 19. Jahrhundert, wie der Soziologe Norbert Elias gezeigt hat, zuweilen über machtvolle Positionen. In der Regel genossen sie eine bessere Bildung als Frauen der niederen Stände. Mit dem Erstarken des Bürgertums näherte sich die Lebensweise der adligen Frauen jedoch der bürgerlichen an, was von Salis insbesondere durch die «Gewaltherrschaft» ihres Vaters erfahren musste. Dennoch standen ihr als Aristokratin andere Deutungsmuster zur Verfügung, an die sie anknüpfen konnte.

Die aufklärerische Vorstellung der Gleichheit aller Menschen teilt Meta von Salis nicht. Rechte und Pflichten einer Person führt sie auf die Abstammung zurück. Setzt sie sich für Frauenrechte ein, bezieht sie sich wohl in erster Linie auf Frauen der Mittel- und Oberschicht. Zehn Jahre nachdem sie das Frauenstimmrecht verlangt, schreibt sie über den Fluch, dass «Millionen Menschen» zu lesen und schreiben lernen.

Zunehmend modernitätskritisch eingestellt, entwirft sie die Dystopie einer im Niedergang begriffenen Gesellschaft. Sie hofft, dass sich der «Schlammwelle der Demokratisierung» eine Gegenwelle der «Aristokratisierung» entgegenstellt – damit sich der «Edelmensch» entfalten kann.

Wohin die völkische Ideologie und das rassische Denken führen sollten, erlebt Meta von Salis nicht mehr. Im März 1929 stirbt sie in Basel.

8 Kommentare zu «Vom «Frauenmenschen» zum «Edelmenschen»»

  • Dieter Ammann sagt:

    Schon damals stritten die Leute, wer nun echte Schweizer seien. Wir werden nie gescheiter….

  • M. Seiler sagt:

    Die «minderwerthigen schweizerischen Alemannen» arbeiten ja auch heute noch für den ach so edlen «rhätischen Typus» des Subventionsschnorris via NFA und TV-Gebühren. Insofern hat sich in 150 Jahren nichts verändert.

  • Luisa sagt:

    Auch Frauen können nur das denken, was sie gelernt haben und in ihrer Umgebung laufend erfahren. Wer abgeschirmt durch seine Kaste lebt, denkt eben wie die Kaste. Ausnahmen sind höchst selten.
    Wir können heute schon solche Einstellungen belächeln, weil wir mit einem Bruchteil eines Monatslohnes in andere Länder reisen können, von der obligatorischen Schulbildung, den Medien, Bibliotheken bis hin zum Internet nicht gesprochen.
    Traurig ist es bloss, dass es heute noch Frauen gibt, die meinen, sie hätten dem Mann zu Diensten und froh zu sein, wenn einer sie als Gratismagd samt sexuellem Vollservice heiratet…

  • Peter Stäheli sagt:

    Mir scheint, über diese Person wird einzig deshalb geschrieben, weil sie eine Frau war und das jetzt gerade Mode ist. Ansonsten war sie völlig unbedeutend.

  • Ralf Schrader sagt:

    Wieder einmal dürfen wir verblüfft zur Kenntnis nehmen, dass auch die horizontweitesten Menschen des 19. Jahrhunderts eben doch nur Menschen ihres Jahrhunderts und ihrer Werte, nicht unserer waren. Die heutigen Werte des Westens sind die einer kleinen Gruppe, die für eine kurze Zeit, aber nicht universell gelten.

    Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn die Menschen des 22. Jahrhunderts uns nicht als Barbaren klassifizieren, aber natürlich wissen, das wir nur aus ihrer Sicht solche sind. Objektive Werte, die Zeit und Raum überschreiten, gibt es und gab es nie und wird es nie geben.

    • Maike sagt:

      Korrekt – es sind halt Menschen, die die Wertmassstäbe ihres Jahrhunderts leben. Wir sind doch kein deut anders. Wer würde heute noch in weissen Tennissocken rumlaufen, die in den 70igern absolut hip waren ? Es ist vollkommen unsinnig, sich darüber aufzuregen, wie es mancherorts gerne gemacht wird. Das war damals halt so.

  • Jasmin Zenger sagt:

    Es ist doch eher billig so aus der warmen Stube heraus mit dem Wissensstand von heute völlig ohne Empathie und mit einer moralisch-ethischen Überlegenheit über Menschen zu urteilen, die vor über 100 Jahren gewirkt haben.

    • Ralf Schrader sagt:

      Es bedarf keinerlei Empathie um historische Personen im Kontext ihrer Zeit zu beurteilen. Private Kriterien spielen im öffentlichen Raum keine Rolle.

Kommentar

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