Ländler statt Swing: Die Schweiz in den 20er-Jahren

History Reloaded

Berlin ist weit weg: Frauen in der Festtagstracht nehmen in Appelzell an einer Fronleichnamsprozession teil. Foto: Regina Kühne (Keystone)

Haben Sie die Fernsehserie «Babylon Berlin» gesehen? 300 Drehorte, 8000 Quadratmeter Aussenkulisse in Babelsberg, 5000 Statisten, 300 Sprechrollen, 180 Drehtage und Kosten von 40 Millionen Euro und damit die teuerste deutschsprachige TV-Produktion aller Zeiten. «Babylon Berlin» lief auf diversen TV-Sendern, unter anderem bei SRF, hatte viel Publikum, wurde von der Kritik bejubelt und heimste viele Preise ein. Die Rechte sind bereits in 60 Länder verkauft.

«Babylon Berlin» zeigt die fiebrige, ekstatische Stimmung Ende der 20er-Jahre in Berlin. Die Protagonisten vergnügen sich in Nachtclubs, tanzen, feiern und lieben. Weil es eine «Kriminal-Fernsehserie» ist, kommen auch Drogen, Waffenhandel, Erpressung und Mord vor. Die Goldenen Zwanziger der Berliner Prägung werden da effektvoll und spannend als Sex & Crime präsentiert.

Doch wie so oft – die Realität war eine ganz andere. Ebenfalls in Deutschland. Doch gerade auch in der Schweiz. Der Goldglanz der 20er-Jahre strahlte nicht bis in die Provinz aus. Der Goldglanz war ziemlich beschattet. Oder sogar ganz verdeckt.

Die Wirtschaftskrise zu Beginn der 20er-Jahre traf die Schweiz hart, die Teuerung schnellte empor. Die Maul- und Klauenseuche dezimierte den Viehbestand und brachte die Landwirtschaft in eine lang anhaltende Krise. Auch sozial musste sich die Schweiz nach dem Generalstreik von 1918 und weiteren Arbeitskämpfen neu finden – die Schweiz war in der Mehrfachkrise.

Pariser Moden haben einen schweren Stand

Wenn die Zwanziger in Berlin als «Tanz auf dem Vulkan» galten, den die Filmhauptfigur Lotte Ritter besonders ausgelassen tanzte, so sind diese Jahre hierzulande eher ein beschwerlicher Gang durch den Alltag.

Internationale Modeströmungen wurden zwar wahrgenommen, aber vielfach ins Gegenteilige gedreht. Statt der Zwölftonmusik erlebte der Ländler eine Wiederbelebung; statt des Bauhaus-Stils in der Architektur entstanden viele Schweizer Holzchalets, notabene seriell gefertigt; statt Sex & Crime gingen hierzulande die Zuchthausstrafen und die Zahl der unehelichen Kinder deutlich zurück; statt expressionistische Weltliteratur lasen die Schweizer lieber die Heimatromane eines Ernst Zahn; statt Foxtrott und Charleston zu tanzen, vergnügte man sich mit biederen Trachtenreigen.


«Babylon Berlin»: Der Trailer zur Fernsehserie. Video: Sky TV/Youtube

Beispielhaft für diese Entwicklung war die Kleidermode. In Paris, London und Berlin waren gerade Röcke, transparente Strümpfe aus Kunstseide und flache Schuhe angesagt. Die Frauen zeigten Arme und Beine, trugen neuartige Frisuren, etwa den kurz geschnittenen Bubikopf oder die 1925 erfundene Dauerwelle. Sie fuhren selber Auto und rauchten ungeniert und genussvoll in der Öffentlichkeit – wie die Lotte im Film.

Solche Moden kamen in weiten Kreisen der Schweiz gar nicht gut an, zum Beispiel in der Zeitschrift «Katholische Schweizerin»: «Das Kleid hat die Aufgabe, den Körper zu bedecken und zu schützen. Dem widersprechen zu kurze Kleider, zu eng anliegende Kleider, welche die Körperformen zu sehr ausprägen, Kleider mit zu tiefem Halsausschnitt, mit zu kurzen Ärmeln, durchsichtige Kleider ohne genügend schützende Unterkleidung.»

Gegen «künstlerische Überfremdung»

Stattdessen feierte das «Kleid der Heimat» eine grosse Renaissance: die traditionelle Tracht. Im 19. Jahrhundert waren die Trachten in Vergessenheit geraten. Erst bei der Eröffnung des Landesmuseums 1898 gelang eine erste Wiederbelebung, als ein Festumzug mit 15’000 Trachten durch Zürichs Strassen zog. Danach entdeckte der Tourismus das wirtschaftliche Potenzial von Trachten und steckte das Personal in trachtenähnliche Kleider. Hatten sich früher Bäuerinnen sonntags damit geschmückt, verkleideten sich jetzt Kellnerinnen für ein paar Arbeitsstunden – die Tracht verkam zur Maskerade. Das ging so weit, dass die Trachtenleute aus Angst vor Spott und Häme an der Landi 1914 gar nicht erst auftraten!

Erst in den 20er-Jahren änderte sich das grundlegend. Die Trachten waren eine Art Anti-Mode zur herrschenden Mode und setzten sich durch. 1925 trafen sich Trachtenfreunde zum Eidgenössischen Trachtenfest in Bern. Ein Jahr später erfolgte die Gründung der «Schweizer Trachten- und Volkslieder-Vereinigung». An der Gründungsversammlung regte man an, «gegen Modetorheiten à la Bubikopf» anzutreten und «jede künstlerische Überfremdung, besonders auch auf dem Gebiete von Musik und Gesang», zu bekämpfen. Der Antrag erhielt tosenden Beifall.

Lotte Ritter, die ausgeherprobte Hauptfigur in «Babylon Berlin», wäre sich an einer solchen Veranstaltung fremd vorgekommen, sehr fremd.

1 Kommentar zu «Ländler statt Swing: Die Schweiz in den 20er-Jahren»

  • Emil Hasler sagt:

    Da gab es doch das Lied „bist Du verrückt mein Kind, so gehst Du nach Berlin, wo die Verrückten sind. . . „. Das mag wohl in dieser Zeit entstanden sein. Wir habe das als Kinder an der Fasnacht durch’s Dorf ziehend gesungen.

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