Triumph des Frauenkampfs

History Reloaded

«Heraus mit dem Frauenwahlrecht» stand auf diesem Plakat der deutschen Frauenbewegung zum Frauentag am 8. März 1914. Foto: Wikipedia

1918 führt Deutschland als eines der ersten Länder Europas das Frauenstimmrecht ein. England folgt 1928, Frankreich 1944, Italien 1946 – und die Schweiz auf eidgenössischer Ebene 1971. Während Deutschland eine jahrhundertealte monarchische Tradition besitzt, bezeichnet die Schweiz sich als eine der ältesten Demokratien der Welt. Wäre nicht zu vermuten, dass die Schweiz punkto Gleichstellung Deutschland hätte vorangehen müssen?

Nun, die deutschen Frauenrechtlerinnen sind 1918 mehr als überrascht. Für die Vorsitzende des Deutschen Reichsverbands für Frauenstimmrecht, Marie Stritt, grenzt die «übergangslose Erhebung aus gänzlicher politischer Rechtlosigkeit zu voller staatsbürgerlicher Freiheit» an ein «Wunder». Doch das Wunder ist nicht Resultat einer göttlichen Fügung, sondern geht auf das starke Engagement sowohl bürgerlicher als auch sozialistischer Aktivistinnen zurück. Stritt unterschätzt die Wirkung ihres Streits für die Sache.

Die Fabrikantentochter Hedwig Dohm fordert schon 1873 das Wahlrecht, als eine der ersten Frauen. Damit geht sie der bürgerlichen Frauenbewegung zu weit, die sich für die bessere Schulbildung von Mädchen einsetzt und lediger Mütter annimmt. Für die Marxistin Clara Zetkin kann die «Frauenfrage» nur in der sozialistischen Gesellschaft gelöst werden. Daher kämpft sie für die Revolution des Proletariats. Und nicht zuletzt engagiert sich der «Arbeiterkaiser» August Bebel für das Frauenwahlrecht, als einer der wenigen Männer der Sozialdemokratie. Er ist der Ansicht, dass die Sozialistinnen und die «feindlichen Schwestern» – gemeint sind die bürgerlichen Frauen – «getrennt marschierend, aber vereint schlagend, den Kampf führen» können.

Demokratie ist relativ

Schliesslich ist es die linksrevolutionäre Übergangsregierung der Räterepublik, der «Rat der Volksbeauftragten», der nach dem Sturz der Monarchie das Frauenwahlrecht durchsetzt. Die Einführung erfolgt von oben, ohne Entscheid eines (männlichen) Parlaments. Die Räterepublik hat ein Vorbild: Die kommunistische Sowjetunion hat das Frauenwahlrecht schon 1917 eingeführt, unter der Führung Lenins und seiner Bolschewiken, die mit einem Putsch an die Macht gekommen sind. Demokratie durch Diktatur also.

Abstimmungsplakate gegen das Frauenstimmrecht in der Schweiz von 1920.

In der Schweiz forderte zwar das Aktionskomitee des Landesstreiks schon 1918 das Stimm- und Wahlrecht für Frauen. Aber der Bundesrat sowie das demokratisch gewählte Parlament widersetzten sich in den folgenden Jahrzehnten dem Druck der Frauenbewegung ebenso wie der «Souverän», also das männliche Stimmvolk. 1959 scheiterte die erste Volksabstimmung am Volks- und Ständemehr. 1990 brauchte es gar einen Entscheid des Bundesgerichts, damit der letzte Kanton – Appenzell Innerrhoden – nachzog und das Recht auf kantonaler Ebene einführte.

«Demokratie» ist eine relative und manchmal zweischneidige Sache. Sie weist zuweilen undemokratische Effekte auf. Nicht fremde Richter sind zu fürchten: Eher die Untergrabung der Demokratie durch sich selbst. Demokratie ist nie vollkommen, sondern muss immer weiterentwickelt werden.