Wo England auf Französisch grüsst

History Reloaded

Bollwerk gegen Europa: Dover Castle. Foto: Olaf Protze (Getty Images)

Ein Spaziergang durch das historische Städtchen Hythe in der Grafschaft Kent führt in die französische Revolution zurück. Denn Hythe ist von einem militärischen Kanal durchzogen, der sich über 40 Kilometer der Küste entlang streckt. Er diente einst dazu, eine Invasion der revolutionären Armee gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu verhindern. Die taktische Überlegung mutet aus heutiger Sicht ziemlich kühn an: Falls sich die Landung der französischen Boote nicht verhindern liess, sollte der Kanal die Soldaten mit ihren Pferden und Geschützen an einem Vorstoss ins Landesinnere hindern. Denn diese würden in dem Graben darauf warten, von den tapferen britischen Verteidigern gemeuchelt zu werden. Die Engländer hielten die Franzosen stets für dümmer, als sie waren.

Zu einer Invasion ist es zwar nicht gekommen, aber die Furcht davor war stets präsent. Hythe ist eine der fünf Ortschaften an der englischen Kanalküste, die zum Verbund der «Cinque Ports» («Sinkpots» ausgesprochen) gehören. Dieses mittelalterliche Städtebündnis wurde vor 800 Jahren gegründet, damit sich die Bürgerschaften im Fall von französischen Übergriffen beistehen konnten. Denn in dieser Gegend ist England dem europäischen Kontinent am nächsten und grüsst ihn auf Französisch. Hier leuchtet dem Besucher ein, weshalb die Insel europäisch ist, aber eben nicht ganz. So lässt sich die Widersprüchlichkeit des Brexits am besten erklären – wir wollen zwar zu Europa gehören, aber bitte nur mit uneingeschränkter Souveränität.

Alles Übel droht von Europa

Diese sicherten schier unzählige militärische Anlagen, die im Lauf der letzten Jahrhunderte entstanden sind: Östlich von Hythe Richtung Folkestone steht einer der 164 Martello-Türme, die zwischen 1764 und 1814 gebaut wurden und die Franzosen von einer Invasion abschrecken sollten. Militärische Enthusiasten wandern weiter von Folkestone auf den Klippen Richtung Dover und von dort zum Küstenort Deal.

Zahlreiche unterirdische Anlagen, die zum Teil neu erschlossen sind, zeugen bis heute von der britischen Überzeugung, alles Übel drohe von Europa. Weithin sichtbares Symbol dafür ist Dover Castle, dessen Ursprünge in die römische Zeit reichen und das noch im Zweiten Weltkrieg als ein Bollwerk gegen die nationalsozialistische Bedrohung zu einer Kommandozentrale ausgebaut wurde.

Aber der 34 Kilometer breite Kanal steht auch für das Anziehende. Unzählige Geschichten berichten von amourösen Eskapaden, wie etwa vom Schriftsteller Charles Dickens, der auf der englischen Seite seine vielköpfige Familie hielt und auf der französischen seine Geliebte. Oder – etwas später – der englische König Edward VII., der im Grand Hotel von Folkestone seine französischen Gespielinnen willkommen hiess.

Heimat von Nigel Farage

Geografisch so nah und politisch so fern. In dieser Gegend der Grafschaft Kent begann die Laufbahn eines jungen Konservativen, der Nigel Farage hiess. Er entstammt einer hugenottischen Familie, deren Vorfahren wie Tausende im 17. Jahrhundert vor der französisch-katholischen Krone nach England geflohen waren. Farage politisierte bereits als Teenager am rechten Flügel der konservativen Partei und galt als ein Bewunderer von Enoch Powell, dem umstrittenen Abgeordneten, der in den 1960er-Jahren als Erster vor den Einwanderern aus den ehemaligen Kolonien warnte.

Unter diesem Einfluss gelangte Farage vor 20 Jahren zur Überzeugung, dass die Tories niemals seine rigiden, antieuropäischen Vorstellungen unterstützen würden. Er trat einem Häufchen Aussenseiter bei, die unter dem Namen United Kingdom Independent Party (Ukip) einen EU-Austritt anstrebten. Farage erreichte in einem Wahlkreis an diesem Küstenabschnitt in Kent seine Wahl als Abgeordneter – nicht etwa in Westminster, sondern im Europäischen Parlament. Vor allem aber baute er die Ukip zu einer politischen Bewegung aus, die die Konservativen so lange umtrieb, bis sie ein Referendum über den Austritt des Königreichs aus der EU anberaumten.

8 Kommentare zu «Wo England auf Französisch grüsst»

  • Rolf Zach sagt:

    Eine herausragende Prämisse der englisch-französischen Geschichte ist folgendes. Bis 1558 (Thronbesteigung Elisabeth 1.) ging es nicht nur um die Eroberung von England, wie zum Beispiel 1066 durch Wilhelm den Eroberer, sondern auch umgekehrt, wie dies der 100. Krieg zeigte ca. 1340 bis 1450, wo die Engländer wild entschlossen waren, Frankreich zu erobern, in der Nachfolge von Heinrich II. und Richard Löwenherz. Auch Heinrich VIII. (Vater von Elisabeth 1.) wollte ein Teil von Frankreich.
    Mit dem Zeitalter der Entdeckungen und dem Aufbau des British Empire war jedes Interesse von England an europäischen Besitzungen gleich Null. Alle Kraft galt ihrem Kolonialreich, wo der große Profit winkte (Indien!). Englands Interesse war nur noch eine kontinentaleuropäische Hegemonie zu vermeiden.

    • Rolf Zach sagt:

      60 % des Außenhandels von Großbritannien werden mit Europa getätigt und sicher ist der Anteil von Europa an den Transaktionen des Finanzplatzes von London nicht kleiner. Das British Empire besteht nicht mehr, das Zeitalter der Entdeckung ist vorüber. Aber die Mehrheit der englischen Elite glaubt, sie könne die Herrlichkeit des British Empire wiederholen mit einem extrem neo-liberalen „Singapore on Thames“, weltweit für alle Geschäfte offen, ob anrüchig oder korrekt ist gleichgültig.
      Nur sollten sie das Beispiel Singapur tiefgründig untersuchen, dann würden sie merken, dass Singapur zuerst in Ostasien verwurzelt ist und nicht weltweit.
      Und diese Leute waren in Cambridge und Oxford, beide zählen zu den besten Universitäten der Welt.

      • Rolf Zach sagt:

        Unser Gottvater vom Berg im „Heidi-Land“ will ebenfalls unseren Wohlstand in der Nachfolge dieser Absicht der englischen Anti-EU Elite vermehren. Bei dieser Schweizer Vermehrung des Wohlstandes gilt aber der Satz für eine kleine Gruppe: Einige sind gleicher als gleich!

  • Anh Toàn sagt:

    Zuvorderst grüsst England bzw. das vereinigte Königreich auf französisch auf den Wappen: „Dieu et mon droit“ und „Honi soit qui mal y pense“. Seit 1714 sind die britischen Monarchen jedoch eDeutsche, zuerst das Haus Hannover bis Victoria, danach das Haus Sachsen-Coburg und Gotha.

  • Georg Ritter sagt:

    Herr Farage „hiess“ Farage? Weshalb „hiess“? Der Mann lebt noch immer. Ich bitte um mehr Präzision.

  • Lukas O. Bendel sagt:

    Der Artikel ist Hochinteressant: Insbesondere auch die Konotation, dass gerade wegen der familiären Wurzeln vieler die Ablehnung von Kontinentaleuropa bzw. Frankreich um so grösser ist (aber „Einwanderer“ müssen sich halt immer noch etwas nationalistischer benehmen um sich als „wahre Einheimische“ zu fühlen – ist ja bei Blocher nicht anders ;-).
    Zu korrigieren ist aber, dass Cinque Ports – etwas weniger anstössig – „sink poRts“ ausgesprochen wird.

  • Dario Maurer sagt:

    Der historische Teil ist interessant. Was soll aber der im Verhältnis viel zu lange Teil über Farage?

  • Max Berchtold sagt:

    Nun, die Briten hatten allen Grund. Schliesslich hatten die Normannen die Briten um 1000 nc überrannt. Insofern ist es Ironie, dass sich das vermischte Volk aus Briten und Normannen wieder gegen die Franzosen wappnen wollten. Ich empfehle hierzu die Netflix Serie Great British Castles, so geht Geschichte.

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