Die Seidenstrasse gab es nie

History Reloaded

An solche romantischen Bilder möchte die Chinesische Regierung mit ihrer «neuen Seidenstrasse» anknüpfen: Kamelkarawane in der chinesischen Provinz Xinjiang (1980). Foto: Tom Nebbia (Getty Images)

Die Seidenstrasse unserer Tage ist wie die Seidenstrasse in der alten Legende: Sie verändert die ganze Welt, aber kaum einer weiss, wohin sie führt. Heute trägt sie den technischen Namen «Belt and Road Initiative» und ist das gewaltigste Infrastrukturprogramm, das sich je einer ausgedacht hat: China will damit unserem Jahrhundert den Stempel aufdrücken. Sein Herrscher Xi Jinping kündigte den Bau der neuen Seidenstrasse vor genau fünf Jahren an, im Oktober 2013: Von Yiwu in Ostchina bis Mombasa und bis Duisburg sollen neue Grosshäfen, neue Strassen, neue Zuglinien entstehen, in rund 60 Staaten wird gebaut, mit Kosten, die am Ende über 4000 Milliarden Franken liegen werden.

Da geht es um Dominanz. Es geht um den Einfluss der neuen Weltmacht. Es geht um wirtschaftliche Dynamik. Lästerzungen sagen auch, dass es den Strategen in Peking eigentlich vor allem darum gehe, ihre aufgeblähte Bauindustrie andernorts zu beschäftigen. Doch wie trivial es auch sei: Die Chinesen schmücken ihre Vision mit dem wunderbaren Namen «Neue Seidenstrasse».

Denn Seidenstrasse – das klingt nach Karawanen im Abendlicht, die Gold und Silber, Samt und Seide, Weihrauch und Myrrhe zwischen Morgen- und Abendland hin- und herschaukeln. Weshalb der Begriff auch in der Tourismusindustrie gerne verwendet wird, um eher schwierige Destinationen zwischen Isfahan und Ulan Bator anzupreisen.

Viele Wege führen nach Rom – und nach China

Dabei gab es die Seidenstrasse gar nie. Die Historiker sind nicht in der Lage, solch einen Weg zwischen Asien und Europa genau festzumachen, der Begriff selber wurde erst 1877 von einem deutschen Geografen erfunden. Und doch muss es schon in ältester Zeit Routen gegeben haben, die von China ans Mittelmeer und zurück führten: Das Traumbild hat einen Grund. Es gibt Hinweise, wonach die Römer etwas vom chinesischen Grossreich ahnten, und die Chinesen wussten vom Imperium Romanum.

Blauäugig: Buddhistische Mönche – Wandgemälde in Xinjiang, Ostchina, ums Jahr 1000 n. Chr. (Bild: Wikimedia Commons)

Über zahllose Etappen gelangten bereits ein Jahrhundert vor Christus wertvolle Waren von der Kaiserstadt Xi’an über den Hindukusch und Persien an die Levante. Die Routen lassen sich oft nur dank einiger Fundstücke erahnen: eine aramäische Inschrift in Kandahar; Münzen mit dem Bildnis von Kaiser Konstantin, aufgetaucht in Xinjiang; ein blauäugiger Mann mit hellem Bart auf einem buddhistischen Wandbild.

Von vorchristlicher Zeit bis ins 14. Jahrhundert wogte nicht nur ein Gezeitenstrom der Güter über die Seidenstrassen, sondern auch der grossen Ideen. Mit dem Kupfer, dem Lapislazuli und den Stoffen kamen die Lehren von Buddha bis ins Bamiantal, kam das Christentum nach Nordindien, das Judentum bis in den Kaukasus, der Islam über die Levante hinaus.

Die Karawanenrouten verschoben sich oft und zogen ganze Städte hinauf und hinab – Mosul, Samarkand, Buchara. Als sich zum Beispiel ums Jahr 950 eine Hauptverbindung nach Norden verlagerte, begannen Nowgorod und Kiew zu glänzen, das Volk der Rus trat als Machtfaktor in die Welt; später übernahmen die Mongolen weite Gebiete dieses Strangs. Zeitweise stieg Bagdad, ideal gelegen am Tigris und zwischen wichtigen Wegen, zur wohl prachtvollsten Stadt der Erde auf.

Wo der Handel ist, da ist die Macht

Die Macht dieses Ost-West-Stroms der Güter wurde vielleicht besonders klar, als er schon an Bedeutung verlor. Das war, als die Europäer ihre eigene Seidenstrasse zu begründen begannen: durch ihre Schiffe, durch Männer wie Christoph Kolumbus, Vasco da Gama, Magellan. Die Grosssegler eröffneten nicht nur eine neue Welt, sie brachten auch eine neue Geschwindigkeit in den globalen Warenverkehr, obendrein neue Preise: Auf den Ozeanen konnten sie die vielen Zollstationen umfahren. Und so wurde ein gewaltiger Weg frei für die zuvor so randständigen Völker im Westen der Seidenstrasse. Europa wurde zum Zentrum der Welt.

Und jetzt? Die strategische Wirkung der «Belt and Road Initiative» ist kaum absehbar. Aber am Ende wird die neue Seidenstrasse den Wohlstand vieler Staaten direkter mit China verknüpfen. Und wenn die Völker der eurasiatischen Landmasse enger zusammenrücken, so mögen die Amerikaner wieder eher an den Rand geraten. Die Geschichte der Seidenstrassen zeigt jedenfalls, dass Warenströme stets auch Macht verteilen. Sie entscheiden mit, wo das Reich der Mitte liegt.

6 Kommentare zu «Die Seidenstrasse gab es nie»

  • Jürg Brechbühl sagt:

    In der äthiopischen Provinz Tigre und im angrenzenden Eritrea gibt es einen traditionellen Halsketten aus zwei Sorten von aneinandergereihten Perlen: geschmiedetes Silber und geschliffener Bernstein. Der Bernstein stammt von der Ostsee. Die ältesten Stücke kam in der Jungsteinzeit nach Äthiopien. Aus dem äthiopischen Hochland wurde das Harz des dort heimischen Weihrauchbaumes exportiert. Diese Handelsroute bestand bereits vor fast 5000 Jahren. Man sollte die Leute von früher nicht unterschätzen.
    Mit der Abzocke der Chinesen haben die frühen Handeslrouten nichts zu tun. Man sollte die realen Vorgänge rund um den Export von chinesischen Schrottbauten unterscheiden von den grossen Ankündigungen des Schissipinggu.

  • Claude Fontana sagt:

    Wenigstens schreibt ihr Fake-news noch als solche an.

  • Rolf Zach sagt:

    Die historische Bedeutung der Seidenstraße, d.h. der verschiedenen Wege zwischen Europa und dem Nahen Osten nach China war sicher immer von kommerzieller und dadurch auch politischer Bedeutung.
    Nur weiß die heutige Geschichtsschreibung praktisch nichts über die entsprechenden Umsätze auf den verschiedenen Wegen zu den verschiedenen Zeiten. Was bekannt ist, dass ab 1500 und noch mehr mit der Eröffnung des Suez-Kanals, der Weg über das Meer immer wichtiger wurde und die Bedeutung des Landweges, auch mit der Transsibirischen Eisenbahn seit 1900, immer mehr an Wichtigkeit verlor.
    Wir können auch der Rückgang der Wert-Umsätze daran ermessen, wann China die entsprechende Monopole an ihren Produkten verlor.

    • Rolf Zach sagt:

      Durch den Schmuggel von Seidenraupen ins Byzantinische Reich gelang es um 550 ebenfalls Seide im Nahen Osten herzustellen. Ferner verlor China im 18. Jahrhundert das Porzellan-Monopol und im 19. Jahrhundert das Tee-Monopol. War noch um 1800 Europa gegenüber China betreffend Handel im Defizit, was es durch Silber (Amerika) ausglich, war 50 Jahre später China im Defizit. Nur seit 1990 konnte China seine einstige Export-Stärke zurückgewinnen und hat heute Handelsbilanz-Überschuss gegenüber der Welt. Um diesen Überschuss zu erwirtschaften, war der Landweg nach Europa (die sogenannte neue Seidenstraße) irrelevant.

  • Rolf Zach sagt:

    Erstens, die Investitionen der neuen Seidenstraße des heutigen China sind eine gigantisches ökonomisches Fehlinvestition. China investiert nur aus politischen Gründen, um ihren Einfluss in Zentralasien zu verstärken und sonst bringt es kommerziell sehr wenig. Die chinesischen Exporte auf Container-Schiffen (auch durch den Suezkanal) nach Europa sind immer kostengünstiger als auf dem Landweg über die neue Seidenstraße und dies gilt auch umgekehrt. Denken wir nur daran, China und Europa betreffend Bahn Normalspur haben, aber alle Länder der ehemaligen Sowjetunion Breitspur.
    Kommt noch dazu, dass gegenwärtig die Container-Schifffahrt eine Krise durchmacht wegen Überkapazitäten und nur die allergrößten Container-Schiffe mit kleinem Gewinn unterwegs sind.

    • Christoph Bögli sagt:

      Das Ganze ist natürlich mehr politisch motiviert als ökonomisch. Die dahinter stehende Idee ist letztlich eine Art Marshallplan für Eurasien, mit welchem Wirtschaftswachstum und -entwicklung in den betroffenen Ländern gefördert werden soll primär zu Chinas Nutzen, d.h. um Absatzmärkte zu vergrössern, Überkapazitäten (Kapital wie Arbeit und Güter) abzuladen und ultimativ geopolitischen Einfluss zu gewinnen. Alleine die Kreditstruktur der ganzen Projekte treibt gerade ärmere Länder in die völlige Abhängigkeit von China. Angesichts dessen ist die Kosten-Nutzen-Rechnung natürlich kompliziert. Sicher ist, dass China mittelfristig auf jeder Ebene profitieren kann. Längerfristig sind aber auch die Risiken enorm, denn wer sich so positioniert, exponiert und überdehnt sich auch.

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