Europas Krieg nach dem Krieg

Der griechische Bürgerkrieg endete 1949, die Schätzungen gehen von 50’000 bis 150’000 Todesopfern aus. Foto: UIG via Getty Images

Als Deutschland am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation unterzeichnete, atmeten Millionen Menschen auf. Doch das Grauen war noch lange nicht zu Ende. Racheakte, Bürgerkrieg, Pogrome, Deportationen, Gefangenschaft, Vertreibungen und Flucht forderten in vielen europäischen Ländern Millionen von Toten. Das kriegsversehrte Europa, wo moralische Schranken und zivilisierte Formen des Zusammenlebens im Kampf ums Überleben oder politische Vorherrschaft keinen Platz mehr hatten, war zu einem «wilden Kontinent» geworden, wie der Historiker Keith Lowe treffend zusammengefasst hat.

Das Zusammenleben verschiedener Nationen auf dem gleichen Staatsgebiet schien vielerorts unmöglich. In den Jahren nach dem Krieg wurden deshalb die umfangreichsten ethnischen «Säuberungen» der Geschichte durchgeführt – mit Zustimmung oder sogar auf Druck der Siegermächte. 25 bis 30 Millionen Menschen wurden «entflochten».

«Repatriierungen» und «Säuberungen»

Ein Beispiel sind die ethnischen Konflikte zwischen Polen und Ukrainern, die nur mit einer massenweisen Umsiedlung lösbar schienen. Zwischen 1944 und 1946 wurden deshalb fast 800’000 Polen aus der sowjetischen Ukraine nach Polen umgesiedelt, weitere 400’000 aus Weissrussland und Litauen ausgewiesen. Mit sowjetischer Zustimmung «repatriierten» die Polen fast 500’000 Ukrainer aus Südostpolen, dem früheren Galizien, in die Ukraine.

Die grösste «Umsiedlung» betraf die Deutschen, die in den zuvor besetzten Gebieten lebten – oder in jenen Teilen des Reichs, die Deutschland nun abtreten musste, namentlich an Polen, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien oder die Tschechoslowakei. Über zwölf Millionen Deutsche wurden davongejagt. Hunderttausende wurden Opfer von denselben Brutalitäten, unter denen Millionen unter der Herrschaft der Nazis gelitten hatten.

Wie viele durch Hunger, Krankheiten, Tötungen oder Erschöpfung ums Leben kamen, ist umstritten. Die Zahlen reichen von 500’000 bis 2 Millionen.

Nun waren die Verhältnisse umgekehrt

Die Rache an der deutschen Bevölkerung, die in den einst besetzten Gebieten gelebt hatten, war fürchterlich. Nun waren die Verhältnisse umgekehrt: Millionen Deutsche wurden in Lager gesperrt, die teilweise mit den deutschen Konzentrationslagern vergleichbar waren. Gemäss einem deutschen Parlamentsbericht von 1974 wurden nach dem Krieg 200’000 Deutsche in polnischen Arbeitslagern interniert. Von ihnen sollen zwischen 40’000 und 100’000 umgekommen sein. Polnische Zahlen gehen von einer gegen zehnmal tieferen Todesrate aus.

10. Mai 1945: Auf dem Flugfeld von Bad Aibling in der Nähe von München waren mehr als 80’000 deutsche Soldaten, welche vor allem in den österreichischen Alpen in Kriegsgefangenschaft gerieten, auf engstem Raum zusammengebracht. Foto: Keystone/Str

Die deutschen Kriegsgefangenenlager waren häufig Todeslager gewesen; insbesondere unter russischen Soldaten war die Todesrate sehr hoch. Dass deutsche Kriegsgefangene deshalb keine bessere Behandlung erwarten durften, lag nahe. Das zeigt sich an der Todesrate in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern. Von den drei Millionen deutschen Soldaten, die während des Kriegs in sowjetische Gefangenschaft gerieten, starb etwa ein Drittel. Noch schlechter standen die Chancen der deutschen Gefangenen in jugoslawischen Lagern; hier starben über 40 Prozent, insgesamt 80’000 Personen.

Antifaschistische Gewaltexzesse

Umstritten ist die Zahl derjenigen, die in Kriegsgefangenenlagern der Alliierten starben. Während die einen Schätzungen von einigen Tausend ausgehen, kommen andere auf maximal 60’000 Tote. Insgesamt starben etwa 1,2 Millionen deutsche Kriegsgefangene in den verschiedenen Lagern.

Als in Italien mit dem Kriegsende die Faschisten besiegt waren, kam es in mehreren Städten zu Gewaltexzessen. In Mailand soll es in den ersten Tagen zu 500 Exekutionen gekommen sein, in Turin zu 1000 Rachemorden. Insgesamt sollen nach dem Krieg 10’000 bis 20’000 Faschisten oder Kollaborateure umgebracht worden sein. Auch in Frankreich übten die Gegner des faschistischen Vichy-Regimes Rache an den Nazi-Kollaborateuren – insgesamt etwa 9000 wurden exekutiert.

Der Antisemitismus wütete weiter

Sechs Millionen Juden hatten die Nazis umgebracht, Zehntausende überlebten die Konzentrationslager. Doch wohin sollten sie gehen? In ihren Herkunftsländern in Osteuropa herrschte weiterhin ein oft militanter Antisemitismus. Polen hatte vor dem Krieg die grösste jüdische Bevölkerung. Überlebende Rückkehrer waren nun gleichwohl nicht erwünscht. «Polen war das gefährlichste Land für Juden nach dem Krieg», schreibt Keith Lowe, der beste Kenner des Kriegs nach dem Krieg. Schätzungsweise 1500 Juden wurden in der Zeit der deutschen Kapitulation bis zum Sommer 1946 in Polen getötet.

Das schlimmste Massaker fand in der Stadt Kielce statt, als der Wahnsinn ausbrach wegen der falschen Anschuldigung eines Knaben, der behauptet hatte, ein ansässiger Jude habe ihn missbraucht. Dutzende von Juden, darunter Frauen und Kinder, wurden zu Tode geprügelt, gesteinigt oder erschossen. Am Massaker war die ganze Gemeinde beteiligt: Polizisten, Militär, Arbeiter, auch Frauen.

Der griechische Bürgerkrieg

In Jugoslawien hatte die mehrheitlich kroatische Ustascha mit Nazi-Deutschland kollaboriert. Nach dem Rückzug der Deutschen kam es im Frühling zu brutalen Kämpfen zwischen der Ustascha und den kommunistischen Partisanen. Gegen 60’000 Kollaborateure sollen in den ersten Tagen nach Kriegsende umgebracht worden sein. Weitere 10’000 Slowenen und Angehörige anderer Nationalitäten wurden ebenfalls Opfer der Partisanen.

In Griechenland gab es zwei fast gleich starke Fraktionen: Rechtsgerichtete Kollaborateure und Monarchisten auf der einen, der linke Widerstand auf der anderen Seite. Bereits während des Krieges kam es zu Gräueltaten und Terror auf beiden Seiten. Im Winter 1944/45 eskalierten die Auseinandersetzungen zu einem Bürger- und Klassenkrieg. Die Linke war überzeugt, dass mithilfe von britischen Truppen, die in Griechenland stationiert waren, eine rechte Diktatur und Monarchie errichtet werden sollte. Die Gegenseite befürchtete eine Diktatur nach stalinistischem Muster. Der Bürgerkrieg dauerte bis 1949, Schätzungen gehen von knapp 50’000 bis 150’000 Todesopfern aus.

Im Zweiten Weltkrieg waren schätzungsweise 50 Millionen Menschen ums Leben gekommen. Als Folge des Kriegs starben nochmals Millionen von Menschen, wegen Hunger, Krankheiten, Racheakten, Bürgerkriegen oder Pogromen. Diese Opfer gehen meist vergessen, in der irrigen Annahme, dass mit dem Kriegsende auch die Gewalt ein Ende hatte.

 

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