Die beste Geschichte des Jahres

Mitten im Kalten Krieg: Eine Mirage IIIs, aufgenommen über Alpnach am 19. Mai 1984. Foto: Keystone

Das Schöne an der Geschichte ist, dass sie hervorragenden Lesestoff bietet: 2017 brachte einen Wust an Werken, die unsere Vergangenheit frisch erweckten – spannend, berührend, erhellend. Hier eine kleine Auswahl von Büchern, die wir Ihnen besonders gern ans Herz legen.

Douglas Preston, «Die Stadt des Affengottes: Eine unbekannte Zivilisation, ein mysteriöser Fluch, eine wahre Geschichte», DVA

In Zentralamerika kursiert seit Jahrhunderten die Legende von einer «Weissen Stadt», die ein vergessenes Volk im Dschungel angelegt haben soll und die heute noch dort liegt, mit all ihren Reichtümern. Der Thrillerautor Douglas Preston begleitete 2015 eine Expedition, die in die unwegsamsten Urwälder der Miskitoküste von Honduras aufbrach: Flugaufnahmen mit einer neuen Fototechnologie hatten tatsächlich gezeigt, dass dort eine grosse Stadt gewesen sein muss – ja, gleich ein ganzes Netz von Siedlungen. Prestons Reportage zeigt, wie packend die Suche nach unseren Vergangenheiten bis heute ist.

Laura Cumming, «Der verschwundene Velázquez. Ein besessener Sammler, ein verschollenes Gemälde und der grösste Maler aller Zeiten», S. Fischer

Man weiss, dass das spanische Malergenie Diego Velázquez im Jahr 1632 ein Porträt des Königs von England, Charles I., anfertigte. Irgendwann in den Jahrhunderten danach verschwand das Bild. Aber 1845 sah ein kleiner Buchhändler aus Reading, England, bei einer Verramsch-Auktion ein Gemälde und war sicher: Dies ist der legendäre Velázquez. Er kaufte das Werk für 8 Pfund – und es zerstörte sein Leben. Die Kunstkritikerin Laura Cumming erzählt einen lebenslangen Kampf – eine packende Detektivstory über einen einsamen Liebhaber, über den genialen Velázquez, über dessen Wirkung und das Bild, von dem wir bis heute nicht wissen, ob es wirklich das richtige war.

Timothy Snyder, «Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand», C. H. Beck

Etwas haben wir Erdogan, Putin, vielleicht auch Trump zu verdanken: Sie lassen uns ahnen, wie zerbrechlich die Demokratie sein kann. Denn die Rechte des Volkes werden nicht mit einem Paukenschlag zertrümmert, meistens bauen machtbewusste Männer sie schleichend ab, verkleiden sie, verraten sie. Unter dem Eindruck aktueller Entwicklungen hat Timothy Snyder, Geschichtsprofessor in Yale und ein Kenner von Kommunismus und Faschismus, ein kleines Manifest veröffentlicht: Zwanzig Lektionen für uns alle. Zwanzig Schritte, die jeder einzelne ergreifen kann, um die Demokratie zu stützen und die Tyrannei aufzuhalten: «Verteidige Institutionen», «Achte auf gefährliche Wörter», aber auch: «Sei patriotisch.» Wir haben diese Liste hier bereits vorgestellt, inzwischen ist sie aber auch als Buch erschienen – unterfüttert mit historischen Fällen. Natürlich kann man sich in der soliddemokratischen Schweiz entspannt fragen: Was geht es uns an? Nichts direkt. Aber diese 125 Seiten bieten auch elegante Lektionen in den Mechanismen der Macht.

Julian Barnes, «Der Lärm der Zeit», Kiepenheuer & Witsch

Kein Geschichtsbuch, ein Roman. Und eigentlich ein Roman, der ein Leben erzählt: das Leben von Dmitri Schostakowitsch (1906–1975), dem grossen Komponisten der Sowjetunion. Barnes’ Geschichte dreht sich um die Zerstörung und Aufspaltung eines Geistes, der ab 1937 jahrelang darauf wartet, dass ihn die Henker des kommunistischen Diktators Stalin abholen, Nacht für Nacht. Und so erfahren wir mehr über die Perfidie der Macht als aus mancher Geschichtsanalyse.

 

J. D. Vance, «Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise», Ullstein

Kein Geschichtsbuch, eine Autobiografie: Es gibt nicht die Vereinigten Staaten, sondern es gibt viele Amerikas – diese alte Lektion erteilt uns J. D. Vance, indem er seine eigene Geschichte erzählt. Er wuchs auf bei typischen Hillbillys in Ohio und Kentucky, Nachfahren von Einwanderern aus Irland und Schottland. Das sind Menschen, denen die Idee des Fortschritts, des Aufstiegs, des Kapitalismus, ja der ganze amerikanische Traum völlig fremd ist. Sie neigten traditionell den Demokraten zu, aber jetzt wechselten sie ins Trump-Lager. Und zwar nicht, weil sie abgestiegen waren, nicht wegen Arbeitslosigkeit, nicht aus Rassismus und gewiss nicht wegen Verlustängsten: Mausarm waren die Hillbillys nämlich schon immer. Aber die Welt der – protestantischen – Elite ist ihnen vollends fremd geworden. Warum, erzählt diese grosse Geschichte in einem kleinen Familienleben.

Thomas Buomberger, «Die Schweiz im Kalten Krieg 1945–1990», Hier & Jetzt

Ein grosses Thema, das noch keiner en bloc aufgegriffen hat: In einem gescheiten Übersichtswerk stellt Thomas Buomberger die Frage in den Raum, weshalb die neutrale, kleine Schweiz den Antikommunismus eifriger kultivierte als andere westeuropäische Staaten. Die Erklärungen führen zurück in den Zweiten Weltkrieg und die mächtige Ideologie der «Geistigen Landesverteidigung» – und sie leiten weiter bis in Denkweisen von heute. Ein Buch über einen Ausschnitt, das viel darüber hinaus erklärt.

Konrad Stamm, «Minger – Bauer – Bundesrat. Die aussergewöhnliche Karriere des Rudolf Minger aus Mülchi im Limpachtal», NZZ Libro

Was hat uns das Leben eines Bundesrates aus dem frühen 20. Jahrhundert noch zu sagen? Im Fall von Rudolf Minger (1881–1955) noch allerhand. Das zeigt die Biografie von Konrad Stamm über das Urbild eines bodenständigen Politikers. Minger spielte die interessante Rolle eines Oppositionellen, der sich wunderbar mit dem Staat arrangierte, eines Volkstümlichen, der Macht errang, eines Bauern auch, der das Militär als Kern des Landes verstand. Wir lernen den Stammvater der heutigen SVP als die archetypische Figur der Schweizer Politik kennen, mit Zügen, die in ähnlicher Form bis heute immer wieder im Politikbetrieb aufscheinen.

Ute Frevert, «Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht», S. Fischer

Dieses Buch verfolgt ein machtvolles Gefühl: die Scham – und wie die Menschen dieses Gefühl immer wieder eiskalt benutzt haben, durch Demütigung, durch Akte der Entehrung, durch Beschämung. Diese Waffen gehören bis heute zum Alltag, ob an Medienprangern, beim Cybermobbing, im «Dschungelcamp» oder beim Gerangel zwischen Nordkoreanern und Amerikanern. Kleinste Ausrutscher können tödliche Folgen haben. Die Untersuchung der Neuzeit-Historikerin Ute Frevert zeigt sehr lange Entwicklungen auf. Und vor allem weckt sie das Bewusstsein und das Verständnis für eine unheimliche Kraft, die überall schlummert, ohne dass wir sie je richtig beachten.

Yuval Noah Harari, «Homo Deus. Eine kurze Geschichte von Morgen», C. H. Beck

Ein Geschichtsbuch ist das nicht, eher eine Utopie – aber sie wurzelt, wie andere Utopien auch, in einer Analyse der Vergangenheit. Die Menschheit hat die drei Hauptprobleme weitgehend besiegt, stellt der israelische Historiker Yuval Noah Harari fest: Hunger, Seuchen, Krieg. Das mag übertrieben wirken angesichts von dem, was uns jede «Tagesschau» bietet. Aber schon die Begründung dieser Feststellung ist interessant und glaubwürdig. Harari denkt nun aber weiter – und er folgert, dass wir uns neuen Hauptsorgen zuwenden werden, zum Beispiel: dem Glück, dem ewigen Leben, dem Umbau des Menschen. Am Ende könnte der Homo sapiens zu einem Übermenschen werden, zum «Homo Deus». Wie gesagt: Die präsentierten Aussichten sind diskutabel, wie stets bei solchen Werken. Die reichhaltige Herleitung aber führt uns wirklich weiter.

Daniel Schönpflug, «Kometenjahre. 1918: Die Welt im Aufbruch», S. Fischer.

Seit Florian Illies’ Bestseller «1913» häufen sich die Versuche, Geschichte zu greifen, indem man ein einzelnes Jahr herauspickt. Ein gelungener, ja schöner Fall ist «Kometenjahre» von Daniel Schönpflug. Der Geschichtsprofessor an der FU Berlin wählt das Scharnier des letzten Kriegsjahres 1918, und er nimmt dabei die Berichte und Lebenszeugnisse einer bunten Mischung von Menschen zur Hand, kleine und grosse, bekannte wie «Lawrence of Arabia», wie der spätere Ho Chi Minh oder der spätere US-Präsident Harry Truman, auch eine Bildhauerin wie Käthe Kollwitz oder die Kosakin Marina Jurlowa. Die vielen Ausschnitte, fein geschrieben, ergeben zusammen ein sehr klärendes Panoptikum.