Das Rätsel des schwarzen Mannes

Direkt am Tatort, dann verschwunden: Der Mann mit dem Schirm beim Attentat auf JFK. Foto: Pascal Le Segretain (Sygma, Getty Images)

Die amerikanische Regierung entsiegelt die letzten Geheimdokumente zum Mord an John F. Kennedy, Tausende bislang verschlossene Files kommen ans Licht. Diese Nachricht wärmte gleich wieder die kribblige Hoffnung, dass es bald Neues gibt über den sagenhaften Fall von Dallas: vielleicht endlich die Wahrheit, nichts als die Wahrheit.

Immerhin war der Mord an JFK jahrzehntelang das Mutterschiff aller Verschwörungstheorien. An wenigen anderen Ereignissen liess sich so schön verfolgen, wie solche Theorien entstehen, wachsen, wirken. Ein Staatsanwalt hat einmal vorgerechnet, dass mehr als 40 Organisationen und über 200 verschiedene Personen schon verdächtigt wurden, die wahren Übeltäter gewesen zu sein, von CIA bis KGB und weiter zu den Präsidenten Lyndon B. Johnson und George H. W. Bush.

Kleine Details, neue Wahrheiten

Warum diese Fantasie? Weil es offenbar bei himmelschreienden, aber völlig überraschenden Ereignissen einfach nicht sein darf, dass sie im Kern banal sind. Also drehen wir jedes Detail um, das uns eine andere, eine tiefere Realität verheisst.

Und das geht ganz einfach. Die Welt ist nämlich voll von schrägen Details, die plötzlich eine neue Wahrheit erzählen, wenn man diese Wahrheit nur entschlossen genug sucht. Dafür bieten uns die verwackelten Bilder des Mordes vom 22. November 1963 das allerschönste Beispiel. Da sehen wir nämlich: Genau in dem Augenblick, als die Schüsse fallen, fährt Kennedys Präsidentenlimousine an einem dunklen Mann vorbei, der einen schwarzen Regenschirm hochhält.

Dazu muss man wissen, dass es an jenem Tag warm und sonnig war in Dallas. Kein Mensch lief mit Mantel und Schirm herum. Weitere Aufnahmen aus anderer Perspektive zeigen, dass der «Umbrella Man» stocksteif dasteht und dann, als die Präsidentenlimousine heranrollt, plötzlich seinen Schirm aufspannt.

Der Mann blieb verschwunden

Und das, bitte schön, soll nichts mit dem Mord zu tun haben? Der vielleicht einzige Schirmträger in ganz Texas wartet ausgerechnet dort, wo die Schüsse auf den Präsidenten krachen? In einem langen schwarzen Mantel? Es war ja schon schwer genug, zu glauben, dass ein kleiner Typ namens Lee Harvey Oswald solo den amerikanischen Präsidenten per Fernschuss getötet haben soll. Oder dass ein kleiner Nachtclub-Besitzer bald darauf diesen Oswald niederknallen durfte, vor den Augen Dutzender Polizisten, einfach so.

Natürlich machten sich auch die FBI-Fahnder, kaum waren die ersten Filme entwickelt, auf die Suche nach der sonderbaren Figur – umsonst. Der «Umbrella Man» blieb verschwunden. Amerikas Profi- und Amateur-Fahnder konnten Hunderte Zeugen und Beteiligte ausgraben, doch der «Umbrella Man» schien wie vom Erdboden verschluckt. Und je länger dieses Rätsel offenblieb, desto stärker bestätigte es doch, welch unheimliche Mächte in Dallas gewirkt haben mussten.

Heute wissen wir: Hier bestätigte sich eher etwas anderes. Nämlich wie voll das Leben ist von schrägen, unauffälligen Kleinigkeiten, die plötzlich eine höhere Bedeutung bekommen, wenn wir ein Ereignis mikroskopisch genau untersuchen. Dann schaffen diese Fetzen plötzlich neue Zusammenhänge. Sie werden zum Teil einer anderen, grossen Erklärung.

Was war in München 1938?

Es ging bis zum September 1978, bis sich ein Mann bei der Kennedy-Untersuchungskommission in Washington meldete: Er heisse Louie Steve Witt, Versicherungsangestellter in Dallas, und sei der «Umbrella Man». Er lese ja regelmässig die Zeitung, aber irgendwie sei es völlig an ihm vorbeigegangen, dass halb Amerika 15 Jahre lang nach ihm gesucht habe (zur Aussage von L. S. Witt).

Doch weshalb die Aktion mit dem Schirm?, fragten ihn die verblüfften Politiker im Kongress. Er habe protestieren wollen, erklärte Witt. Nicht etwa gegen John F. Kennedy, sondern gegen dessen Vater: Joseph Kennedy hatte vor dem Zweiten Weltkrieg als US-Botschafter in London amtiert, wobei er auch die Appeasement-Politik unterstützte, mit welcher der britische Premier Neville Chamberlain den Nazis den Weg in den Zweiten Weltkrieg ebnete. Um die Erinnerung an diesen monströsen Fehler wach zu halten, spannte Witt seinen Schirm auf, als er Kennedy Junior nahen sah.

Das klingt heute recht verrückt. Und doch glaubten die Fahnder dem Mann. Einige erinnerten sich noch: Nachdem Neville Chamberlain im September 1938 von seinem Kriechgang zu Hitler zurückgekehrt war, hielten seine politischen Gegner, wo immer er hinkam, Regenschirme in die Luft – Chamberlains Lieblings-Accessoire. Der Wink mit dem Schirm setzte sich in den nächsten Jahren fort: Erst in England, dann teils auch in den USA signalisierte man damit einem Politiker, ein «Appeaser» zu sein, ein Weichling. Nach den Fünfzigerjahren ging das Signal dann wieder vergessen.

Wir können also entspannt warten, was die neuen Dokumente aus den National Archives nun als Licht bringen: Sie werden die offizielle Geschichte wohl kaum umschreiben. Oder glauben Sie nicht an solche Zufälle? Dann müssen Sie unbedingt mal nach der «Babushka Lady» googlen!

Ein Kurz-Dokumentarfilm der «New York Times» zum Thema: «Who Was the Umbrella Man?» von Errol Morris, 2011. Der Kennedy-Biograf Josiah Thompson erzählt.