Wo am meisten Menschen auf der Flucht waren

Rund eine Million Vietnamesen flüchteten nach dem Ende des Vietnamkriegs 1975 über das Chinesische Meer. Die Schweiz nahm einen Teil von ihnen auf. Foto: Fred Ihrt (Getty Images)

Letzte Woche wurde der Jahrestag der Trennung von Indien und Pakistan begangen – man erinnerte sich an die kolossalen Menschenströme, die vor siebzig Jahren von West nach Ost und von Ost nach West zogen; an die Millionen, die schnellstmöglich ihr Bündel packen mussten, von Pogromen bedroht, und meist mit wenig mehr als dem eigenen Leben davonkamen.

Es war ein Fingerzeig, dass enorme Völkerwanderungen ein Bestandteil der menschlichen Geschichte sind, seit je. Die wackligen Schlauchboote, die heute übers Mittelmeer ziehen und Sorgen wecken, stehen in einer langen, irritierenden Tradition.

So liesse sich im 20. Jahrhundert fast für jedes Jahr eine Fluchtbewegung festmachen, an der Hunderttausende teilnehmen mussten. In einer Auflistung der dramatischsten Ereignisse finden selbst bekannte historische Menschenzüge kaum noch Platz; darunter solche, die in der Schweiz stark spürbar wurden und dieses Land mitgeprägt haben. Zum Beispiel der Exodus aus Ungarn 1956 (200’000 Menschen flüchteten in den Westen), aus Tibet nach 1959 (circa 150’000 Flüchtlinge), aus der Tschechoslowakei 1968 (circa 160’000 Betroffene) oder von Tamilen aus Sri Lanka während des Bürgerkrieges (circa 200’000 Flüchtlinge).

Aber eben: Derzeit beschäftigt uns die aktuelle Fluchtbewegung nach Europa, auch bekannt als «Flüchtlingswelle». In Zahlen heisst das: 5,4 Millionen Menschen beantragten in den letzten neun Jahren Asyl auf dem Kontinent, Schweiz inklusive. Stellt man diese Zahlen ins Verhältnis zu anderen Migrationswellen, so wirken sie fast schon mässig – auf den ersten Blick. Allerdings hat man es hier mit einer womöglich beharrlichen Emigrationsbewegung zu tun, die eher mit der europäischen Auswanderung zu vergleichen wäre, die zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg nach Amerika führte. Die hier aufgelisteten grossen Fluchtbewegungen hingegen wurden durch präzise politische Katastrophen ausgelöst, durch Revolutionen, Kriege und Bürgerkriege. Sie konnten zwar ebenfalls jahrelang dauern – aber gewisse zeitliche Grenzen gab es.

Erster Weltkrieg: Die «Vertriebenen», Teil 1

Nach dem Ersten Weltkrieg verloren etwa 1,5 Millionen Deutsche ihre Heimat in Gebieten, die nach den Versailler Verträgen Polen zugeschlagen worden waren – sie flohen insbesondere aus dem sogenannten Polnischen Korridor um Danzig, mit dem die Siegermächte der jungen polnischen Republik Zugang zum Meer verschafften. Die meisten dieser Flüchtlinge zogen in die Weimarer Republik.

Russische Revolution: Der Exodus des Adels

Der Sieg der Bolschewiki nach der Revolution von 1917 trieb Abertausende Russen aus dem Land. Etwa die Hälfte waren Adlige – aber auch andere Personen, insbesondere aus dem Bürgertum, verliessen die neue Sowjetunion. Ihre Zahl wird auf rund 300’000 geschätzt, ihr Fluchtweg führte meist über Polen und Finnland, wobei sowohl in Paris als auch in Berlin grosse russische Exilgemeinden mit über 100’000 Flüchtlingen entstanden.

Türkei: Die Armenier waren nicht allein

Die als Völkermord an den Armeniern bekannt gewordenen Verbrechen wurden auch vom Exodus von Hunderttausenden Menschen begleitet, die sich in die Nachbarländer des Osmanischen Reichs zu retten versuchten. Nicht nur Armenier, sondern auch Griechen und aramäischsprachige Völker wurden unter der «Jungtürken»-Herrschaft zwischen 1915 und 1917 vertrieben, und die Untaten hielten auch nach dem Ersten Weltkrieg an.


Griechischstämmige Flüchtlinge verlassen Izmir, 1922. Foto: Wikimedia Commons

Ab 1920 wurden mehrere Hunderttausend Menschen zwischen Griechenland und der Türkei «ausgetauscht», sprich: vertrieben. Rund 1,5 Millionen Menschen mit griechischen Wurzeln zogen nach Westen, rund 400’000 Muslime nach Osten.

Zweiter Weltkrieg: Die «Vertriebenen», Teil 2

Nach dem Zusammenbruch des Nazireichs wurden insbesondere Deutsche aus Osteuropa verjagt – zumal sich teils ja auch die Grenzen verschoben und Deutschland enorme Gebiete in Ostmitteleuropa verlor. Etwa 15 Millionen Menschen wurden heimatlos und zogen auf den Trecks nach Westen. An diese Katastrophe – bei der rund 2 Millionen Menschen starben – wird insbesondere in Deutschland regelmässig als «grösste Völkerwanderung seit der Antike» erinnert. Im Schatten dieser Bewegung musten auch rund 1,2 Millionen Polen gegen Westen fliehen – weil der östlichste Teil der Republik der Sowjetunion zugeschlagen wurde.

Teilung Indiens: Die religiöse Spaltung, Teil 1

Fast zeitgleich zur monströsen Völkerwanderung in Europa geschahen tragische und blutige Massenfluchten auf dem indischen Subkontinent. 1947 wurde die britische Kronkolonie Indien unabhängig – und sofort aufgeteilt in ein mehrheitlich muslimisches Pakistan und ein mehrheitlich hinduistisches Indien. Nach heutigen Schätzungen mussten in den folgenden Monaten zwischen 12 und 15 Millionen Menschen ihre Heimat hinter sich lassen: Rund sieben Millionen Muslime wurden aus Indien vertrieben, ebenfalls etwa sieben Millionen Sikhs aus Pakistan verjagt.

Palästina: Exodus, Exodus, Exodus

Nach der Gründung des Staates Israel und dem nachfolgenden Palästina-Krieg müssen 710’000 Palästinenser – so die damaligen UNO-Angaben – ihre Heimat verlassen. Zeitgleich und in den Jahren danach ziehen oder fliehen 800’000 bis eine Million Juden aus allen arabischen Ländern nach Israel, nach Europa und in die USA.

Räumung eines Dorfes, 1948: Einwohner von Qumya verlassen ihre Heimat. (Bild: Wikimedia Commons)

In beiden Fällen gibt es bis heute hochpolitische Debatten darüber, was jeweils brutale Vertreibung, was Umsiedlungspolitik und was freiwillige Auswanderung war. Der palästinensische Exodus setzt sich im 20. Jahrhundert in diversen weiteren Wellen fort, sodass heute – Nachkommen inklusive – rund 5 Millionen palästinensische Flüchtlinge registriert sind, knapp die Hälfte davon in Jordanien.

Algerien: Fluchtwelle übers Mittelmeer

Der furchtbare, inzwischen fast vergessene Krieg um die Unabhängigkeit Algeriens dauerte acht Jahre, endete mit der Unabhängigkeit des nordafrikanischen Staates und versetzte insbesondere zwei Bevölkerungsgruppen in eine bedrohliche Lage: erstens europäischstämmige Siedler; zweitens Algerier, die den Franzosen (und insbesondere deren Armee) gedient hatten. Rund 1 Million sogenannte Pieds-noirs (Algerien-Franzosen) und 250’000 Harki (algerische Unterstützer) flüchteten übers Mittelmeer, die meisten fanden in Südfrankreich eine neue Heimat.

Teilung Pakistans: Religiöse Spaltung, Teil 2

Das muslimische Pakistan bestand ab 1947 aus einem Westteil (heutiges Pakistan) und einem Ostteil (heutiges Bangladesh). Die Bengalen im Osten fühlten sich vernachlässigt und diskriminiert. Als die Regierung in Islamabad den Wahlsieg der Unabhängigkeitsbewegung im Osten 1970 nicht anerkannte, entwickelte sich ein Guerillakrieg, begleitet von Pogromen, die sich stark auch gegen Hindus richteten.

Gegen 10 Millionen Bengalen sollen innert weniger Monate über die Grenze nach Indien geflüchtet sein – der Zustand bewegte das Riesenland zum Eingriff aufseiten der Guerilla. Der Terror entstand hier aus einer Allianz der westpakistanischen Armee mit islamischen Fanatikern, die sich gegen die eher säkulare Unabhängigkeitsbewegung und Bevölkerung richteten. Am Ende blieben rund 1,5 Millionen der geflüchteten Bengalen in Indien.

Vietnam: Massenexodus übers Meer

Der Vietnamkrieg der 1960er- und 1970er-Jahre war immer wieder von Fluchtbewegungen begleitet, insgesamt sollen 6 Millionen Vietnamesen in den ideologischen beziehungsweise antikolonialen Kämpfen ihre Heimat verloren haben. Zu einer konzentrierten Fluchtbewegung kam es nach dem Sieg des kommunistischen Nordvietnam im Jahr 1975. Gegen 2 Millionen Menschen verliessen das Land; hinzu kamen Kambodschaner, die ebenfalls vor einem kommunistischen Terrorregime flüchteten.

Nach schwankenden Schätzungen flohen zwischen 800’000 und 1,5 Millionen über das Chinesische Meer – die sogenannten «Boat People». Sie gelangten insbesondere nach Malaysia, Thailand, teils auch nach Hongkong; doch etwa eine Viertelmillion Menschen fanden auf dieser Flucht den Tod. Westliche Länder nahmen einen Teil der «Boat People» auf.

Afghanistan: Flucht vor dem Dauerkrieg

1979 marschierten Armeen der damaligen Sowjetunion in Afghanistan ein, um eine kommunistische Regierung zu stützen. Der nachfolgende Guerilla- und Bürgerkrieg trieb insgesamt 7 Millionen Personen in die Flucht, 5 Millionen davon verliessen das Land – die meisten davon zogen nach Pakistan oder in den Iran. Nach dem Abzug der Sowjets 1989 blieb die Lage chaotisch, später setzte sich in den Machtkämpfen das Islamistenregime der Taliban durch, und nach dessen Sturz 2001 folgten erneut Bürgerkriegszustände. Seit 2012 kehrten zwar jedes Jahr etwa 500’000 bis 1 Million Afghanen zurück, aber heute leben immer noch etwa vier bis fünf Millionen solcher Flüchtlinge im Iran und in Pakistan.

Ruanda: Erst Völkermord, dann Völkerwanderung

Bürgerkriege und Machtkämpfe in Afrika lösen immer wieder grosse Fluchtbewegungen aus. Eines der dramatischsten Beispiele ist der Exodus, der auf den Völkermord in Ruanda 1994 folgte. Nachdem die Massaker der Hutu-Mehrheit an der Tutsi-Minderheit zwischen 500’000 und 1 Million Opfer gefordert hatten, konnte eine Tutsi-Rebellenbewegung die Macht erkämpfen – worauf wiederum zwei Millionen Ruander, meist Hutu, das Land verliessen.

Sie zogen insbesondere ins damalige Zaire (Kongo) und nach Tansania. Ein grosser Teil siedelte bald wieder zurück. Aber in Zaire blieben Hunderttausende Hutu – insbesondere viele Täter. Dies wiederum veranlasste die ruandische Armee zu einer Intervention, die massgeblich dazu beitrug, dass Zaires Diktator Mobutu stürzte.

Jugoslawien: Strom nach Westeuropa

Der Zerfall Jugoslawiens beziehungsweise der sogenannte Balkankonflikt zwischen 1991 und 1995 (mit dem Kosovokonflikt 1999) löste eine der grössten innereuropäischen Menschenbewegungen aus. Gegen 750’000 Angehörige der verschiedenen verfeindeten Völker Jugoslawiens verliessen innert vier Jahren den ehemaligen Tito-Staat, wobei Deutschland mit Abstand der wichtigste Aufnahmestaat wurde – etwa die Hälfte der Flüchtlinge aus Südosteuropa kam hier an. Zweitwichtigstes Zielland war Italien.

Darfur: Vertreibung als Politik

Eine der grössten Flüchtlingsbewegungen des afrikanischen Kontinents wurde ab 2003 durch den sogenannten Darfur-Konflikt im Westen des Sudan ausgelöst: Die Kämpfe zwischen Rebellengruppen und der Zentralregierung trieben rund 2,5 Millionen Menschen in die Flucht, teils in abgelegene Gebiete innerhalb des Sudan selber, teils in den Tschad.

Flüchtlingslager im Tschad, 2005. Bild: Marc Knobil, Wikimedia Commons

Im Hintergrund steht der Verdacht, dass die Regierung – und insbesondere verbündete arabische Milizen – die Region quasi «säubern» und die schwarzafrikanische Bevölkerung vertreiben will.