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Das Mass ist voll

Nun gibt es auch in der Stadt Bern ein Oktoberfest. Aber dürfen überzeugte Stadtmenschen dort überhaupt hin? Wir haben es uns angesehen.

Wir wollen nicht immer in diesem Stadt-Land-Graben buddeln, aber es gibt wieder einmal besten Anlass dazu. Es ist ja wirklich nicht unsere Schuld, dass sich Leute vom Land eher dazu bereit erklären, sich zwischen Zeltwänden zu betrinken. Wenn Sie nun denken, wir lassen hier mal wieder ordentlich die Klischeekeule kreisen, dann täuschen Sie sich. Wir haben Belege. Nämlich die Ableger des grössten Volksfestes der Welt, das Oktoberfest.

Es gilt: Umso mehr Wiesen, desto mehr Wiesn. In den ländlichen Gebieten des Kantons gibt es einige Anlaufstellen, um dem Bayrischen Brauch zu frönen. So auch in Süri bei Bern. Dort wird schon seit 1991 sehr erfolgreich einen auf bayrisch gemacht. Das überrascht. Denn Süri ist etwa da, wo die Matzenriedstrasse aufhört. Und in dieser scheint man wenig Freude an Bräuchen zu haben, die von ausserhalb kommen. So prügelten dort kürzlich ein paar dubiose Typen auf Hausbesetzer ein, die es wagten die ländlichen Gepflogenheiten zu stören. Aber wenn es ums Saufen geht, scheint man da schon etwas toleranter zu sein.

Vom Erfolg auf dem Land angespornt, entschieden sich die Veranstalter, die auch schon Gaudi wie die Raiffeisen GV in Neuenegg oder den Medizinalkongress für Gastroenterologen in Interlaken organisiert haben, den Sprung in die Stadt zu wagen. Was sollen Sie nun als ausgeprägter Stadtmensch davon halten? Natürlich könnte ein selbstgerechter Schlägertrupp zusammengetrommelt werden oder Sie besinnen sich auf urbane Offenheit. Wir haben uns für letzteres entschieden und uns das Geschehen von Nahem angeschaut.

Die Veranstalter scheinen gewiefte Marketingprofis zu sein. Denn die drei Festzelte des stadtbernischen Oktoberfests stehen direkt vor der Postfinance-Arena, dem Eishockeytempel des SC Bern. Das ist insofern clever, weil der typische SCB-Fan Oktoberfest-Anlässe bereits aus seinem Heimatdorf kennen sollte. Tatsächlich gesellen sich dann auch ein paar von ihnen unter die Feiergemeinde. Man erkennt sie am Fan-Schal und daran, dass sie sämtliche Oberleibs-Bekleidung um den Bauch binden, sofern die Spannweite der Kleidungsstücke den Wampenumfang überragt.

Die Kleidungsstile beschränken sich aber nicht nur auf SCB-Casual. Da gibt es Typen in Schlabber-Shirts, die genug Bewegungsfreiheit garantierten, um sich in Windeseile eine neue Flasche zwischen die Lippen zu stöpseln. Es gibt Business-Leute auf Abwegen. Und natürlich die Trachtenträger. Letztere lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: Traditionalisten und Partypeople. Die Aufmache der Traditionalisten lässt kaum daran zweifeln, dass sie einwandfrei Waldhorn spielen können und wahrscheinlich einen Dackel mit vorzüglichen Manieren besitzen. Die Partypeople, deutlich in der Überzahl, erkennt man daran, dass es ihnen nicht so wichtig zu sein schien, dass traditionelle Bayrische Kleidung kaum pink oder neonfarbig gefärbt ist.

Zum Festbetrieb: In drei Zelten gibt es Essen, Bier und Livemusik. Nur eines ist am Donnerstag für Besucher ohne Platzreservation zugänglich. In diesem spielt das Österreichische Trio Wirbelwind. Sie kennen die sicher. Vielleicht waren Sie an einem Ihrer Konzerte für die Landjugend Gossau oder den Verkehrsverein Brig. Die erprobte Partyband zeigt dann sogleich, was sie drauf hat und kündigt einen «fetzigen Polka» an, der nach einer Wiederholung all ihrer zuvor gespielten Liedern klingt. Dabei grinsen die drei Männer so fest, als würde es um ihr Leben, oder noch wichtiger, die nächste Tönung ihrer blondierten Haare, gehen.

Gute Laune scheint oberstes Oktoberfest-Gebot zu sein. Ob der Anlass tatsächlich ein Treffen der glücklichsten Menschen der Welt ist oder ob die hohe Trinkgeschwindigkeit den Besuchern ein Lächeln auf die Lippen zaubert, lassen wir offen. Das Bier sorgt zumindest dafür, dass noch vor Sonnenuntergang Herrenhemden immer offener getragen werden und sich erste Hände unter hochgerutschte Säume von Dirndlröcke verirren. Das Mass ist voll.

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 5. September 2014

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3 Kommentare

  1. C. Schenk says:

    Das heißt “die Maß” bzw. “die Mass”, wenn Sie auf den Bayrischen Bierkrug anspielen.

  2. Marianne says:

    Ich geh davon aus, dass der geneigte Bundleser nicht zu dieser Sorte Leute gehört. Ansonsten würd ich mir mal Gedanken machen, wieso die Auflage eures Blattes so klein ist. Na ja, mit Diffamierungen der primitivsten Art gewinnen Sie weder neue Leser noch einen Blumenstrauss. Cheers

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  1. C. Schenk says:

    Das heißt “die Maß” bzw. “die Mass”, wenn Sie auf den Bayrischen Bierkrug anspielen.

  2. Marianne says:

    Ich geh davon aus, dass der geneigte Bundleser nicht zu dieser Sorte Leute gehört. Ansonsten würd ich mir mal Gedanken machen, wieso die Auflage eures Blattes so klein ist. Na ja, mit Diffamierungen der primitivsten Art gewinnen Sie weder neue Leser noch einen Blumenstrauss. Cheers

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