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  • Mit der Tasse beim Hirsch.

  • Ausblick von der zweiten Etage.

  • Das Märitbeizli beim Münsterplatz.

  • Das gekaufte Getränk.

Glühende Vorweihnachtszeit

Die Stadt glüht in der kalten Vorweihnachtszeit, dank dem Glühwein, der das Treiben auf zwei Berner Plätzen bestimmt.

Wem gehört die Innenstadt? Derzeit ganz und gar dem Weihnachtsschmuck, den Weihnachtsbäumen und den Weihnachtseinkäufern, die sich seit der Eröffnung der beiden Weihnachtsmärkte auch auf dem Münster- und dem Waisenhausplatz austoben dürfen. Integraler Bestandteil der vorweihnächtlichen Einkaufsausflüge scheint dabei der Konsum eines unklar zubereiteten Getränkes zu sein, das Wärme spendet, betrunken macht und sich auch hier auf dem Vormarsch befindet. Denn der Glühwein ist der Taktgeber der beiden Märitbeizen (wie auch am schönen 1. Adventsverkauf in den Nebengassen der Altstadt, an dem vom weissen Glühwein bis zum Glühmost mancherlei Varianten verköstigt werden konnten.)

Unsereiner konzentrierte sich aber auf die Hotspots des Glühweinkonsums und orderte im von der SCB-Sportgastro-Gruppe betriebenen Märitbeizli auf dem Münsterplatz einen Depotbecher des Getränks. Heiss und dünnflüssig war dieses, der Alkoholgehalt hinterliess im Gaumen einen grellen Geschmack, einer, der mir den definitiven, online leider nicht zugänglichen Glühwein-Artikel aus der «Süddeutschen Zeitung» von vor einem Jahr in Erinnerung rief. «Die rote Gefahr» hiess dieser, und in diesem stand unter anderem folgender bemerkenswerter Satz: «Was muss ein Wein verbrochen haben, damit man ihn bis auf 75 Grad erhitzt, Zucker und Gewürze reinkippt und mittelalterliche Stadtsilhouetten aufs Etikett knallt?» Glücklich an der Münsterplatz-Version: Die mittelalterliche Stadtsilhouette fehlte. Unglücklich an der Testausgangslage: Nachbestellen zählte nicht – und spätestens beim zweiten Becher hätte es ja dann auch nichts mehr zu mäkeln gegeben.

Und so zottelte ich weiter auf den Waisenhausplatz. Hier ist der grössere der beiden Weihnachtsmärkte zu finden, der dieses Jahr die vermutlich erste zweistöckige Beiz der Berner Weihnachtsmarktgeschichte auffährt. Ein Hirsch prangt an der Fassade der Jagdhüttenfälschung, unten dampft der Glühwein und das Raclette, zudem finden sich diverse Wurstwaren sowie Austern im Angebot des «Platzhirsch».

Der Glühwein wird hier in einer blauen, mit einem Bern-Bild versehenen 5-Franken-Depottasse gereicht, das Getränk erscheint dickflüssiger und würziger als das Pendant am Münsterplatz. Ja, da könnte ich mich dran gewöhnen, wenn mir denn der Glühwein als Getränkekonstrukt sympathischer wäre.

Vom zweiten Stock aus überblicke ich mit meiner Tasse den Weihnachtsmärit, an dem unter vielem Didgeridoos, Hängematten und Handschuhe zum Kauf feil geboten werden, und denke, ob der Masse an Leuten, die sich dem glühenden Getränk hingibt, noch einmal zurück an den SZ-Artikel. «Glühwein hat die Macht», heisst es dort, «Büromenschen an einen pedalbetriebenen Tisch für 16 Personen zu zwingen, mit dem sie bei drei Grad unter null singend durch deutsche Innenstädte fahren». Wieder zu Hause, suche ich ein paar Bilder dieser «Glühwein-Bikes», und mir schauert: Es wird wohl nicht mehr allzu lange dauern, bis diese Velos in der Stadt der Rikschas und der Segways ihre Runden drehen werden – «als geselliges Warm-Up für Ihre Weihnachtsfeier».

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Noch bis am 29. Dezember: Der Weihnachtsmarkt auf dem Waisenhausplatz.
Noch bis am 24. Dezember: Der Weihnachtsmarkt auf dem Münsterplatz.

Benedikt Sartorius

Benedikt Sartorius lebt seit dem Transfer aus dem Oberland in Bern und hat seit einiger Zeit Frieden mit der Stadt geschlossen. Eine gewisse Neigung zum Sandstein- und Laubenallergiker ist aber immer noch spürbar.


Publiziert am 3. Dezember 2012