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Im Tea-Room (3): Café Black

In einer sich rasend schnell verändernden Welt erhält das Altbewährte einen ganz neuen Wert. Zum Beispiel: Tea-Rooms und Canapés. Das Café Black bietet zum Glück beides.

Und plötzlich stellt man an sich selbst ungeahnte konservative Tendenzen fest. Etwa, wenn der Arbeitgeber aus Kostengründen die Kantine streicht. «Primeur», so hiess die Verköstigungsstätte für Angestellte im Tamedia-Gebäude am Dammweg 9, ist seit letztem Freitag geschlossen. Natürlich, der Gewinndruck in der Medienbranche. Aber diese Absage an das leibliche Wohl der Lohnbezüger zeitigt eigenartige Folgen: Wenn sich Dinge rasant verändern, besinnt man sich gern auf alte Werte. Auf das das Gestrige, das Beständige. Wohin also mit diesen plötzlichen reaktionären Gedanken? Ein Ja zur Ecopop-Initiative steht freilich nicht zur Debatte, doch irgend eine Ersatzhandlung muss her. Und der Hunger will auch gestillt sein.

Also auf in eine der «trendimmunen Kapseln», die Bern zu bieten hat – auf ins Tea Room. Ein besonders schönes Exemplar findet sich an der Amthausgasse 4. Das Café Black bietet alles, was man landläufig in einem Tea-Room vorfinden möchte: Kafi-Gipfeli-Combos, eine tüchtige Service-Angestellte mit Schürze, gut genährte Hunde von übersichtlicher Schulterhöhe, die auf die Tellerränder ihrer Besitzerinnen spähen. Und natürlich Canapés.

Der Tea-Room-Klassiker belegtes Brötchen schlägt hier mit je 6.50 Franken zu Buche, was im Vergleich zum Mittagsmenu für 15.50 doch ansehnlich ist, zumal man ja zwei Canapés bestellen muss, um einigermassen satt zu werden. Schräg gegenüber bestellt eine Dame das Fleischkäse- und das Sellerie-Ananas-Canapé. Eine andere setzt auf Thon und Eiersalat als Belag. Liesse sich anhand der Canapé-Wahl ein Psychogramm des Gasts erstellen? Im gedämpften Gewusel des gut gefüllten Lokals kommen solche Betrachtungen ganz natürlich angeflogen. Wir verscheuchen sie und bestellen einmal Curry-Sellerie und einmal Schinken.

Es ist Mittag. Vor dem Lokal, an den Tischen unter der Laube, bestellen erste Gäste ein Apéro. Es liesse sich auch länger verweilen hier, wo sich in den 80er Jahren die Berner Jugend Liebesbriefe von Tisch zu Tisch schickte. Ältere Semester dürften sich an diese Art der Abendunterhaltung erinnern. Inzwischen ist der «Postillon d’amour», wie die Veranstaltungsreihe hiess, natürlich Geschichte. Das Hauptgeschäft findet nun am Mittagstisch statt.

Das halbe Sandwich kommt, es mundet. Es wurde kurz vor dem Servieren von Hand dekoriert, mit Petersilie, Zwiebelring und Essiggurke. Dass es hier keine Sülze gibt, die den Belag auf dem Toast festkittet, erstaunt uns. Wir sind aber nicht unglücklich darüber, der wabblige Gelee wird gemeinhin überbewertet. Es scheint, als sei die Tea-Room-Branche doch nicht ganz gefeit vor Neuerungen, und sei es nur in der Aspik-Abteilung.

Die Hauptstädter-Redaktion


Publiziert am 5. November 2014

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2 Kommentare

    • Hanna Jordi says:

      Normalerweise würde ich Ihnen als Kochkapazität jederzeit recht geben, Frau Kretz. Normalerweise. Heute sage ich in Sachen Sülze: Wenn schon Knochen verwerten, dann doch lieber einfach Mark essen. Auf Brot. Mit etwas Salz.

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    • Hanna Jordi says:

      Normalerweise würde ich Ihnen als Kochkapazität jederzeit recht geben, Frau Kretz. Normalerweise. Heute sage ich in Sachen Sülze: Wenn schon Knochen verwerten, dann doch lieber einfach Mark essen. Auf Brot. Mit etwas Salz.

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