Das Vermögen erhalten oder geniessen?

Unser Geldberater erklärt die Vor- und Nachteile der beiden Anlagestrategien für Senioren.

Schluss mit Horten! Wenn Kursschwankungen nicht mehr relevant sind, lässt es sich lukrativ investieren. Foto: iStock

Ich bin 78 Jahre alt, verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Mein Vermögen teilt sich wie folgt auf: Eigenheimbesitz, 1,2 Millionen Franken Wertschriften in Obligationen, Aktien, Aktienfonds und strukturierte Produkte sowie 0,9 Millionen Franken in Cash verteilt auf verschiedene Banken, wobei keine Position 200’000 Franken überschreitet. Die zukünftige Vermögensaufteilung ist testamentarisch geregelt. Der Cash-Bestand hat sich angehäuft, weil ich in Anbetracht der hohen Indexwerte und meiner doch nicht mehr zu langen Lebenserwartung vorsichtig geworden bin. Wie würden Sie in meiner Situation mit dem Cash verfahren? H. J.

Sie müssen sich auch im Alter überlegen, wofür genau Sie Ihr Vermögen einsetzen möchten. Ist es Ihr Wunsch, dass das Vermögen weiter anwächst oder zumindest im bisherigen Umfang erhalten bleibt? Oder möchten Sie heute schon – also noch zu Lebzeiten – einen Nutzen aus dem Vermögen haben?

Falls es Ihr Wunsch ist, dass das Vermögen sicher nicht abnimmt, kann ich Ihre Vorsicht verstehen: Die Aktienmärkte sind in den letzten rund zehn Jahren tatsächlich stark gestiegen, und viele Einzeltitel weisen eine stolze Bewertung auf.

Wenn die Gewinne der Unternehmen im Zuge eines Konjunkturabschwungs nicht mehr steigen, sondern sogar deutlich abnehmen, sind die Bewertungen bei vielen Börsenfirmen auf dem aktuellen Niveau kaum mehr gerechtfertigt. Im Klartext: Dann drohen Kursverluste. Auch bei sicheren Obligationen in Schweizer Franken ist nicht viel zu holen.

Zudem sind wir an den Märkten mit vielen Unsicherheitsfaktoren konfrontiert. Dazu zählen der nach wie vor ungelöste Handelsstreit zwischen den Supermächten USA und China, Schuldenberge in vielen Staaten, der Brexit, der Austritt von Grossbritannien aus der EU, die Konjunkturabkühlung weltweit und viele geopolitische Risiken. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es trotz der weiter lockeren Geldpolitik der Notenbanken über kurz oder lang zu heftigen Korrekturen an den Märkten kommt.

Daher kann ich gut nachvollziehen, dass Sie sich mit Neuengagements in letzter Zeit zurückgehalten haben. Denn Korrekturen würden bedeuten, dass Ihr Vermögen aufgrund von Buchverlusten zeitweise abnimmt.

Falls Sie aber das Ziel haben, aus dem Vermögen mittels Erträgen noch zu Lebzeiten einen Nutzen zu ziehen, sieht die Sache anders aus. Dann spielen Kursschwankungen und Marktkorrekturen eine kleinere Rolle. Solange Sie die Aktien einfach behalten, können Ihnen Schwankungen egal sein. Sie müssen es nur psychologisch aushalten können.

Auch die Schwankungen beim Vermögen als Ganzes können Ihnen egal sein, denn Sie sind an den Erträgen und nicht an einem Wertzuwachs der Kurse interessiert.

Bei dieser Ausgangslage würde ich den Grossteil Ihrer Cashbestände breit diversifiziert in Aktien mit hoher Dividende investieren. Beispiele dafür sind Aktien wie Nestlé, Swisscom, Swiss Re, Zurich, Swiss Life, Helvetia, Novartis, Roche, LafargeHolcim oder Adecco. Mit solchen Papieren erreichen Sie derzeit Dividendenrenditen von zwei bis über fünf Prozent. Zwar sind auch Dividenden nie garantiert. Die Chance ist aber gross, dass Sie mit solchen Titeln auch künftig eine anständige Rendite erzielen.

Der Pluspunkt liegt meines Erachtens vor allem darin, dass Sie noch zu Lebzeiten selbst etwas von Ihrem Vermögen haben und das Geld nutzen können. Der Preis dafür ist, dass Sie mit unter Umständen heftigen Kursschwankungen leben müssen. Sie müssen sich selbst überlegen, ob Sie dennoch gut schlafen können, und auf die Diversifikation in Ihrem gesamten Portfolio achten, was wichtig ist. Sie dürfen keine Klumpenrisiken haben.

Immerhin ist eine solche Dividendenstrategie aus meiner Sicht besser, als wenn Sie einfach derart hohe Cashbestände halten, wie Sie es tun. Mit diesen generieren Sie keinen Ertrag. Im Gegenteil: Unter dem Strich verlieren Sie auf diesen unter Berücksichtigung selbst der tiefen Jahresteuerung und der Gebühren sogar stetig an Geld.

18 Kommentare zu «Das Vermögen erhalten oder geniessen?»

  • Fritz Kunz sagt:

    Prüderie ist eine Art von Geiz, die allerschlimmste. Ein Geiziger kann nichts nützlicheres und besseres tun, als wenn er stirbt. Es gibt Leute, die geizen mit ihrem Verstand wie andere mit ihrem Geld. Die Geizigen sind den Bienen zu vergleichen: sie arbeiten, als ob sie ewig leben würden.

  • Pan Flöte sagt:

    Schon mal an Schenkungen an Ihre zukünftigen Erben gedacht? Oder müssen diese solange warten, bis Sie das Zeitliche segnen, werter H. J.?

    Verschenken Sie heute einen Teil Ihres Bargeldes und verprassen Sie die Dividende Ihrer Aktien. Auf diese Weise hat jeder was von Ihrem Geld, und zudem stehen Sie schon zu Lebzeiten als Held da.

  • Sven Hauri sagt:

    Der Sparsame spart fürs Leben, der Geizige für den Tod. – Andreas Tenzer

    • Amanda Goldberg sagt:

      Nie gelebt, dafür ein großes Vermögen angehäuft, einfach bedauernd-und bemitleidenswert.
      Und jetzt noch „GRATIS“ Tipps einholen.
      Da kann man nur den Kopf schütteln.

      • Meier sagt:

        Wunderbar, Amanda, den Nagel auf den Kopf getroffen…Ich kenne solche, welche zwar viel Geld haben, aber nur schon mit UBS/CS Verluste von 1 Million in den Büchern haben. Dies gibt Ihnen bis zum Tode schlaflose Nächte, über die anderen Kursgewinne können sich diese schon gar nicht mehr freuen. Und die Kinder warten oft mit grosser Ungeduld auf das Erbe. Davor müssen aber noch etliche Besuche abgestattet werden. Danach gibt’s die lang gewünschte Eigentumswohnung oder das Haus. Mit diesem Lebensentwurf leben viele Leute hier in der CH.
        Kein Wunder, man hat ja keine anderen Sorgen.
        Genau wie jene, welche zu Lebzeiten nie Blumen schenken, aber am Grab den grössten Kranz niederlegen…Wünsche frohes Wochenende!

  • Anh Toàn sagt:

    „Bei dieser Ausgangslage würde ich den Grossteil Ihrer Cashbestände breit diversifiziert in Aktien mit hoher Dividende investieren. “

    Echt jetzt? All-In als Empfehlung? – Weil es keine Alternativen gibt? (Cash ist immer eine Alternative, manchmal auch die beste, auch ohne Zinsen, insbesondere Cash in einer harten Währung wie dem CHF)

    • Anh Toàn sagt:

      Breit diversifiziert, alles in Aktien mit hoher Dividendenrendite: das ist keine breite Diversifikation, da ist ein Klumpenrisiko, in den Aktien mit hohen Dividendenrenditen sind die ganzen zittrigen Hände die eigentlich Zinsli picken wollen und dann kalte Füsse bekommen: Es ist auf alle Fälle ein Klumpenrisiko!

      Sind dann die Dividenden der Dividendenperlen auch bei 1.5% anbelangt, wird empfohlen, alles in Wachstumstitel zu investieren, aber selbstverständlich breit diversifiziert.

      Alles aufs mal in Ähnliches, aber bitte diversifizieren!

      • Anh Toàn sagt:

        „Auch die Schwankungen beim Vermögen als Ganzes können Ihnen egal sein, denn Sie sind an den Erträgen und nicht an einem Wertzuwachs der Kurse interessiert.“

        Aber geht’s abwärts, könnte er mehr Aktien, sprich mehr zukünftige Erträge kaufen, an denen er doch interessiert ist, wenn er noch etwas Pulver trocken gehalten hätte.

        Mich interessieren langfristige Gewinne / Erträge, kurzfristige Verluste schmälern diese erheblich. Die sind nicht egal, so zu denken ist dumm!

        Ich habe auch kurzfristig lieber Gewinne und mag keine Verluste. Ganz ehrlich jetzt!

      • Anh Toàn sagt:

        Mit dem Argument der Langfristigkeit müsste man eigentlich nicht defensive Titel (Dividendenperlen) empfehlen, sondern Wachstumstitel: Nasdaq 100 statt Swiss Re und Nestle:

        Die Kursschwankungen sind ja egal, gemäss Kapitalmarktheorie ist höheres Risiko auch grösserer Ertrag (die Formel gilt auch umgekehrt), auf lange Frist verdient man mehr, je mehr Risiken man eingeht, solange einem die Risiken kurzfristig nicht ruinieren. (Zur Deckung von Rückzügen kann man ja auch mal ein paar Aktien verkaufen, Dividenden müssen nicht sein.)

  • Dietmar sagt:

    Was eine beispiellos nutzlose Fragestellung: mit 78 Jahren wohin mit dem Geld. „junge“ geniess die paar Jahre noch

  • Markus Schwager sagt:

    Solche Probleme möchte ich auch haben…

  • Martin Leu sagt:

    „Oder möchten Sie heute schon – also noch zu Lebzeiten – einen Nutzen aus dem Vermögen haben?“
    Mhm, was soll ich jetzt wohl machen? OK, ich werde mein Vermögen nutzen wenn ich tot bin.
    Herr Spieler, ihre „Geldberatung“ hat inzwischen den absoluten Tiefpunkt erreicht.

    • Anh Toàn sagt:

      Iss ein Geldberater, kein Lebensberater, der die, so würd‘ ich es nennen, „herrschende Meinung“ vertritt und einfach verständlich zusammenfasst.

      Wenn schon Kritik: Mir fehlt ein wenig der eigene Standpunkt, irgendwie bezweifle ich, dass er selber genau so anlegt, wie er es hier verkündet. Keineswegs gegenteilig, ich vermute keinen Shorty in ihm, aber mir fehlt ein persönlicher Touch, er ist zu sehr in der Mitte der Strasse.

    • Anh Toàn sagt:

      @Martin Leu “ OK, ich werde mein Vermögen nutzen wenn ich tot bin.“

      Eine mir persönlich sehr wichtige Erkenntnis: Die Angst, das Geld reiche nicht, ist in erster Linie keine Funktion des Vermögens, sondern des Alters: Je älter, desto Angst: Und darum spart man aufs Alter und ist man alt, hat man Angst es reiche nicht und spart weiter: Wer nicht mal in der Jugend die Kohle raushauen kann, kann es im Alter kaum besser. Und die Erben machen weiter damit, die sind auch schon alt meistens, bei der heutigen Lebenserwartungen.

    • Pan Flöte sagt:

      „Oder möchten Sie heute schon – also noch zu Lebzeiten – einen Nutzen aus dem Vermögen haben?“

      Ja, das ist der Lacher des Monats! Ich nehme an, dass Martin Spieler vermeiden wollte zu sagen: „Geniessen Sie das Leben, denn bald ist es vorbei.“

  • Fabian Berger sagt:

    Bitcoins, Bitcoin Cash, Litecoin, Ripple…es gebe noch viele Möglichkeiten

  • Lina More sagt:

    Einige Vorkommentatoren haben dies zwar schon aufgegriffen… Aber die Aussage

    „Oder möchten Sie heute schon – also noch zu Lebzeiten – einen Nutzen aus dem Vermögen haben?“

    ist wirklich unbezahlbar! Wann sonst, als zu Lebzeiten, soll man denn einen Nutzen aus dem Vermögen haben? Dieser sowieso sehr repetitive Blog wird allmählich zur Lachnummer.

Kommentar

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