Wer jetzt noch kauft, braucht gute Nerven

Soll man wieder Aktien kaufen, wenn man zu früh ausgestiegen ist? Die Antwort hängt vom Zweck der Anlage ab.

Unternehmen, die viel Dividende ausschütten, sind auch interessant, wenn die Aktienkurse nicht mehr steigen: Logo vor einer Nestlé-Fabrik in Tutbury, Grossbritannien. Foto: Getty Images

Ich verfolge Ihre Empfehlungen schon seit Jahren. Sie sind für mich sehr glaubwürdig. Ich habe aber leider Anfang 2019 meine Aktien verkauft. Jetzt habe ich 150’000 Franken übrig, um in Aktien zu investieren für 5 bis 8 Jahre. Ich bin 74-jährig. Ich möchte weder Obligationen noch Anleihen – davon verstehe ich nichts. Was würden Sie empfehlen? E.B.

Mit Ihrem frühzeitigen Verkauf Ihrer Aktien Anfang Jahr haben Sie leider das traumhafte Börsenjahr 2019 verpasst. So wie Ihnen ist es vielen anderen Anlegern gegangen: Entweder sind sie zu früh ausgestiegen oder aber gar nie eingestiegen, weil sie zu Recht feststellten, dass die Märkte mit zahlreichen Unsicherheitsfaktoren wie dem Handelsstreit, der sich abschwächenden Konjunktur oder den riesigen Schuldenbergen konfrontiert sind.

Doch statt einer Korrektur haben wir an den Börsen einen Rekord nach dem anderen gesehen. Darüber, dass Sie zu früh ausgestiegen sind, sollten Sie sich nicht ärgern. Das perfekte Timing findet man als Investor fast nie – und wenn, dann ist es meist ganz einfach Glück gewesen. Im Nachhinein ist immer alles klar, und man weiss genau, was man hätte tun sollen. In der Realität aber trifft man den Kaufs- oder Verkaufszeitpunkt bei Wertschriften meist nicht perfekt.

Sie sind in der gleichen Situation wie etliche Anleger, die ebenfalls auf hohen liquiden Mitteln sitzen. Viele haben in den letzten Wochen und Monaten trotz vielleicht unguten Gefühls doch noch gekauft. Wohl aus Verzweiflung, weil sie gesehen haben, dass die Börsen von einem Rekord zum nächsten eilen und die erhoffte Einstiegschance im Zuge einer starken Korrektur entgegen den Erwartungen ausblieb.

In solch einer Lage läuft man allerdings Gefahr, dass man ausgerechnet dann noch kauft, wenn die Kurse schon sehr hoch sind und vielleicht dann doch mal wieder korrigieren. Wenn Sie einen kurzen Horizont von ein, zwei oder drei Jahren hätten, würde ich Ihnen von einem Aktienkauf auf dem aktuellen Niveau abraten. Da Sie aber immerhin einen Anlagehorizont von fünf bis acht Jahren setzen, sieht die Sache für mich anders aus, obwohl auch diese Dauer für mich an der Grenze ist. Besser wäre ein Anlagehorizont von zehn oder mehr Jahren.

Sie müssen sich aber zuerst überlegen, welche Erwartungen Sie an die Aktien haben: Wünschen Sie ein Vermögenswachstum durch steigende Kurse? Oder möchten Sie einfach jedes Jahr auf dem investierten Geld einen Ertrag dank der Aktien?

Falls Sie ein Kurswachstum anstreben, würde ich jetzt nicht mehr kaufen. Zwar kann die Hausse aufgrund der rekordtiefen Zinsen und fehlenden Anlagealternativen durchaus noch etwas andauern. Das Korrekturrisiko ist aber deutlich gestiegen.

Falls für Sie das Kurswachstum aber nebensächlich ist, weil Sie nicht spekulieren und die Papiere ohnehin während mehrerer Jahre behalten möchten und primär Erträge wünschen, können Sie trotz hoher Bewertung Dividendenperlen kaufen. Beispiele dafür sind Nestlé, Roche, Novartis, Swisscom, Swiss Re, Zurich, Swiss Life, Adecco, Lafarge Holcim, Helvetia und Dufry, um nur ein paar konkrete Titel zu nennen.

Diese Papiere bringen es nach wie vor auf eine stolze Dividendenrendite von zwei bis fünf Prozent. So viel erreichen Sie mit keiner Frankenanleihe von sehr sicheren Schuldnern, die Sie allerdings ohnehin nicht wünschen. Doch Vorsicht: Auch bei diesen Aktien müssen Sie realistischerweise damit rechnen, dass Sie im Zuge von Korrekturen, die wir zweifellos sehen werden, über kurz oder lang phasenweise erhebliche Buchverluste erleiden.

Wenn Sie die Titel aber ohnehin nicht verkaufen, weil Sie hauptsächlich die Dividende interessiert, spielen die Kursschwankungen – in diesem Fall die Kurseinbrüche – eine geringere grosse Rolle. Die Frage ist dann nur, ob Sie auch gefühlsmässig mit hohen Buchverlusten leben können.

Kaufen sollten Sie also nur, wenn Sie keine schlaflosen Nächte haben, nur weil irgendwann Ihre Aktien im Keller sind. Sie müssten die Disziplin haben, dass Sie gar nicht gross auf die Kurse schauen, sondern nur die Dividenden im Auge behalten. Diese sind allerdings auch nie hundertprozentig garantiert. Bei den erwähnten Aktien ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Sie auch künftig auf attraktive Dividenden hoffen dürfen.

Wer jetzt noch kauft, braucht gute Nerven oder viel Zeit. Soll man also wieder Aktien kaufen, wenn man zu früh ausgestiegen ist? Die Antwort hängt vom Anlagehorizont und vom Zweck der Anlage ab. Wer jetzt kauft, braucht gute Nerven oder ganz einfach sehr viel Zeit und Geduld.

16 Kommentare zu «Wer jetzt noch kauft, braucht gute Nerven»

  • Schubiger Emil sagt:

    „können Sie … Beispiele … sind“
    Dufry, Nestle, SwissRe, SwissLife, Adecco und LafargeHolcim eher nicht.
    Roche und Novartis sofern dies für Sie kein Konflikt bedeutet.
    Swisscom, Zurich und Helvetia ist (alles sehr teuer)

    „WAF“ (Siltronic) hat bereits ca. Euro 6.70 Gewinn erwirtschaftet. Bald wird Q4 rapportiert und wahrscheinlich, kommen noch 2.50 dazu (also ca. 9.20/2019 evtl. gar 10 bis 10.50) Die Hälfte, ca. 4.60, wird vermutlich ausgeschüttet. Bilanz ist gesund (im Gegensatz zu zB Dufry).
    Letztes Jahr konnte gar 12.50 erwirtschaftet mit Kursmaximum bis zu 160 (130 ist durchaus realistisch, aktuell bei 90)
    Sie müssen aber auch mit Kurs 40 Leben, resp. genau dann 3x soviel zukaufen, können.

    • Anh Toàn sagt:

      Und das steht im Internet, also alle wissen es, und daher ist es bereits im Kurs eingepreist, neben vielem Anderem.

      Das Problem mit Einzelaktien: Was alle wissen, ist bereits im Kurs, und zu nutzen, was sonst keiner weiss, ist kriminell (Insiderhandel).

  • Anh Toàn sagt:

    „Wenn Sie einen kurzen Horizont von ein, zwei oder drei Jahren hätten, würde ich Ihnen von einem Aktienkauf auf dem aktuellen Niveau abraten“

    Ja, nur auch wenn ich einen längeren Anlagehorizont habe, will ich nur investieren, wenn ich gute Chancen habe, auf kurze Frist Gewinne zu erzielen. Kurzfristige Verluste schmälern eben die langfristigen Gewinne empfindlich. Also wenn ich erwarte, dass die Kurse in kurzer Zeit fallen, kaufe ich auch mit langem Horizont nicht.

    Die Frage nach der kurzfristigen Entwicklung beantwortet der Trend:

    Aber aktuell steigen die Kurse. Ist man untergewichtet, ob ausgestiegen oder halt neue Mittel zur Verfügung stehen, gibt es aus meiner Sicht keinen Grund so lange gestaffelt (wieder) zu kaufen, bis die Untergewichtung beseitigt ist.

    • Anh Toàn sagt:

      P.s: Fallende Kurse beseitigen zumindest die gefühlte Untergewichtung ganz schnell. Da kann man dann auch aufhören mit kaufen (never catch a fallin‘ knife).

      Und wenn der Markt an sich abwärts geht, gibt es bei mir eine „Halten“ Empfehlung. Man weiss nicht, wann er dreht, dreht dann oft auch recht abrupt. Auf einzelne Aktien gibt es bei mir kein „Halten“: Entweder ich kaufe ETF auf den Markt oder ich habe Aktien im Depot, zu denen ich eine klar positive Meinung habe.

      • Oil of Olaf sagt:

        Ein wirklich sauber geformtes Herdentier, unser Anh Toan.

        Wirklich erfolgreiche Anleger kaufen in aller Ruhe günstig dann, wenn die Massen wie vom Affen gebissen panisch verkaufen.

        Sicher extrem schwierig für Dich, die Psychologie der Börsen und Funktionen des Aktien Marktes richtig zu verstehen, um wahrlich profitabel anzulegen.

      • Anh Toàn sagt:

        @Oil of Olaz

        „wenn die Massen wie vom Affen gebissen panisch verkaufen.“ Ist der falsche Moment zu kaufen: Der richtige wäre, wenn die Massen……verkauft haben. Nur, wann wissen Sie, wann die dummen Massen fertig sind mit verkaufen, nichts mehr haben? Der Markt fällt, solange die Massen verkaufen und wer kauft, vernichtet viel Geld. Sie wissen nicht, wie weit es fällt und selbst wenn sie wüssten, dass eine (oder der Markt) viel mehr wert ist, als die Massen sehen, müssen es die Massen sehen, solange er mehr Wert hat. Vielleicht ändert das nämlich, bevor die Massen schlauer werden, und dann hatten Sie recht, im Prinzip, aber haben trotzdem Geld verloren. Aber ich wünsche Ihnen viel Glück beim Anlegen, ich denke, Sie können es brauchen.

    • Bernhard PIller sagt:

      @Anh Toàn: und was ist Ihre Alternative zu Aktien?

      • Anh Toàn sagt:

        Wenn Aktien (und Immobilien meistens sich ähnlich bewegen) fallen und Zinsen steigen (oder es keine gibt), ist Cash King. Werden dann die Zinsen gesenkt, verdient man gut an Anleihen (Kursgewinne), funktioniert die Ankurbelung der Wirtschaft durch die Zinssenkungen, kommen die Frühzykliker……

        Aber wie gesagt, zu Zeit steigend Aktien und Immobilien, ich sehe keine Alternative dazu.

        Eigentlich warne ich nur davor, mit dem Argument der langfristigen Strategie, kurzfristig taktisch völlig idiotisch zu handeln:

        Ich kaufe mit Absicht von baldigen Gewinnen, im Bewusstsein, dass wenn es anders kommt, ich auf lange Frist immer noch gewinnen kann. Aber sind kurzfristige Verluste wahrscheinlich (da glaube ich an Trends), kaufe ich nicht, es wird billiger, bis es wieder teurer wird.

  • Oil of Olaf sagt:

    Weshalb stieg er aus?
    Scheinbar einer mit wenig Aktien Geschäfte Verständnis.
    Hatte er Angst (die Hosen voll)?
    Logisch, was sonst. Ein Harry Hasler Stammtisch Börseler.
    Darum steht er nun mit 150 Kilo da und fragt geblendet für neues 6-8 Jahre Investment.
    Hat der jemals gewusst was er kauft und was die tun bzw. ob die günstig sind, gut aufgestellt und nachhaltig wachsen?
    Eher nein.
    Abwarten, wenn er schlau ist, wartet er nun mit gefüllter Kriegskasse auf ein sorgfältig ausgelesenes mittelgrosses Unternehmen (Aktie) mit grossartigen Geschäft zum Vorzugspreis um langfristig Anteileigner zu sein und auch zu bleiben.

    • Peter Rohner sagt:

      Ja, gute Frage: Warum stieg er aus? Ich nehme an, er stieg Ende 2018 aus, als sein Verlust am grössten war. Viel Geld vernichtet, typischer Anfängerfehler.

      Jemand, der sich an der Börse nicht wirklich auskennt und seine Ruhe haben will, soll ETFs kaufen (und bestimmt keine Einzelaktien) und Buy-and-Hold betreiben (also hier kein guter Rat von Herrn Spieler). Auf diese Weise wird man erfolgreicher sein als die meisten. — Man könnte meinen, das hat sich inzwischen rumgesprochen, aber nein, weit gefehlt …

  • Oil of Olaf sagt:

    @DJ Anh Toan
    Was Sie mich Fragen gilt in der umgekehrten Richtung genauso.
    Ich gebe Ihnen nochmals Tipps um nicht diesem absurden Hysterie Gebärden von Massensuggestion völlig ausgeliefert zu sein. Aktien (Unternehmen & Geschäfte) sind nicht statisch gekoppelt im Börsenmarkt. Wenn Sie von Aktien und den Firmen, die Sie kaufen wollen, die wichtigsten Kennzahlen und Parameter verstanden haben, können Sie sehr genau kalkulieren, wann ein Investment angebracht und preiswert ist. Sie wollen Geld verdienen, durch die Zukäufe von Aktien ihrer Firma (Teilinhaber) mit Hilfe der Massen über lange Zeit. Also seinen Sie schlauer als die gierigen Herden und steuern Ihr Engagement so, dass es sich lohnt und auszahlt. Lesen Sie Bill Graham & Warren Buffett, so lernen Sie geerdet zu Denken & zu Handeln.

    • Anh Toàn sagt:

      „können Sie sehr genau kalkulieren, wann ein Investment angebracht und preiswert ist“

      Angenommen ich (oder Soe oder sonst wer) könne dies, würde dies doch bedeuten, dass der Preis der Marktes falsch ist, dass die Massen doof sind. Nur solange die doof bleiben, ändert sich nichts am (zu tiefen) Preis Ihres Investments. Damit Sie Gewinn erzielen, müssen die Massen schlauer werden, solange die tatsächliche Unterbewertung noch besteht, also sich die Umstände nicht verändert haben. Aber wie wissen Sie, wann die dummen Massen schlauer werden?

      Ich weiss, Gold ist fast wertlos, darum vergraben wir den grössten Teil gleich wieder, also muss ich Gold shorten: Aber ich glaube nicht daran zu erleben, dass dies die Massen checken, also shorte ich kein Gold.

      • Oil of Olaf sagt:

        Die Übertreibungen am Markt sind i.O. und kalkulierbarer Bestandteil.
        Das Sie mit Ihrer Strategie nie auf einen grünen Zweig kommen, ist klar. Ihnen fehlt das grundsätzliche Verständnis wie man mit Chlütter nachhaltig arbeitet, und sie werden es auch nie gänzlich begreiffen. Die grössten Vermögen dieser Welt begründen sich auf jeweils genau auf einem grossartigen nachhaltigen Investment, Geschäft und Unternehmen. Ich wünsche Ihnen weiterhin tolle Verluste, Stammtischbörseler Anh Toan.

  • Bernhard PIller sagt:

    Wenn man saget „Wer jetzt noch kauft, braucht gute Nerven“, dann müsste man konsequenterweise auch sagen „Wer jetzt nicht verkauft, braucht gute Nerven“

    • Anh Toàn sagt:

      Sie sprechen die noch wichtigere Frage an, als wann einsteigen: Ein Investor braucht eine Exit Strategie, auf lange Frist ist alles tot, wertlos, Schrott: bevor man einsteigt, sollte man eine Ausstiegsstrategie haben.

  • Oil of Olaf sagt:

    Alles was Du brauchst, sind stabile Nerven und das Rechen Potential wie die Server und KI Software Aladin von Blackrock.
    Mehr braucht ein Finanz Jongleur wirklich nicht.

Kommentar

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